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Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

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Deutscher Buchpreis: "500.000 Euro für den besten Roman" TEIL 1
[152]

"500.000 Euro für den besten deutschen Roman"

Der vorwiegend in Mexiko lebende deutsche Autor Tom Geddis hat seinen ersten Roman, Coahuila, als E-Book veröffentlicht. Frank Kitzelmann traf den streitbaren Autor in Düsseldorf.

FK: Herr Geddis, Sie haben vor fünfzehn Monaten mit Coahuila (sprich: Koahuila) einen Roman vorgelegt, dessen Publikationsart, Struktur und Ende nicht gerade gängigem deutschen Romanverständnis entsprechen.

TG: Was verstehen Sie unter gängigem deutschen Romanverständnis?

FK: Literarisches zwischen zwei Buchdeckeln.

TG: Wenn das alles ist, haben Sie Recht.

FK: Sie beschreiben detailliert, manchmal minutiös, und nah an der Wirklichkeit. Glauben Sie, dass dieser Neo-Realismus heutzutage wieder ein Stilmittel ist, um eine breite Leserschaft zu erreichen?

TG: Es ist ein nicht allzu komplexer, linear aufgebauter Ensembleroman. Ich wandere ein wenig zwischen den Genres. Elemente des Westerns, des Thrillers und des Abenteuerromans finden sich genauso wie manche des Kammerspiels. Nicht kompliziert.

FK: War es nicht möglich, Max, Ihren Protagonisten, als absoluten Helden erscheinen zu lassen?

TG: Dann wäre es eine andere Geschichte geworden, wahrscheinlich eindimensional. Die vielen Charaktere als Vehikel für eine Klimax zu missbrauchen, hätte meiner Art zu schreiben widersprochen. Zum stereotypen Helden, das wird deutlich, eignet sich Max innerhalb dieses Ensembles nicht.

FK: Weil er gefühlskalt und verschroben ist?

TG: Er ist rational, ordnet alles einem Ziel unter. Er ist ein konzentrierter Planer und Macher und durchaus emotional.

FK: Sich mit ihm zu identifizieren, ist nicht einfach. Ist es eine Geschichte ohne Identifikationsfigur?

TG: Aber nein. Es gibt sogar mehrere. Es geht ja nicht, wie in einem Thriller, nur um das Pacing und einen Helden, sondern um ein Ensemble. Es geht um Brüche und Wandlungen, ums Versagen, ums Durchhalten und ums Obsiegen. All dies vollzieht sich wesentlich in einer unwirtlichen Region.

FK: Insofern könnte man annehmen, die Region sei der Protagonist.

TG: Lesern ist erlaubt, alles alles zu vermuten.

FK: Sie haben in Coahuila einiges zusammengebracht: den Einmarsch der ehemaligen UdSSR in Afghanistan, den Vietnamkrieg, den Krieg auf den Falkland-Inseln, die Sie Malvinas nennen, den ersten Golfkrieg, die mexikanische Drogenmafia, Schmuggel. Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?

TG: Die meisten Ereignisse gehören zu den Biographien der Figuren. Die Brüche darin verdeutlichen ihre Wandlungen und Handlungen. Sie sind ein Korrelat zu der Figuren Vergangenheiten. Es ist zum Teil sicher auch eine Reflexion auf die nachhallenden Kriege der vergangenen vierzig, fünfzig Jahre - den Balkan ausgelassen. Alle wichtigen Figuren tragen eine Bürde. Alle befinden sich in Konflikten. Die Malvinas werden allerdings nur am Rande ins Spiel gebracht. Der Roman lebt von seinem Ensemble.

FK: Beim Film ist Robert Altman für das sinnhafte Auftreten derart vieler Figuren bekannt. In der Literatur Thomas Pynchon, etwa in V., oder Tom Wolfe.

TG: Nun übertreiben Sie. Pynchons Ausdruck und Stil unterscheiden sich kolossal vom von mir gewählten. Außerdem verweilt er intensiver, ohne die Handlung entscheidend zu verlangsamen, versteht sich. Das ist schon große Literatur. Auch mit Altmans Filmstil - ich vermute, Sie spielen auf Short Cuts an - hat Coahuila nichts zu tun.

FK: Man merkt es dem Roman an, dass Sie sich in Mexiko und mit den Verhältnissen dort auskennen. Sind Sie auf Widerstände gestoßen?

TG: Es gab einige Male Probleme mit dem Wetter, was sich dann als Glücksfall erwies, weil es mich dazu inspirierte, einige Szenen damit auszustatten.

FK: War es zu heiß?

TG: Die Hitze war kein Problem. Regen.

FK: Zu welchen Szenen hat er Sie animiert? Zu denen am Fluss?

TG: Nein, die meisten dazu waren bereits verfasst. Doch zum Beispiel zu jener, in der Albertos Gewächse zerstört werden.

FK: Womit Sie ihn, der ein rauhbeiniger Bandit ist, durch seine Reaktion infantil erscheinen lassen.

