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Architektur: Auf zu neuen Ufern - Vincent Callebaut sprengt mit seinen Ideen das Korsett des Konventionellen
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Vordenker

Vincent Callebaut bleibt seiner Linie treu und blickt unbeirrt weiter über den Tellerrand herkömmlicher Raumordnung hinaus.

Von Uwe Goerlitz (2012-11-25)

Bekäme der belgische Architekt Vincent Callebaut den Auftrag, die Waschmaschine neu zu erfinden, käme dabei sicherlich ein funktionierendes Produkt zum Vorschein, dass mit der herkömmlichen Waschmaschine kaum noch etwas gemein hätte. Doch Callebaut gibt sich nicht mit Haushaltsgeräten ab. Jedenfalls noch nicht.

kings forest marokko callebautSein Thema ist das überlebensfähige Wohnen und Arbeiten in Zeiten des Klimawandels, also das größtmögliche Thema überhaupt. Seit Jahren beschäftigen er und sein Team - Vincent Callebaut Architectures - sich mit nichts Geringerem. Internationales Aufsehen erreichte der erst 35-jährige Architekt vor wenigen Jahren mit seinen visualisierten Ideen zum Überleben der Menschheit - dem Arche-ähnlichen Wohnen in Lilypad Cities und den naturalistisch ausgerichteten Dragonfly-Gebäuden in Großstädten.

Der Welt klassischer Architekten, die sich damit abmühen, die Bauvorschriften einzuhalten - etwa in Deutschland - ist Callebaut entrückt. Die Bau- und Raumordnungsgesetze von EU-Ländern sind für das, was ihm vorschwebt, geradezu Zwangsjacken, die verhindern, dass neugedachte Architektur realisiert werden kann.

Andernorts ist man da aufgeschlossener. So in Abu Dhabi. Dort bekam er den Zuschlag eines solventen Privatinvestors, um eine Altersresidenz auf 10.000 qm Fläche in Marokko zu realisieren - 'Kings Forest‘ -, die mit 65 Millionen Euro für die Konstruktionsphase budgetiert ist. Dass sich die Schatulle eines Privatinvestors für Callebauts Visionen öffnet, bringt dem Architekten zuweilen Häme ein. Da mag Neid im Spiel sein. Wer genauer hinschaut, kann feststellen, dass die Häme aus jenen Winkeln kommt, in denen sich Baumeister verstecken, die so visionär wie ein abgetragener Turnschuh sind. Keine Traute nicht.

Callebauts Kings Forest-Projekt erinnert an einen Hülsenfrüchte-Strang und bestätigt einmal mehr, dass der freidenkende Baumeister mit hehrem Anspruch sich an der Architektur der Pflanzenwelt orientiert. Etwas, was in der normativen und visionsarmen Welt von Kommunen, Bundesländern/Provinzen und den meisten Staaten ungefähr so fremd daherkommt wie ein Kometeneinschlag an Allerheiligen. Daher kann es nicht verwundern, wenn Callebaut auf vermögende Privatinvestoren baut.

Der umtriebige Architekturvisionär hat in den vergangenen acht Jahren eine Reihe von Studien (inklusive Konstruktionszeichnungen) hervorgebracht, die zumindest Denkstoff für Architekturprofessoren und deren Studenten sind, und dort, wo sie es noch nicht sind, dringend auf den Seminarplan gehörten.

Mit seinem für Shanghai und Südchina beispielhaft entwickelten Hydrogenase-Projekt hat Callebaut in der Szene aufhorchen lassen. Hierbei handelt es sich um eine Algenfarm, die Kohlenstoffdioxid in "biohydrogenen Luftschiffen" wiederverwertet. Die Dinger haben Callebaut zufolge eine Aufnahmekapazität von 200 Tonnen und schwirren mit 175 km/h durch die Gegend. Ihren Energiebedarf entnehmen sie dem Kohlenstoffdioxid. Ihre Emission ist gleich null.

Betrachtet man die Studie nebst Bildern, kommt man kaum umhin, sich mit der Vorstellungskraft Callebauts auseinanderzusetzen. Ist er ein Spinner oder denkt er mächtig über den architektonischen wie soziologischen Tellerrand hinaus? Bevor Charles Lindbergh im Flieger den Atlantik überquerte, hatte dies niemand für möglich gehalten. Inzwischen ist der Airbus 380 im Regelflugverkehr.

haiti coral reef callebautDie Frage, ob Callebaut ein Spinner oder Visionär sei, kann man sich stellen. Doch nicht beantworten, ohne seine Ideen auf Plausibilität zu untersuchen. Er hat eine Menge drauf, so viel, dass es das Konventionelle sprengt. Neben ihm verblassen selbst Chinas revolutionäre Architekten.

Zum Wohnen vor der karibischen Insel Hispaniola hat er ein Konzept, dass einer näheren Betrachtung durchaus zu unterziehen sei. Für den westlichen Teil der Insel, der den Staat Haiti ausmacht (östlicher Teil: Dominikanische Republik), schlägt Callebaut angesichts des desaströsen Erdbebens von 2010, bei dem mehr als 200.000 Menschen zu Tode kamen, vor, auf dem vorgelagerten Korallenriff zur Hauptstadt Port-au-Prince Wohneinheiten mit vorgefertigten Modulen als Passivhäuser zu errichten.

Das hört sich kühn an. Vielleicht sogar völlig verrückt. Was Callebaut allerdings nur schwer abzusprechen ist, sind seine Denkanstöße. Seine Ideen, die er wie ein Dalí am Reißbrett umfangreich visualisiert, mögen zurzeit nur schwer zu realisieren sein. Indes, die Welt braucht Visionäre und Querdenker, um sich weiterentwickeln zu können. Callebaut ist einer von ihnen.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2012-11-25)

Vincent Callebaut Architectures >>

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