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Earle, Steve - I'll Never Get Out Of This World Alive. Rezensiert von Hansjörg Bucher zum 90. Geburtstag von Hank Williams
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Steve und Hank

Es kommt eher selten vor, dass von einem Erstlingsroman sowohl der Autor als auch der Buchtitel bereits wohl vertraut sind, wenn auch nicht auf dem Feld der Literatur. Auf Steve Earles Erstling I’ll Never Get Out Of This World Alive trifft dies zu.

Von Hansjörg Bucher (2013-09-17)

Der Autor ist ein weithin bekannter und vielfach ausgezeichneter amerikanischer Musiker, der Romantitel ist identisch mit einem über ein halbes Jahrhundert alten Song von Hank Williams. Obwohl es sich hier nicht um ein Hörbuch handelt, werden bei seiner Rezeption auch die Ohren angesprochen. Denn mit dem Buch erschien zeitgleich eine CD des Autors mit identischem Titel. Besprochen wird hier das Gesamtprojekt, Buch und CD.

steve earle - never get out of this world alive - geowis - bucherDas Buch

Der Autor: Als Erstlingsautor verhält sich Steve Earle geschickt, denn er schreibt von Dingen, die ihm vertraut sind. Er wählte als zentrale Figur seiner Geschichte eine Person, die er gut kennt - sein musikalisches Idol Hank Williams. Die Handlung spielt in der Gegend, in der er selbst aufgewachsen ist. Und schließlich schreibt er im Zusammenhang mit dem Drogenkonsum eines der Protagonisten von Befindlichkeiten, die er auch schon durchlebte.

Steve Earle ist zwei Jahre nach dem Tod von Hank Williams geboren. Er ist ein Singer-Songwriter, am ehesten könnte man ihn einen Country Rocker nennen. Formal spielt er zwar Country Music, doch seine Zuordnung zu diesem Genre fällt schwer. Er ist keiner von diesen stockkonservativen Sängern mit dem roten Nacken, sieht sich selbst als Sozialisten, engagiert sich auch politisch.

Eher aus ideologischen Gründen, einer gewollten Abgrenzung liberal gesinnter Musiker zum etablierten Mainstream, entstand in den letzten Jahrzehnten der Alternative Country oder auch Americana. Dort ist Earle musikalisch zuhause. Er war von Jugend an gegen den Strich gebürstet, ein wilder Junge, der immer den schwierigeren Weg wählte. Gleichwohl durfte er im Musikgeschäft große Anerkennung erfahren, indem er mit drei Grammys und vierzehn Grammy-Nominierungen ausgezeichnet wurde.

Earle gehörte zu den hoch talentierten, aber kaputten Typen wie Townes Van Zandt oder Warren Zevon. Dass er im Gegensatz zu denen noch lebt, grenzt fast schon an ein Wunder. Im letzten Jahrzehnt hat sich sein Leben stabilisiert. Er ist von seiner Sucht losgekommen, hat in siebter Ehe jetzt offensichtlich die Richtige gefunden, ist erkennbar gereift. Der Anstoß für dieses Buch-CD-Projekt kommt aus der Familie: Die lange Krankheit seines Vaters und schließlich dessen Tod brachten ihm spirituelles Gedankengut nahe. Letztlich geht es ihm in seinem Roman um die Sterblichkeit. Er widmet das Buch seinem Vater Jack D. Earle.

Die Geschichte: Erzählt wird der letzte Lebensabschnitt eines Arztes, der wesentlich bessere Zeiten hinter sich hat. Er ist massiv suchtmittelabhängig, seine Approbation wurde ihm längst entzogen. Gleichwohl praktiziert er noch. Sein Sprechzimmer ist das Hinterzimmer einer Kneipe in San Antonio, Texas. Belegbetten hat er bei Bedarf in einer Pension, die vornehmlich als Bordell fungiert und in der der Doc auch wohnt.

