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Deutschland: "Containern" gleich Einbruchdiebstahl? Drei Studenten stehen in Eschwege vor Gericht, weil sie weggeworfene Lebensmittel aus dem Abfall geholt haben. Besser wäre es, wenn die professionellen Lebensmittelverschwender bestraft würden
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Gemüse im Kopf

Drei Studenten stehen im hessischen Eschwege vor dem Amtsgericht, weil sie Lebensmittel aus Müll-Containern vom Gelände eines Supermarktes gefischt haben.

Von Hubertus Molln (2014-02-19)

In den 1960ern und 1970ern galt Über-den-Zaun-Klettern", um in Nachbars Garten unerlaubt Kirschen zu pflücken, als Streich, juristisch aber schon damals als Diebstahl. Mancher Obstgartenbesitzer hat verärgert darüber hinweggesehen, dass ihm da einzelne Kirschen, Äpfel oder Himbeeren abgepflückt wurden. Wenn er einen dieser Schlingel erwischte, gab’s ein ordentliches Kneifen an den Ohren.

Je nach Region und Nachbar wurde die Polizei gerufen, die den Schlingel streng ermahnte und ihn dann nach Hause brachte. Im Streifenwagen. Das war für viele illegale jugendliche und heranwachsende Obstdiebe die Höchststrafe, denn sie wussten: Gleich gibt es eine Tracht Prügel von Vattern und Stubenarrest. Nicht wegen der Tat, sondern wegen des Nach-Hause-Bringens durch die Polizei und der Peinlichkeit gegenüber den Nachbarn.

Dass diese vergleichsweise humanen, nachsichtigen Zeiten in unserer Überflussgesellschaft längst vorbei sind, zeigt sich seit einigen Jahren an vielen Beispielen. Da fahren manche Arbeitgeber volle Geschütze auf, wenn jemand einen Pfandzettel nicht abgegeben hat. Unterschlagung, heißt es dann juristisch. Wieder andere belangen ihr Personal, weil es von einer Sitzung übrig gebliebene Frikadellen verzehrt oder mit nach Hause nimmt. Die Folge: fristlose Kündigung.

So etwas wäre vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren undenkbar gewesen. Staatsanwälte hätten sich wohl scheckig gelacht, das zu verfolgen, und hätten sie es Richtern vorgelegt, hätten die sich die Staatsanwälte in der Kantine vorgenommen und sie unter Umständen gefragt, ob sie die Justiz behindern wollten. Vielleicht wäre Staatsanwälten und Richtern auch vorgeworfen worden - wenn sie sich mit den jugendlichen Obst-Mopsern formaljuristisch beschäftigt hätten -, ob sie noch in der juristischen Tradition des Dritten Reichs stehen.

Doch die Zeit der Harmlosigkeit scheint vorbei zu sein. Heutzutage ist damit zu rechnen, das ein Sondereinsatzkommando (SEK) vorstellig wird, wenn jemand in Nachbars Garten unerlaubt Obst gepflückt oder aus einem Müll-Container weggeworfene Lebensmitteln entnommen hat. Da greift der Rechtsstaat zu, da ist er unerbittlich wie vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Damals wurden Kartoffel-, Eier- und Kohlediebe empfindlich bestraft. Damals aber lebte dieses Land nicht im Überfluss. Es gab keine Wegwerf-, sondern eine Sammelgesellschaft. Jeder Brotkrümel wurde zig Mal zerkaut und durch den Gaumen gewalkt.

Nun stehen im hessischen Eschwege drei Studierende vor Gericht, die im beschaulichen Witzenhausen an der Werra, wo die seit Jahrzehnten Jugendgruppen als Herberge und Attraktion dienende Burg Ludwigstein hoch auf dem Berge thront und in den Wäldern drum herum der Siebenschläfer wohnt, Lebensmittel und verwertbaren Abfall aus Supermarkt-Kontainern entnommen haben. Sie sind dazu über einen Zaun geklettert. Kein schnöder Gartenzaun, sondern einer, der modern ist, feuerverzinkt. Macht was her. Dennoch ein Zaun, keine Hochsicherheitsanlage mit Stacheldraht und Bewegungsmeldern mit zugeschalteten Flutlichscheinwerfern, aus der man normalerweise eher auszubrechen als in sie einzubrechen versuchte.

