GEOWIS Logo
GeoWis ONLINE-MAGAZIN
14. Dezember 2017
Home |  Login | Kontakt | Verlag | Links   
Download-Archiv
eBook/eText Downloads
Science & Technology
Selected Portraits
Artikel & Reportagen
Deutsche Sprache
Meinungen
Musik
Rezensionen
Film
Interviews
Schnellsuche
 
Verwenden Sie Stichworte, um einen Beitrag zu finden.
Erweiterte Suche
Ankündigung

Kostenlose Downloads (Auswahl)

Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

Lesetipps

Tourismus

Wohin geht die Reise? >>

Reisen im Geburtsland Makesis >>

China-Reportagen

Chongqing - Stadt im Nebel >>

Chongqings Altstadt Ciqikou >>

Carrefour in China >>

Diaoyucheng, Hechuan >>

Beijing by Bike >>

Der chinesische Traum 1 >>

Der chinesische Traum 2 >>

Der chinesische Traum 3 >>

Spanien-Reportagen

Paxe Ryanair, Iberia! >>

High Speed Tag und Nacht >>

Der Tod kommt zweimal >>

Tarragona - Baila conmigo >>

Málaga - Glut des Südens >>

Japan-Reportagen

Hakone >>

Hakone Open Air Museum - Im Reich der Skulpturen >>

Frankreich-Reportagen

Nizza - Zwischen Arm und Reich >>

Vence - Kultort der Kultur ... >>

Nizza - Champagner muss sein >>

Côte Basque - Saint-Jean-de-Luz >>

Mauerfall-Reportagen

"Ich werd' bekloppt!" >>

"Keine Ahnung, wie die lebten" >>

"Wir wollen die D-Mark!" >>

Weitere Beiträge:
Portrait: Fielding's The World's Most Dangerous Places - Robert Young Pelton, Coşkun Aral, Wink Dulles und andere haben einen Reiseführer verfasst, der bislang alle anderen in den Schatten stellt
Portrait: Blind Pilot
Portrait: Airbag - Die norwegische Band wird als erstklassiger Nachfolger von Pink Floyd gehandelt
Portrait: Tame Impala - Psychedelischer Nostalgie-Rock updated
Portrait: Der Mann aus Martinique - Frantz Fanon, Protagonist aller Kolonisierten, Unterdrückten und Marginalisierten
Portrait: Köln 78 - Ein ehemaliger Verlag und sein Macher Joachim von Mengershausen
Portrait: Tina Modotti - Tragische Revolutionärin und grandiose Fotografin. Teil 4
Portrait: Tina Modotti - Tragische Revolutionärin und grandiose Fotografin. Teil 3
Portrait: Tina Modotti - Tragische Revolutionärin und grandiose Fotografin. Teil 2
Portrait: Tina Modotti - Tragische Revolutionärin und grandiose Fotografin. Teil 1
Portrait: Der Telök - Seit 25 Jahren Deutschlands Antwort auf Monty Python, Benny Hill und Jango Edwards mit Dadarett pur
Portrait: Camila Morgado. Ob Olga, Malu, May oder Cacilda - die brasilianische Schauspielerin ist eine der vielseitigsten ihres Fachs
Portrait: Yu Onoe - A Woman in full. Teil 2
Portrait: Yu Onoe - A Woman in full. Teil 1
Portrait: Der polnische Architekt Zbigniew Roman Dmochowski hat Nigerias traditionelle Bauweisen festgehalten. Hinter ihm lag bereits ein bewegtes Leben. Es sollte ein noch bewegteres folgen
Portrait: Hape Kerkeling - Weltstar aus Recklinghausen
Portrait: Johnny Depp - Hunters bester Freund
Portrait: Berufsförderungswerk Dortmund in neuem Anzug
Portrait: Teresa Saponangelo - Italiens erotischste Komödiantin
Portrait: Wolfgang Körner - Bekennender Macho
Portrait: Elena Poniatowska - 75 und kein bisschen leise
Portrait: Ashley Judd - "Ich trage keine Pelze"
Portrait: Vanessa Bauche - Die starke, mutige Mexikanerin
Portrait: Anne Hathaway - Die Konsequente