TG: Regen eignet sich gut, um zu beobachten. Er kann im Nu eine Landschaft genauso verändern wie Menschen, denen er verborgene Charakterzüge entlockt, sie fluchen, depressiv werden oder irrationale Aktionen unternehmen lässt.

FK: Max ist der Zeremonienmeister.

TG: Ohne Hilfe könnte er keiner sein.

FK: Sie begnügen sich nicht damit, den Leser durch eine exotische Landschaft zu führen, sondern nehmen ihn auch noch auf eine Höhlenexpedition mit. Gibt es die in Ihrem Roman vorkommende Höhle in Coahuila?

TG: In den Bergen Coahuilas gibt es einige Höhlen und Stollen.

FK: Wovon haben Sie sich bei der dramatischen Sequenz am Fluss leiten lassen?

TG: Ich gestehe, dass ich einige Filme kenne, die mich für diese Sequenz inspiriert haben könnten, zum Beispiel John Boormans Flußfahrt, Otto Premingers Fluß ohne Wiederkehr oder Roland Joffés Mission. Mir ist aber kein Roman oder Film bekannt, in denen eine solche Sequenz vorkommt. Ich habe sie mir ausgedacht.

FK: Sie lassen den Leser lange im Unklaren darüber, weshalb Max so handelt, wie er handelt, setzen Finten und bedienen sich Elementen des Krimis.

TG: Da widerspreche ich Ihnen. Beim Krimi stellt sich stets die Frage nach dem Täter.

FK: Und die nach dem Motiv.

TG: In Coahuila ist der Täter vom Leser recht schnell erfasst. Max' Motiv eher nicht. Seine Anstrengungen, den Täter zu stellen, unterliegen im Wesentlichen einem emotionalen Antrieb. Die vom Täter begangenen Verbrechen hingegen nicht.

FK: Sie überlassen das Emotionale aber weitgehend einigen weiblichen Figuren und tun dies in atypischer Manier. Warum verzichten Sie auf klassische Liebesszenen und rationalisieren die erotische Ebene?

TG: Weil sie mich anöden, wenn ich sie in einem Roman oder Film vorfinde. Weshalb also sollte ich mir die Mühe machen, welche zu schreiben?

FK: Kaum ein Romanautor verzichtet auf Liebesszenen oder Erotik.

TG: Dafür ist in dieser Geschichte kaum Platz, doch wenn Sie aufmerksam gelesen haben, konnten Sie festellen, dass es eine hocherotische Szene gibt.

FK: Allerdings ohne Berührung.

TG: Die Verteilung emotionaler Eigenschaften in Konflikte halte ich für spannender und kräftiger. Und sie sind nicht auf die weiblichen Charaktere beschränkt. Denken Sie nur an Peters Alptraum, der mich einen Monat in Anspruch genommen hatte, bis er stand. Oder an Mulligans Gefühlsausbruch. Oder denken Sie an Lucy. Gefühle pur. Das Rationale ist, zumindest in dieser Hinsicht, mein Schreibstil. Außerdem gibt es ja einige kleine Szenen, auf die Ihrer Meinung nach Leser nicht verzichten wollen.

FK: Stilistisch erinnert Ihr Roman auch an den inzwischen überkommenen New Journalism, wie er zum Beispiel von Tom Wolfe in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts modern wurde.

TG: Was heißt schon überkommen? Es geht immer nur um die Leser. Das vergessen viele. Ich mag Ihnen dahingehend gern zustimmen, Fakten angereichert mit Fiktion vermengt zu haben. Grundsätzlich aber halte ich nicht allzu viel davon, diesen Roman mit den Werken derart gestandener Autoren wie Pynchon oder Wolfe zu vergleichen. Die Art von Tom Wolfes Romanen, dessen Stil ich schätze, von dem ich bisher jedoch lediglich A Man in Full, Charlotte Simmons und The Purple Decades gelesen habe, trifft es nicht. Doch was mir gefällt, ist, daß Wolfe traditionell recherchiert, sich dazu auch auf Terrain begibt, das nicht das ihm vertraute ist. New Journalism als literarisches Stilmittel gab es allerdings schon vor ihm. Denken Sie an Hemingway, oder - auf einer anderen, ungleich detailreicheren Ebene - an James Michener.

FK: Sie halten Recherche also für notwendig, um einen Roman zu schreiben?

TG: Wenn ein plausibler Roman herauskommen soll, unbedingt. Die Annahme, einen Roman sozusagen aus dem Bauch heraus verfassen zu können, teile ich nicht. Selbst wenn jemand über seine Großmutter zu schreiben vorhätte, käme er nicht umhin, über das ihm von ihr Bekannte hinaus zu forschen.

FK: Steht dieser Aufwand in einem vernünftigen ökonomischen Verhältnis zu dem, was mit einem Roman an Einkommen erzielt werden kann?