Innerhalb dieses Milieus erfüllt er die zentrale Daseinsfunktion der qualifizierten medizinischen Versorgung und zeigt dabei eine hohe soziale Kompetenz. Er agiert als Mediziner am Rande der Legalität, oftmals auch jenseits dieser Grenze, wobei der Schwerpunkt seiner chirurgischen Eingriffe in der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen und in der Versorgung von Schuss- und Stichverletzungen liegt. Die Akteure dieser kleinen Welt sind durchweg sympathisch, ohne dass der Autor die Situation verklärt.

Bewegung kommt in dieses System, als dem Doc eine blutjunge Mexikanerin, illegal im Land, bei der Abtreibung fast verblutet. Sie kann nicht - wie sonst üblich - ambulant behandelt werden, sondern bleibt als Notfall bei ihm. Noch rekonvaleszierend, macht sie sich beim Doc gleich nützlich. Und er, von Haus aus einsamer Wolf, erliegt schnell dem süßen Gift ihrer Fürsorglichkeit.

Auch sonst geschehen bald wundersame Dinge im Umfeld dieses jungen Mädchens: Süchtige verlieren ihre Abhängigkeit, Sünder kehren in den Schoß der Kirche zurück, leichte Mädchen entsagen ihrem Gewerbe, Kranke werden geheilt, Dealer wechseln den Beruf. Dies spricht sich herum. Die katholische Kirche wird hellhörig, beansprucht sie doch das Monopol für die Definition von Wundern. Und so wird über einen katholischen Priester ein zweiter Impuls ausgelöst. Die Folgen sind schwer bis katastrophal. Allerdings verbleibt auch ein optimistischer Ausblick, zumindest für die junge Mexikanerin.

Dies ist aber erst die halbe Geschichte. Denn der Doc hat einen Geist. Nicht irgendeinen zugelaufenen, sondern einen, den er bereits zu Lebzeiten kannte. Es ist sein ehemaliger Patient Hank Williams, der berühmteste aller Country-Sänger, vor zehn Jahren zur Unzeit verstorben. Docs Gewissen ist deshalb nicht frei von Schuldgefühlen.

Der Künstler und sein Arzt - ein solches Paar bildete schon mehrfach eine brisante Kombination, zumal, wenn der Künstler Schaden nahm und womöglich verstarb. Als jüngstes Beispiel wurde Michael Jacksons Leibarzt in einem Gerichtsverfahren der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen und zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt. Auch nach Elvis’ Tod wurden medikamentöse Besonderheiten, wenn nicht Ungereimtheiten festgestellt. Er starb zwar nicht an einer Arzneimittelvergiftung. Und doch konnte nach der Obduktion durchaus der Eindruck entstehen, dass sein Arzt den King zu einer singenden Apotheke gemacht hatte.

Bei Doc und Hank waren die Zeiten noch etwas anders, zumal der Gesundheitszustand des Sängers den Gebrauch des Rezeptblockes weitgehend rechtfertigte. Hank Williams hatte Rücken, und das richtig heftig. Er litt seit seiner Geburt an einer Wirbelsäulendeformation (Neuralrohrfehlbildung, spina bifida occulta). Der Schmerz war sein ständiger Begleiter, ärztliche Betreuung zwingend notwendig. Selbst dem Geist von Hank tut in dem Roman noch das Kreuz weh. Dennoch ist es ein anderer Grund, warum er über den Tod hinaus die Nähe des Doc sucht. Er hatte ja Familie, hätte sich um die Erziehung seines kleinen Sohnes kümmern können. Oder die Karriere: Er war gerade in die Country Music Hall of Fame aufgenommen worden. Hanks Rat wäre in den Aufnahmestudios gefragt gewesen.

Nein, sein Motiv lag auf der Gefühlsebene. Hank war ein Spezialist der Einsamkeit. Er war nicht einfach lonely im Sinne einer vorübergehenden Befindlichkeit, sondern richtig lonesome als Dauerzustand der Seele. Und der Doc war sein Seelenverwandter in Sachen Einsamkeit. Mit ihm gemeinsam einsam wollte er den Rest der Ewigkeit verbringen. Und deshalb lungerte er unablässig in Docs Nähe herum, war auch schwer beunruhigt bis genervt über die Aktivitäten der jungen Mexikanerin. Hank wartete mehr oder weniger aktiv auf Docs Übertritt ins Schattenreich. Seine Geduld wurde letztendlich belohnt.