Portrait: Tina Modotti - Tragische Revolutionärin und grandiose Fotografin. Teil 4
[912]
rocapa36_big.gif

Die Internationalistin

Mit 17 verließ sie als nahezu mittelloser Teenager mit ihrer Mutter ihre italienische Heimat und schiffte nach den USA ein; mit 45 starb sie an nie zweifelsfrei geklärter Ursache als Revolutionärin in Mexico City. Dazwischen hatte sie ein bewegtes Leben. Teil 4

Von Tom Geddis (2012-05-03)

Vidali hat es nicht schwer, Tina Modotti Moskau schmackhaft zu machen, zumal sie dort Xavier Guerrero wiedersehen kann, von dem sie glaubt, dass er noch immer Gefühle für sie hegt und dem sie erklären möchte, weshalb sie sich für Mella entscheiden musste. Nach London, Paris und Berlin ist Moskau Europas viertgrößte Metropole, in der Fläche etwas größer als die Reichshauptstadt und hat weitaus breitere Paradestraßen als Berlin. 

Am 2. Oktober 1930 steigt sie in Moskau mit Vidali aus dem Zug. Sie kommt im Hotel Sojusnaja unter, obwohl sie gerne im Lux wohnen würde, wo ausländische Kommunisten untergebracht sind und - wie man heute weiß - abgehört und bespitzelt werden. Die Rote Hilfe hat für sie Arbeit als Übersetzerin, Lebensmittelkupons und etwas Bargeld. Sie besucht Xavier Guerrero, doch sie erfährt Enttäuschung, wie ihre Chronistin Elena Poniatowska schreibt.

Wie jeder Neuankömmling wird auch Modotti von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) unter die Lupe genommen und auf Verwendbarkeit abgeklopft, wobei die Nützlichkeit an vorderster Stelle steht. Ihrer Profession als Fotografin kann sie zunächst nicht nachgehen. Vidali ist der KPdSU als Handelsreisender in westeuropäische Länder nützlich. Er hat die Aufgabe, Spenden der Roten Hilfe auszubezahlen und den jeweiligen regionalen KPs Unterricht in marxistisch-leninistischer Weltanschauung und Widerstandstechniken zu geben.

 Schnell lernt Modotti, dass sie lediglich ein winziges Rädchen im großen Getriebe des von Stalin beherrschten, möglichst in alle Welt hinauszutragenden Kommunismus' sowjetischer Prägung ist, der weitgehend konkurrenzlos ist, weil Mao Zedong sich in China noch auf dem Langen Marsch befindet. In den kapitalistisch orientierten Ländern herrscht die Weltwirtschaftskrise; in Italien und Japan der Faschismus, der auch in Deutschland auf dem Vormarsch ist.

Modotti schreibt an Edward Weston, der längst ein anderes Leben führt und ein gefragter Fotograf in den USA ist. Aber sie schreibt ihm nicht, dass sie von Selbstzweifeln heimgesucht werde, seit sie Mexiko habe verlassen müssen, und sie schreibt ihm nicht, dass seine Auffassung von der Fotografie schon lange nicht mehr die ihre sei. Sie hält sich im Vagen, was ihre Parteiarbeit betrifft, schreibt lediglich, dass sie sich seit ihrer Ankunft in Moskau "in einem Strudel" befinde.

Sie ist der Partei nützlich und erhält mehr und mehr Aufgaben, die sie für sich selbst mit zunehmendem Stolz nach Relevanz bewertet. Zwar leidet sie unter ihrem Alltag, der sich winters als besonders trist erweist, aber sie hat Aufgaben. Und Männer. Sie beginnt eine Affäre mit dem amerikanischen Künstler Pablo O'Higgins, einem ehemaligen Schüler Diego Riveras, die nicht länge andauert.

Neuen Schub erhält ihre Karriere als Parteisoldatin, nachdem im April 1931 in Spanien die Zweite Republik ausgerufen wird, die die Monarchie und das Großgrundbesitzertum abzuschaffen gedenkt. In der Sowjetunion wehren sich zu dieser Zeit längst die Bauern mit Grundbesitz, Kulaken, gegen Moskau und die angeordnete Zwangskollektivierung, weil sie nicht den Großteil ihrer Ernten und Fleischerzeugnisse aus Viehzucht an die Städter abgeben wollen.