TG: Ich recherchiere und sammle so viel Material vor Ort, dass der Fundus ausreicht, um mehr als einen Text daraus zu generieren. Sofern es notwendig ist, besuche ich dann lediglich den einen oder anderen Schauplatz noch mal.

FK: Mit dem terroristischen Angriff auf die USA im Jahr 2001 gehen Sie in Ihrem Roman nicht gerade zimperlich um.

TG: Für Zimperliches auf dieser Ebene bin ich nicht zuständig. Meine Prämisse ist, die mediale Wirklichkeit nicht als die einzige hinzunehmen. Dieses mörderische Ereignis lässt sich als Nicht-Amerikaner oder Nicht-Dabeigewesener meines Erachtens am besten auf rationaler Ebene betrachten und behandeln.

FK: Das klingt nach Distanz.

TG: Das ist Ansichtssache. Abgesehen davon, dass auch hunderte no-names im WTC umgekommen sein sollen, darunter offenbar viele Mexikaner, konnte ich beobachten, dass sich die Bestürzung über dieses Ereignis unter der mexikanischen Bevölkerung seinerzeit in Grenzen hielt. Die meinungsbildenden Zeitungen und Zeitschriften transportierten natürlich wesentlich die Ansicht des offiziellen Mexikos. Davon darf man sich nicht blenden lassen. Ein terroristischer Angriff dieser Dimension ist zu komplex, um ihn mit einfachen Mustern erläutern zu können.

FK: Oliver Stone, der bisher bekannt dafür war, gegen den Mainstream zu filmen und Amerika den Spiegel vorzuhalten, scheint diese Komplexität mit seinem neuen Film durch Patriotismus überwunden zu haben.

TG: Diesen Spiegel darf man wohl auch mal beiseite legen, um ihn nach einiger Zeit wieder herauszuholen, wovon ich bei ihm ausgehe. Nun hat er, soweit ich das beurteilen kann, einen großartigen Film gemacht und stellvertretend für alle Opfer und deren Hinterbliebene eine Würdigung für die Ewigkeit geschaffen.

FK: Er hat auch Gespür furs Timing bewiesen.

TG: Gut so. Alle wichtigen Medien weltweit verdienen sich dieser Tage ein ordentliches Zubrot ob dieses fünften Jahrestages, ohne dabei durch Kreativität aufzufallen. Stone aber hat enorme Kreativität bewiesen.

FK: Das Feuilleton hat Coahuila offenbar noch nicht wahrgenommen. Ein Nachteil?

TG: Romane, die zuerst als E-Books erscheinen, gehören sicherlich noch nicht zum Leserepertoire der Kritiker. Das wird in einigen Jahren wohl anders sein.

FK: Sie meinen, gezielte Internetrecherche nach E-Books zu betreiben?

TG: Ja. Die allgemeine Literaturkritik in meinungsbildenden Medien, insbesondere Print-Medien, ist zudem nicht gerade bekannt dafür, politische Romane deutscher Autoren ausgiebig zu besprechen.

FK: Woher rührt diese Ignoranz?

TG: Ob es Ignoranz ist, weiß ich nicht. Doch bei manchen Rezensenten scheint ein festgezurrtes Libretto an Romanstilen und Plots vorzuherrschen, das ich zuweilen für nicht mehr zeitgemäß halte. Wenn etwas literarisch Herausragendes aus deutscher Feder kommt, soll das auch umfassend besprochen werden, ganz gleich, ob es sich um ein E-Book oder ein gedrucktes Werk handelt. Es werden zu oft jahrein, jahraus Werke gelobt, die dieses Lob nicht verdienen. Ob dies dem Buchmarkt auf Dauer von Nutzen ist, wird sich zeigen. Womöglich könnte der Tribut an die in der Branche gereiften Verflechtungen noch teuer werden. Es ist ja für die jüngere Generation durchaus leichter, ein PDA oder einen E-Book-Reader im Rucksack zu transportieren, als etwa fünf gebundene Romane.

FK: Mögen Sie die deutsche Literaturkritik nicht?

TG: Schwierig zu beantworten. Ich denke, dass in der traditionellen Literaturkritik vielfach Menschen schreiben, die auf eingefahrenen literarischen Wegen spazieren. Manchmal habe ich den Eindruck, es seien Gralshüter am Werk. Auch scheint mir zu viel Augenmerk auf Familienromane, Biographien und Plaudereien aus irgendwelchen Nähkästchen gelegt zu werden. Ein Roman ist Drama, Tragödie, Komödie, Thriller, Krimi. Es geschieht etwas, das den Leser fesselt. Ein Roman ist Handlung in drei Akten, ein Spielfilm in geschriebener Form. Keine Erzählung. Nichts von Omas Dachboden.

FK: Amerikanische Autoren beherrschen dies besser?

TG: Sie sind visueller. Es ist doch so: aus dem Angelsächsischen ins Deutsche übersetzte Autoren erreichen Auflagen, von denen die meisten deutschen Autoren nur träumen können. Nehmen Sie Jonathan Nasaw, David Baldacchi und einen der Meister des Thrillers, Robert Ludlum.