Der Geist: Hank Williams ist einer der Gründerväter der modernen Country Music. Er ist durchweg anerkannt und hoch geschätzt, fungiert gewissermaßen als der gemeinsame Nenner aller Country Subgenres. Sein Wirken ist in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. In nur wenigen Jahren und unter widrigen Bedingungen schuf er ein Werk, das zum Kanon des Country wurde. Darüber hinaus wirkte er in andere Musikrichtungen hinein (man spricht heute von Cross over). Das Besondere waren seine direkten, emotionalen Texte: "Pardon me if I’m sentimental" - eine solche Bitte um Nachsicht wäre ihm nicht über die Lippen gekommen, die sang ein anderer Hank.

Allerdings handelten seine Songs vornehmlich von problematischen Beziehungen, von partnerschaftlichen Schlachtfeldern und emotionalen Katastrophen. Kein Wunder, denn sein eigenes Leben war auch eher chaotisch. Er geriet immer an die falschen Leute. Das fing schon mit seiner Mutter an, gipfelte, na klar, in seiner ersten Gattin, wurde verstärkt durch seine Geschäftspartner, die seine Alkoholsucht nicht als Krankheit begriffen. Er wurde deshalb nicht therapiert, sondern mit Sanktionen belegt und abgestraft. Umso imponierender ist seine Leistung zu Lebzeiten, ist seine Bedeutung bis heute.

1987 wurde Hank Williams auch in die Rock & Roll Hall of Fame aufgenommen, in der Sparte Early Influence. Er war ein Proto-Rockabilly am Vorabend des Rock & Roll. Zum richtigen Rocker taugte er nicht. Dazu war er zu früh geboren, fast zwölf Jahre vor Elvis; dazu war er mit 29 zwei Jahre zu spät gestorben; dazu sah er zu uncool aus, schmallippig in einem zu groß geratenen, bestickten Cowboy-Anzug; dazu war sein Verhältnis zu Frauen zu devot, kein bisschen Macho. Und dennoch: Er erzielte mit seiner Musik starken Einfluss auf die kommenden Generationen von Rockern.

Von ihm wird sogar vermutet, er sei der Lokführer des Mystery Train gewesen. From Hank to Hendrix - dieser Bogen war gar nicht so weit gespannt, wie man meinen könnte. Sein Gitarrenspiel hatte er bei einem schwarzen Straßenmusiker verfeinert, seine Texte trugen den Blues in sich. Da war es wenig verwunderlich, dass auch schwarze Musiker seine Songs coverten oder - von ihm inspiriert - Country-Elemente in ihre eigenen Kompositionen integrierten. Für die Kernschmelze des Rock & Roll - Rhythm & Blues mit Country & Western - war Hank Williams das Gegenstück zu Robert Johnson.

steve earle - never get out of this world alive album - geowis - bucherDas Album

Das Album zum Buch benötigte einen langen Produktionszeitraum - vier Jahre, ungewöhnlich für Steve Earle. In diese Zeit fiel die Krankheit seines Vaters, die letztlich zur endgültigen Konzeptentwicklung des Albums führte. Denn vier der elf Titel waren zunächst für andere Projekte vorgesehen gewesen, davon zwei für ein Album von Joan Baez (God is God und I am a Wanderer).

Earle ist ein guter Geschichtenerzähler. Seine kritischen Texte werden vordergründig durch liebliche Melodien entschärft, können aber auch schon einmal ins Bedrohliche umkippen.

Die Inhalte befassen sich mit eigenen Lebenserfahrungen und Einsichten, mit Gott und der Welt, mit Religion und Glauben. Sie greifen aber auch von Menschen verursachte Katastrophen auf wie die Verschmutzung des Golfs von Mexiko bei der Erdölgewinnung oder das Absaufen der Stadt New Orleans nach Hurrikan Katrina. Produzent der CD ist T-Bone Burnett, der die Regler bediente und schon mal zur Klampfe griff. Auch Earles Gattin Allison Moorer ist mit der Band. Gemeinsam steuern sie ein sehr schönes, gleichwohl zwiespältiges Duett (Heaven or Hell) bei.