Anders als in Mexiko, wo die Boden- und Landreform dazu geführt hat, das die Bauern Pachtland (ejido) erhalten, das sie bewirtschaften und Überschüsse auf den Märkten verkaufen, gilt in der Sowjetunion Stalins das Kolchose-Prinzip, wonach Boden und Agrareigentum verstaatlicht wird und landwirtschaftliche Erzeugnisse - bis auf die Selbstversorgungsrationen - abgeführt werden müssen.

Vieles von dem, was außerhalb Moskaus im sowjetischen Riesenreich geschieht, bekommt Modotti nicht mit, und auch ihr Freund, Vertrauter und dann auch Liebhaber Vidali erzählt ihr nichts über die vielfältigen Gräueltaten, die an widerspenstigen Bauern und Grundbesitzern verübt werden. Die Partei schickt die Internationalistin auf Reisen nach der Tschechoslowakai, nach Schweden, Ungarn und Lettland, wo sie Stalins Enteignungspolitik propagiert.

Modotti glaubt inzwischen an den Kommunismus als einzige globale Gesellschaftsform und rechtfertigt "die Notwendigkeit, die Klasse der Kulaken zu liquidieren" (Poniatowska). Man müsse "das Alte zerschlagen und das Neue aufbauen" verkündet sie auf ihren Auslandsmissionen. Längst ist sie zu einer Apologetin der KPdSU und Stalins geworden, dessen radikale Sichtweise und Interpretation der Lehren Marx' sie unreflektiert vertritt. Sie will dienen, und sie dient. Sie hat nichts anderes mehr, nichts, als die KPdSU.

Die Partei schickt sie Ende 1932 nach Spanien, um den dortigen Genossen Spendengelder der Roten Hilfe zu übergeben. In der am Atlantik gelegenen spanischen Grenzstadt zu Frankreich, Irún, wird sie für zwei Tage inhaftiert, kommt aber unbescholten frei, weil sie sich als Touristin aus Lateinamerika herausreden kann, was sie - zurück in Moskau - im Rahmen intensiver Befragung erklärt. Man ist gnädig mit ihr. Ihre Führungsoffizierin Stassova erlaubt ihr, zu fotografieren und verhilft ihr zu einem Urlaub im Schwarzmeer-Seebad Sewastopol auf der Halbinsel Krim in Begleitung von Vidali.

Dass sie glaubt, für eine gute Sache unterwegs zu sein, erhärtet sich Ende Februar 1933, als in Berlin der Reichstag in Brand gesetzt wird. Angeblich sei der Brandstifter der Niederländer Marinus van der Lubbe gewesen. Auf jeden Fall brachte dieses Ereignis den Nationalsozialisten bei den eine Woche später stattgefundenen Wahlen mit 44% die Mehrheit im Reichstag, nachdem Hitler einen Monat zuvor die Macht zugeteilt bekommen hatte. 

Für die europäischen Antifaschisten und Kommunisten sollte nun eine extrem harte Zeit beginnen. Für Tina Modotti eine Vertiefung ihres Wirkens für die KPdSU. Man bietet ihr an, nach China zu gehen und dort dem Deutsch-Aserbaidschaner und KGB-Agenten Richard Sorge zu dienen, der seine Arbeit von Shanghai aus und in Beijing betreibt. Ihre Dienste als Fotografin und Übersetzerin sind gefragt. Vidali, der mitgehen soll, verdeutlicht ihr, dass dies - Spionage - eine neue Dimension sei. Modotti schreckt das nicht.

Zum Einsatz in China kommt es nicht. Stattdessen werden Modotti und Vidali nach Paris abgeordnet, um das dortige Büro der Roten Hilfe zu leiten, Flüchtlingen vor dem Faschismus zu helfen und neue Genossen zu akquirieren. Viele der örtlichen Künstler stehen dem Sozialismus und Kommunismus nahe, weshalb Modotti sich recht bald in Paris wohlfühlt.