FK: Sie haben den derzeitigen König des Thrillers vergessen. Dan Brown.

TG: Nicht doch! Der Mann schreibt miserabel. Meteor, zum Beispiel, das ich vorwiegend auf dem Klo gelesen habe, ist lausig verfasst und strotzt vor orthographischen Mängeln. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Herr Brown einen hervorragenden Agenten hat.

FK: Thriller zu schreiben wird von deutschen Schriftstellern nicht gerade geliebt. Glauben Sie etwa, dass die Kritik einen Thriller eines deutschen Schriftstellers bespräche?

TG: Hat sie zum Glück mit Andreas Eschbachs Der Nobelpreis. Weshalb sollte es nicht auch künftig so sein? Wenn das Werk genügend Spannung und Plausibilität aufwiese, dürfte die Kritik nicht um eine vernünftige Rezension umhinkommen. Eine Literaturkritik auf festen Pfaden hat etwas von Stillstand und Systemtreue. Das gleiche gilt für Autoren, die sich dem Dichter-und-Denker-Klischee verschrieben haben und dann die Latte reißen. Mich stört die Propaganda zu mäßig verfassten, unzureichend korrigierten und lektorierten Romanen. Da werden Autorinnen und Autoren für ihre Plots gelobt, ohne deutliche Hinweise auf das Mangelhafte in deren Werken. Sprachlicher Ausdruck, Grammatik, Syntax werden in nicht wenigen Besprechungen ausgeklammert. Bei mir ist dadurch nicht nur der Eindruck entstanden, viele Literaturkritiker und Lektoren übersehen zu viel, sondern es scheint diese nicht zu interessieren. Anything goes. Das ist beklagenswert.

FK: Das Bestehen eines Schriftstellers auf die von ihm gewählten Worte und Satzkonstruktionen - und die Kämpfe darum - ist bekannt.

TG: Versuchen Sie das einmal bei einem A-Movie-Drehbuch. Da wird Ihnen jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Script doctors werden hinzugezogen, Szenen werden geändert, gestrichen, neu verfasst. Der Autor hat dem zuzustimmen und tut dies, denn er ist am Erfolg des Ganzen interessiert. Da existiert Eitelkeit bestenfalls im Verborgenen. Alles den Fortlauf der Geschichte Behindernde wird rigoros mit dem Rotstift behandelt. Und weshalb? Weil das aus einem Drehbuch entstehende Produkt, der Film, den Zuschauer fesseln soll. Und weil es um eine Menge Geld geht, ein Drehbuch zu einem Film zu realisieren. Ein Verlag investiert ebenfalls eine Menge Geld, bevor ein Roman auf den Markt kommt. Allein die zuweilen irrwitzigen Summen, die alljährlich vor Beginn und während der Frankfurter Buchmesse für Lizenzen und Vorschüsse ausgegeben werden, müssten es gebieten, einen Text geradezu zu sezieren, bevor er in Druck geht. Lektoren tragen hier eine enorme Verantwortung.

FK: Was sollten denn Lektoren, Verleger oder Programmleiter Ihrer Ansicht nach gegen der Autoren Beharrlichkeiten tun?

TG: Beharrlichkeit ist vom Prinzip her ja zu goutieren. Aber es gibt Regeln. Die Verwendung der deutschen Sprache, ihrer Verben, Adverbien und Adjektive, ihrer Partikel, Redewendungen, ihrer Kasus, ihres Satzbaus und ihrer zulässigen Variationen unterliegen einem Kodex. Selbst das, was fakultativ gestellt ist, unterliegt diesem. Ein Manuskript auch eines etablierten Autors abzulehnen und sich im Zweifel auf Regeln zu berufen oder, vor allem, wenn der Autor nicht in der Lage ist, Regeln oder Kodex zu begreifen oder nicht willens ist, sie zu akzeptieren, erfordert sicherlich Gröβe. Generell: Ich halte nichts von Autoren, die sich zu ihren Texten kleistogam verhalten und glauben, ihre verschwurbelten Satzungetüme oder zu häufig eingewobenen, holprigen Halbaffixe hätten etwas mit Dichtung oder Roman zu tun.

FK: Das klingt nach Deutschlehrer und birgt die Gefahr einer Gleichschaltung. Sind es nicht gerade die unterschiedlichen Stile, von denen die deutsche Literatur lebt?

TG: (lächelt) Die deutsche Sprache hält genügend bereit, um sämtliche Genres und Stile auf klare Weise zu bedienen. Wenn man sich hinsetzt, um zu schreiben, erwirbt man dadurch aber nicht automatisch eine Zulassung, Sprache diskrepant zum Regelwerk zu benutzen. Unternimmt man diese als schriftstellerische Freiheit missverstandene Torheit, darf man sich nicht wundern, wenn Leser ein Buch nicht kaufen. Mit Gleichschaltung hat das nichts zu tun.