Wer nicht die CD kauft, sondern die Titel als mp3 herunterlädt, bekommt einen Bonus Track dazu, die Cover-Version von Hank Williams’ Lied, das der CD und dem Buch den Namen gibt. Dies ist insofern eine Besonderheit, weil Earle, in seiner Auswahl und Interpretation von fremdem Liedgut sehr sicher, zwar Jimmie Rodgers, noch niemals jedoch Hank Williams gecovert hatte.

steve earle - lost notebooks - geowis - bucherDer Nachtrag

Für die CD The Lost Notebooks vertonten verschiedene Künstler der Musikgenres Folk, Country und Country Rock Liedertexte von Hank Williams. Veröffentlicht wurden sie 2011, fast 60 Jahre nach seinem Ableben. Die Entwürfe dieser Songs hatten eine erstaunliche Geschichte. Hank Williams war offensichtlich nicht nur kreativ, sondern auch ein disziplinierter Arbeiter. Inmitten seines rastlosen Lebens komponierte er fortwährend.

Er hielt die Liedertexte - Noten konnte er nicht schreiben - auf Notizzetteln fest, die er dann bei Plattenaufnahmen heranzog und im Studio vertonte. Nach seinem Tod gab es vier Kassetten mit sechzig solcher Entwürfe. Durch verschiedene glückliche Fügungen, spannend beschrieben im Booklet zum Album, kamen diese Lieder in den Besitz seiner Plattenfirma und wurden dort als Schatz erkannt und aufbewahrt.

2008 wurde ein Teil dieses Erbes dem wahren Hüter des amerikanischen Heimatliedes, Bob Dylan, ausgehändigt mit dem Auftrag, die Lieder zu vervollständigen. Er brachte einen der zwölf Songs selbst zu Ende, die anderen gab er weiter an andere Künstler, die alle einen engen Bezug zu Hank Williams’ Werk hatten. Alte Country Sänger wie Levon Helm, Schlagzeuger bei The Band, oder Merle Haggard, dem Americana verbundene Künstler wie Lucinda Williams oder Sheryl Crow, sein Sohn Jakob Dylan, der umtriebige Jack White (u.a. The White Stripes), die eher jazzige Norah Jones und Hanks Enkeltochter Holly fungierten als Co-Autoren des Denkmals, beschworen seinen Geist herauf.

Das Ergebnis ist vielfältig. Es zeigt im Kleinen, wie die späteren Generationen mit seinem Werk umgingen. Die Puristen waren eher peinlich darauf bedacht, es ihm genau nachzumachen ("Are you sure Hank done it this way?"). Die Kreativen waren von ihm zwar inspiriert, blieben aber doch immer noch sie selber und bewahrten sich die eigene Handschrift. Das Endprodukt sind zweifellos Hank Williams-Lieder, die man ohne Zögern posthum als Teil seines Lebenswerkes bezeichnen kann. Sie bleiben aber in ihrer Zeit eingefroren, sind nicht wie Cashs American Recordings, geben kaum Hinweise, wie Hanks Werke, hätte er überlebt, im reifen Alter geklungen hätten.

Die Widmung: In den 1990er Jahren wurde Americana ein eigenständiges Format, gewann an Bedeutung und Dynamik. Auf diese Entwicklung und den engen Bezug zu den Wurzeln dieser Musik machte mich mein Freund Ralf Mai aufmerksam. Durch ihn hörte ich erstmals Johnny Cashs American Recordings, er machte mich mit Hank Williams’ Tribute-Album Timeless und mit Hanky Panky von The The vertraut. Ralf ist 2012 mit erst 41 Jahren an Krebs gestorben. Ihm widme ich diese Besprechung und lege dafür Steve Earles Cover-Version von Buddy Hollys Crying Waiting Hoping auf.

Hank Williams wäre am 17. September 2013 90 Jahre alt geworden.

© Hansjörg Bucher

© GeoWis (2013-09-17)

Steve Earle: I'll Never Get Out Of This World Alive. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gunnar Kwisinski. Hardcover mit Schutzumschlag, 384 S., ISBN 978-3-89667-463-0; Karl Blessing Verlag, München, 2011.

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