Wegwerfgesellschaft - Studenten wegen Containern vor Gerich - geowisIm September 2013 hatten die beschuldigten Lebensmittelabfall-Entnehmer einen Strafbefehl über 90 Tage zu je 50 € erhalten, mithin 4.500 €, gegen den sie Widerspruch einlegten. Studenten einen Tagessatz von 50 € aufzuerlegen, ist für sich genommen schon reichlich realitätsfern. Und dann noch für Weggeworfenes. Man muss die Frage immer wieder stellen: Wie ungerecht ist das deutsche Rechtssystem, das für sich in Anspruch nimmt, gerecht zu sein? Und wie verpeilt sind deutsche Staatsanwälte, wenn sie sich mit Bagatellen beschäftigen, die in etwa so relevant sind wie unerlaubtes Urinieren in öffentlichen Grünanlagen?

In einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft, wie sie Deutschland heute ist, wirkt es geradezu grotesk, Menschen zu kriminalisieren, die sich in den Müll geworfene Produkte aneignen. Die Produkte sind ja zur Vernichtung weggeworfen worden. Ein Vermögensschaden für den Eigentümer als Wegwerfer ist qua Logik ausgeschlossen.

Man sollte eher die Bedarfsplanungs- und Einkaufspolitik von Lebensmittelverkäufern hinterfragen. Und deren Vorgesetzte, die an Vorstände zu berichten haben, also nach oben kriechen und nach unten treten. Die Kette an Kalfaktern ist lang, doch einer steht oben, der die Gehaltsschecks ausstellt. Diesen gilt es, zu kriminalisieren, denn er ist verantwortlich für das, was seine Kalfakter gleich welchen akademischen Grades oder dualer Ausbildung in seinem Namen veranstalten.

Da wird über Bedarf eingekauft, damit kein Regal, keine Gemüsekiste leergekauft erscheint. Angeblich wolle es der Kunde so, wie es landläufig gelegentlich verbreitet wird. Wer’s glaubt, ist selbst schuld. Bisher existiert keine veritable Sudie darüber, ob Kunden geweint, randaliert oder mit einer Klage gedroht hätten, wenn Strauchtomaten oder Auberginen oder was auch immer für Lebensmittel mal vergriffen waren. Auch nicht darüber, inwieweit die Kundschaft zur Konkurrenz gewechselt hätte, wenn das eine oder andere Produkt ausverkauft war.

Mehr einzukaufen, als man braucht, kennzeichnet beim privaten Konsum nicht nur die Überflussgesellschaft, sondern ist im kommerziellen Bereich auch Indiz für unzureichendes Bedarfsplanungsvermögen. Vulgo: Lieber mehr einkaufen als zu wenig im Sortiment haben. Was übrig bleibt, kommt in den Abfall. Oder zu den Tafeln, die fest mit dem Übereinkauf ihrer Spender rechnen und darauf ihre seltsame Samariter-Existenz gründen.

Über die Masse wird ein niedriger EK-Preis erzielt. Der Einzelhändler geriert sich als Konzern und diktiert über die Masse die Preise, etwa Aldi, Lidl, Tengelmann (Netto, Kaiser’s),Real, Edeka. Die Zeche zahlt der, der das Zeug anpflanzt oder produziert. Bei all diesen Einzelhandelskonzernen ist Wegwerfen eingepreist. Drittnutzer, die sich der Überflussgesellschaft entgegenstellen und nicht einsehen wollen, dass Lebensmittel, die noch genießbar sind, nicht in den Abfall gehören und sich daher daraus bedienen, werden vor Gericht gezerrt und nicht selten bestraft. Das ist schizoid.

Bestraft gehören die Wegwerfer, gekündigt die Überfluss- und Einkaufsplaner, geächtet die ganze Branche der Lebensmittelpreisdrücker, abgeschafft die Tafeln. Und jene, die glauben, billig sei gut, sollten zum Arzt gehen und überprüfen lassen, ob sie statt Hirn nur Gemüse im Kopf haben. Am besten in Begleitung von Staatsanwälten, die sich mit Bagatellfällen wie "Containern" beschäftigen.

© Hubertus Molln

© GeoWis (2014-02-19)

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