FK: Die künstlerische Freiheit des Autor würde stranguliert.

TG: Ach was! Haben denn Schüler die Möglichkeit, mit ihren Deutschlehrern über die deutsche Sprache zu verhandeln? Künstlerische Freiheit ist doch gewährt. Der Autor wählt die Geschichte aus, die er zu schreiben gedenkt. Er ist Herr der Charaktere, Herr der Handlung. Wir befinden uns nicht mehr im Zeitalter Thomas Manns, dessen Der Erwählte Millionen Schüler, auch mich, quälte, genauso Robert Musils Zögling Törless. Pflichtlektüre, sicherlich, aber bereits geschrieben. Ich bin der Meinung, dieser Stil war bereits vor Jahrzehnten nicht modern. Wozu ihm also nacheifern? Opulenz gehört in die Oper.

FK: Sie verwenden eine wenig literarische Sprache, legen offenbar viel Wert aufs Deskriptive. Ist das Ihr Verständnis von modernem Roman?

TG: Ich konzentriere mich aufs mir Wesentliche und habe etwas Beiwerk. Sprachliche Experimente kommen in Coahuila nicht vor. Deskription bedeutet auch, dem Leser Bilder ohne Metaphern zu vermitteln.

FK: Eine Absage an Germanisten?

TG: Schreiben, so habe ich es gelernt, ist Handwerk, das sich recht gut außerhalb der Hochschulen erlernen läßt. Wenn Talent im Spiel ist, umso besser. Nicht jeder Art Wortkombinationen oder Metaphern gelingen. Manch hochgelobte Texte strotzen vor Pleonasmen, Redundanzen, Tautologien, Unmöglichem, falschen Verbgefügen und Bildbrüchen. Dies betrifft auch so manchen übersetzten Bestseller.

FK: Zum Beispiel?

TG: (zieht einen Zettel aus der Jackentasche) In Welt in Angst von Michael Crichton tigern Leute auf und ab, wird erwidert, entgegnet, nachgehakt und geraunt, soll jemand den Kaffee anstellen und manche haben gerade im Moment alle Hände voll zu tun. In Dan Browns Illuminati wird ein Wachposten angefunkelt, an anderer Stelle in Panik geblinzelt oder nicht ein Wort geredet; in seinem Roman Meteor wird von strengster Geheimhaltung gesprochen, eilten Gedanken zurück, oder grub jemand Spikes ins Eis. Das ist Anschauungsunterricht, wenn man denn mag.

FK: Auch in Pynchons V. und Mason & Dixon finden sich solche Redundanzen.

TG: Diese halte ich angesichts der enormen Kraft und Virtuosität seines Schreibens für nicht hinderlich. Ohne diese Redundanzen wäre es aber noch besser.

FK: Woran liegt es, dass Lektorate dies durchgehen lassen?

TG: Ich habe keine Ahnung. Die Korrekturfahnen werden dem Autor zur Durchsicht gereicht, oft mehrfach. Letzte Fehler und Mängel im eigenen Text zu finden, ist aber ein schwieriges Unterfangen. Es bedarf eines hohen Maßes an Distanz zu ihm. Ein Autor, das gilt natürlich auch für mich, hat diese Distanz in dem vom Verlag vorgegebenen Zeitrahmen nicht. Umso mehr ist er auf seinen Agenten, Lektor oder Verleger angewiesen.

FK: Sie haben allerdings gerade aus Übersetzungen zitiert.

TG: (grinst) Stimmt. Ich glaube, es gibt einen Trend, wonach die Werke eines ausgewiesenen ausländischen Bestsellerautors beziehungsweise die entstandene Übersetzung mit heißerer Feder lektoriert und korrigiert und vor allem Expletive sowie die angesprochenen Faktoren gern überlesen werden. Bei Werken deutscher Autoren ist dieser Trend ebenfalls evident. Ich denke, gerade in großen Häusern beherrschen Zeitmangel und Angst vor Fehlentscheidungen die Lektorate.

FK: Sind Sie denn zuversichtlich, dass sich das in Zukunft ändern wird? Sehen Sie eine Trendwende?

TG: In der Nische bestimmt. So mancher kleine oder mittlere Verlag legt Wert auf sattelfeste Grammatik oder den sprachlichen Ausdruck. In der die Branche bestimmenden Masse sehe ich das aber nicht. Vielleicht krankt sie daran, dass sie - die deutsche Literatur-, Verlags- und Kritikerszene - lange etabliert ist, ihre Akteure sich arrangiert haben. Vielleicht sind zu viele Zirkel entstanden, vielleicht wird zuviel Prosecco genippt oder Rotwein gesoffen, und vielleicht läuft man mit dem Weihrauchschwenker umher und mag sich nicht wehtun, sich stattdessen lieber im Kreise drehen.