Während Vidali die Verteidigung des in Leipzig wegen des Reichstagsbrands inhaftierten und vor dem Prozess stehen Stalin-Vertrauten Georgi Dimitrow organisiert und deshalb häufig in London ist, von wo aus "der Gegenprozess" (Poniatowska) verhandelt wird, kümmert sich Modotti ums Pariser Büro. Dimitrow wird in London in Abwesenheit freigesprochen. In Leipzig gelingt es ihm, den damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring als Drahtzieher des Reichstagsbrands waidwund zu schießen. Am 28. Dezember 1933 wird Dimitrow schließlich freigesprochen.

Ohne Anweisung aus Moskau unternimmt Modotti keine wichtigen Aktionen. Mit Vidali kommt es zum Streit, weil dieser einen promiskuitiven Lebensstil pflege und selten anwesend sei. Er hält Modotti vor, ihre Freunde in Mexiko sagten von ihr, sie sei eine "teure Nutte" (Poniatowska). Modotti ist konsterniert, will aber nicht ohne Vidali sein. Aber der Dienst für die Partei ist wichtiger.

Nachdem am 15. Februar 1934 der von Linz ausgegangene viertägige Österreichische Bürgerkrieg beendet war, entsandte Moskau Modotti nach Wien, wo sie Ende Februar eintrifft. Da sie ihre Kontaktleute dort aus bisher unbekannten Gründen nicht trifft, kehrt sie wenige Tage später nach Paris zurück. Dort wurde Vidali inzwischen enttarnt, verhaftet und nach Belgien abgeschoben. Modotti ist nun Leiterin des Pariser Büros der Roten Hilfe. Ihre nächste wichtige Anweisung aus Moskau lautet gemäß ihrer Biografin Poniatowska, den für August 1934 terminierten Internationalen Frauenkongress gegen Krieg und Faschismus vorzubereiten.

 Auf dem Kongress begegnet sie erstmals der fast gleichaltrigen baskischen Revolutionärin Dolores Ibárruri, die bereits seit 13 Jahren Mitglied der spanischen Kommunisten (PCE), seit 1933 Präsidentin der spanischen Antifaschistischen Frauenunion und eine leidenschaftliche Rednerin ist, weshalb sie La Pasionara genannt wird. Ibárruri ist erklärte Gegnerin der sich in der Zweiten Republik breitmachenden Rechtskonservativen, Militärs und Faschisten.

In Moskau beginnt Stalins mörderische und irrationale Ära. Er sieht sich umgeben von inneren Feinden, lässt Vertraute bespitzeln und ermorden - so Sergei Kirow, der am 1. Dezember 1934 von Leonid Nikolajew in Leningrad erschossen wird -, treibt die so genannte Entkulakisierung rigoros voran und stürzt die Bevölkerung seines Riesenreichs in eine katastrophale Hungersnot. Einige Intellektuelle, die seinen Irrsinn gerade noch kommen sehen, flüchten. Vidali, inzwischen zurück in Moskau, steht unter Verdacht, während seiner Verhaftung Aussagen gemacht zu haben und warnt Modotti vor den veränderten Verhältnissen in Moskau.

Doch die Parteisoldatin, die nichts mehr als ihr Soldatentum hat, macht weiter. Was hätte sie stattdessen tun sollen? Zu den Faschisten überlaufen? Zurück nach Mexiko gehen, das sie ausgewiesen hatte? Nach den USA, zu ihrer Familie oder in die Nähe Westons? Was hätte sie ihnen erzählen sollen? Etwa, dass sie eine gescheiterte Revolutionärin sei und eine Ex-Fotografin noch dazu?

Modotti hat nur noch die Partei und Vidali, der nicht mehr als kritischer Individualist und schon gar nicht als des Verrats Verdächtiger betrachtet wird. Er wird nach Spanien entsandt, um das Büro der Roten Hilfe in Madrid zu leiten. Modotti bleibt noch anderthalb Jahre in Moskau, nimmt am 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (1.06.1935; Komintern) teil, an dem auch mexikanische Delegierte teilnehmen, mit denen sie sich herzt, und wird 1936 ebenfalls nach Spanien abgeordnet, wo der Bürgerkrieg im Juli 1936 beginnt.

© Tom Geddis

© GeoWis (2012-05-03)

Teil 1 >>

Teil 2 >>

Teil 3 >>

Anzeige