FK: Wie erklären Sie sich dann, dass immer wieder neue, interessante Autoren und Autorinnen zum Zuge kommen?

TG: Gelegentlich wird ja wegen Blutmangels die Tür geöffnet und es darf eine Aphrodite oder ein Adonis eintreten. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Sachlichkeit und Beurteilungskraft in diesen sich selbst zu befruchten glaubenden Zirkeln leidet. Das viele Geld, das nebenbei durch Kehlen und Speiseröhren gepresst wird, fehlt dann schnell für den Mut, unterhaltsame, fesselnde Autoren vernünftig zu bevorschussen oder einen Sämling in Form von Werbung ordentlich zu gießen und zu hegen. Der untergegangene Europa Verlag ist da ja ein prächtiges Beispiel. Werfen Sie einfach mal einen Blick aufs Catering während der Frankfurter oder Leipziger Buchmesse.

FK: Kommen wir zurück auf die Ihrer Ansicht gegebene Nachlässigkeit. Besteht nicht die Gefahr des Beschnitts der Individualität eines Textes und der Bandbreite von Geschichten, wenn Ihre Forderung nach mehr strukturellem Schematismus verwirklicht würde?

TG: Von strukturellem Schematismus, wie Sie es nennen, kann doch bereits jetzt gesprochen werden. Ich halte eine große Bandbreite an Geschichten für unerlässlich und bin davon überzeugt, dass die schriftstellerische Individualität nicht leiden würde, wären Duden, Thema und die Frage, weshalb man schreibt, konsequente Begleiter von Autoren. Ich stelle mir hin und wieder die Frage, welche Leserschichten Autoren, die sich deutliche handwerkliche Schnitzer durchgehend leisten oder thematisch in der Provinz, im eigenen Mikrokosmos oder der deutschen Vergangenheit Angelegtes, erreichen wollen? Man kann sich immer einem rein belletristischen oder schöngeistigen Anspruch unterwerfen, an eine Soiree denken oder sich an literarischem Eklektizismus orientieren, sollte aber sein Thema sprachlich stets ordendlich und spannend behandeln. Wenn man dies adhoc nicht leisten kann, muss man üben. Als letzte Instanz sollte dann das Lektorat in der Lage sein, einen Text zu retten. Dass dies nicht stets gelingt, hatte ich bereits angesprochen. Übersetzer tragen hier meiner Auffassung nach auch Verantwortung.

FK: Übersetzer sind das schwächste Glied in der Kette. Sie sind unterbezahlt und arbeiten immer unter Zeitdruck.

TG: Was sind denn das für Argumente? Übersetzer erwerben ein Urheberrecht für ihre Übersetzung. Erwerben CNC-Dreher ein Urherberrecht an von ihnen behandelten Werkstoffen? Man kann doch nicht schlechter arbeiten, wenn man schlecht bezahlt wird. Da sollte doch ein Anspruch aus Prinzip herrschen.

FK: Können Sie Ihrer Mängelliste auch Beispiele deutschsprachiger Autoren beifügen?

TG: Gern. Auf Ihr Anraten habe ich mich ein wenig vorbereitet. Vor vier Jahren habe ich mir zum Beispiel aufgrund einer Rezension und des Bezugs zu Mexiko Sprenger von Arno Widmann gekauft. Ich war entsetzt über die Anzahl an stilistischen und sprachlichen Mängeln dieses für mich dann schnell unlesbaren Buches und habe es nach knapp hundert Seiten beiseite gelegt.

FK: Was war so störend?

TG: Es wirkte manieriert. Allein der Begriff Posthistoire kommt auf wenigen Seiten zehn, elf Mal vor. Wenn ich mich recht erinnere, mal in falschem Genitiv, mal in falschem Dativ. Dazwischen bedient sich der Autor unvermittelt der Umgangssprache, die einfach nicht zu dessen Plaudereien passt. Auch der ehemalige Spiegel-Mitarbeiter Hellmuth Karasek leistete sich in zweien seiner Bücher - Das Magazin und Betrug, mehr habe ich nicht gelesen - eine Ansammlung von handwerklichen und offenbarenden Peinlichkeiten. Karasek schien mir da mit der deutschen Sprache nicht mehr umgehen zu können und sich insgesamt als Pfau dargestellt zu haben. Das schickt sich nicht, vor allem nicht für jemanden, dessen journalistische Beiträge zu seinen Spiegel-Zeiten teilweise brilliant waren. Ich konnte mir nicht erklären, weshalb es in Betrug Wendungen á la Trugbild im Maul und der Wasserspiegel ist leer gibt. Von seiner darin expressiv dargestellten Vorliebe für Fäkalsprache und Verbalerotik ganz abgesehen.

FK: Das klingt stark nach Kollegenschelte.

TG: Sie sind keine Kollegen von mir.

FK: Haben Sie auch neuere Beispiele als die Romane Karaseks oder Widmanns parat?

TG: Nicht allzu viele. Wilhelm Genazinos Die Liebesblödigkeit. Dieser Autor mutet dem Leser die Geschichte wenig voranbringende und äußerst naive Dialogsequenzen zu. Und er, so der Ich-Erzähler, kann nicht mal unangefochten nachdenken. Wenn ein Autor sprachliche Experimente unternimmt, dann sollte er sein Werk als Kunst ausweisen. Ansonsten gehe ich als Leser davon aus - und hoffe, nicht der einzige zu sein -, dass ich nicht mit einem Elaborat konfrontiert werde. Schriftsteller haben neben einer Vorbildfunktion, vor allem hinsichtlich ihrer sprachlich wie syntaktischen Fähigkeiten, auch eine Unterhaltungsfunktion. Langeweile ist das Gegenteil von Unterhaltung. Und: welcher lebende deutschsprachige Schriftsteller schafft es heute noch, im Deutschunterricht gelesen werden zu müssen? Solche ihre Eitelkeit befruchtenden Schriftsteller und Schwadroneure kann man sicherlich nicht guten Gewissens in die Schulen bringen, oder? Bestenfalls als Anschauungsmaterial. Umgangssprache, vielleicht nicht gerade die Karaseksche, muss ein Stilmittel sein und bleiben, allerdings nicht ein einen Roman beherrschendes. In der Autorensprache sollte sie - wenn denn - dosiert vorkommen, einen nachgeordneten Platz belegen. Es sei denn, es handelt sich um ein von Anfang an darauf abgestelltes Werk.

FK: Auch in Coahuila befindet sich umgangssprachliche Terminologie.

TG: Durchaus. Allerdings unter anderen Voraussetzungen und Einbettungen als es etwa bei den eben genannten Negativbeispielen der Fall ist. Das Umgangssprachliche in Coahuila wird von den Figuren verwendet und nur dort, wo es der Kontext erlaubt oder bedingt, fließt sie spärlich in die Autorensprache ein. Ansonsten wird eine klare, präzise und verständliche Sprache verwendet, die frei von Gedrechseltem und Verirrungen ist. In Coahuila sagt jemand etwas, fährt nicht fort, meint, murmelt, erwidert, grunzt, haucht oder erklärt nicht. In meiner Romansprache kommt jemand und taucht nicht etwa auf.

FK: Ist das nicht etwas pedantisch? Immerhin verwenden, wie Sie dargestellt haben, viele Bestsellerautoren derartige Wendungen und verkaufen Millionen von Büchern.

TG: Meinem Grundverständnis von Sprache und Schreibstil widerspricht es, wie ich verdeutlicht habe. Schlechte Sprache diffundiert schneller in die Köpfe von Hörern und Lesern als klare. Was nicht heiβt, dass ich umgangssprachlich verfasste Romane nicht mag. Sie müssten dann aber durchgehend, humorvoll und rasant geschrieben sein und zum vom Autor gewählten Thema passen. Das sehe ich in Deutschland so gut wie gar nicht. Den sprachlich mäβig verfassten Druckwerken kommt natürlich das sich seit den letzten drei Jahrzehnten linear nach unten bewegende Lese- und Sprachverständins nachgewachsener Leserschaften zugute.

FK: Soll heiβen?

TG: Auch in Lektoraten sitzen nicht stets Leuchten der Grammatik. Ein Germanistikstudium ist jedenfalls keine Garantie dafür, dass man es mit Kennern der doch im Vergleich zu anderen komplizierten deutschen Sprache zu tun hat.

FK: Steven King ist vor einigen Jahren mit seinem E-Book-Projekt grandios gescheitert. Was hat Sie bewogen, Ihren Roman zuerst als E-Book zu veröffentlichen?

TG: Grandios ist übertrieben. King hatte seine Leser kapitelweise bezahlen lassen wollen. Nun, sein Versuch liegt einige Jahre zurück und er hat sich wieder auf normales Verlagsterrain begeben. Ich bin nicht in Kings Liga, habe insofern lieber einen kleinen Verlag, als keinen.

FK: Warum haben Sie sich nicht für einen, wenn auch kleinen, Printverlag entschieden?

TG: Es gab ein, zwei Versuche meiner Agentin, doch es ist nicht so, dass ein unbekannter Autor einen Verlag verpflichten kann, ihn zu verlegen. Agenten stoβen da auch an ihre Grenzen.

FK: Wie kam es dann, sich für einen E-Book-Verlag zu entscheiden?

TG: Meine Agentin, soviel darf ich ich Ihnen verraten, war es leid geworden, mein Manuskript - und wohl auch jene anderer Autoren - anzubieten und hat GeoWis, kein klassischer Verlag, sondern hauptsächlich ein Magazin, gegründet. Bevor sie mir ein attraktives Angebot gemacht hatte, erklärte sie mir ihr Konzept, das mich überzeugte. E-Books halte ich zudem für eine spannende Sache. Die Print-Rechte sind aber - soweit ich weiβ - noch nicht vergeben. Doch wenn sich niemand an sie herantraut, ist das nicht weiter tragisch.

FK: Coahuila beginnt fulminant in Kabul im Jahr 1979, als die Stadt von der Roten Armee besetzt wird. Parallelen zur Gegenwart?

TG: Aber ja. (lacht) Mehr als zu der Zeit, als ich anfing, den Roman zu schreiben. Allerdings hat heute die NATO eine Besatzerfunktion.

FK: Sie dient der Friedenssicherung.

TG: Ach so.

FK: Immerhin hat die afghanische Bevölkerung durch sie die ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten erlebt und mit Präsident Karzai jemanden gewählt, der das Land auf demokratischem Weg einigen will. Glauben Sie, er schaffte die Bekämpfung der Warlords ohne die NATO?

TG: Aus meiner Sicht ist Karzai bestenfalls der Präsident der Hauptstadtregion, nicht aber von Paschtunistan, wie das Land, vom Persischen abgeleitet, auch genannt werden könnte. Er ist der Clan-Chef der Populzai, Paschtunen wie er, hat jedoch wesentliche Teile der Bevölkerung bisher allein schon dadurch nicht erreicht, weil er sich vom Westen aufstellen ließ .

FK: Sie tischen ganz schön auf.

TG: Wir leben nicht nur in der Welt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Ich nahm an, Sie hätten mein Buch gelesen.

FK: Habe ich. Aber wie sollte denn Afghanistan demokratisiert werden? Von den Warlords kann man das wohl kaum erwarten.

TG: Ich halte es für wenig hilfreich, hier und auch in der Presse, den Terminus Warlords zu benutzen. Afghanistan ist tief im Patriarchat verwurzelt, seine Gesellschaft ist klandestin und tribalistisch, und die sogenannten Warlords sind vergleichbar mit den Chiefs Afrikas, die regional akzeptiert sind und ohne die in ruralen Regionen wenig funktioniert. Das westliche Modell der Demokratie ist brüchig und hat an Glaubwürdigkeit verloren. Es ist fraglich, ob es in der gewollten Form eine Zukunft in Afghanistan hat. Von Zwangsdemokratisierung, die sich beinahe nur am Indikator freier Wahlen und westlicher Werte orientiert, und von der Stationierung ausländischer Truppen halte ich nichts. Noch vor wenigen Jahren nannte man dies Imperialismus.

FK: Deutsche Soldaten helfen immerhin beim Wiederaufbau.

TG: Soweit ich informiert bin, sind unsere Soldaten schon seit langem vorwiegend damit beschäftigt, ihre eigene Sicherheit zu organisieren. Es kann nicht die Aufgabe deutscher Soldaten sein, in fremden Ländern Wiederaufbauhilfe zu leisten, wenn keine Naturkatastrophe diese bedingte. Es gibt ausreichend Organisationen mit Fachleuten, die das besser und ohne Waffen können. Nehmen Sie die GTZ, den DED oder das THW. Es kann auch weder im Interesse der afghanischen noch der deutschen Bevölkerung sein, dass deutsche Truppen sich dort bis zum Jahr 2015 aufhalten werden, nachdem eingangs im Parlament 15 Monate beschlossen worden waren. Diese Dauerstationierung ist imperiales Gehabe einer Mittelmacht, die sich hinter der NATO versteckt. Das kostet Steuergelder und ist prinzipiell ein risikobehaftetes Unterfangen. In Afghanistan herrscht Krieg. Das sollte man nicht vergessen. Genaugenommen befindet sich Deutschland im Krieg, wenn auch in einem niederer Intensität.

FK: Dann dürfte Ihnen die Entsendung von deutschen Soldaten unter UNIFIL in den Libanon auch nicht gefallen.

TG: Ganz sicher nicht. Deutschland muss nicht auf jede Party gehen. Verteidigungsminister Jung sollte parlamentarisch ordentlich auf die Finger geklopft werden. Ich frage mich angesichts der Besetzung der Sitze, wenn sie denn besetzt sind, ob sich dort nicht die geballte Unkenntnis in Mehrheitskoalition befindet. Richtig mexikanisch kommt mir dies vor.

FK: Was spricht denn gegen die Truppenbereitstellung?

TG: Dagegen spricht zunächst, dass die deutsche Öffentlichkeit für dumm verkauft wird, indem ihr ein im Zweifel notwendiger Waffengang gegen Hizbollahunterstützer zu Wasser nicht in gebotener Offenheit dargelegt wird. Dagegen spricht aber auch, dass Verteidigungsminister Jung seine Bataillone mit jeder Menge geopolitischem und geo- und ethnographischem Halbwissen entsendet. Rotärsche, UFZe und selbst höhere Dienstgrade wissen von der Verschmelzung zwischen Hizbollah und libanesischer Bevölkerung doch so gut wie gar nichts. Und wenn man nichts wirklich Maßgebliches über ein Land weiß, in dem oder vor dessen Küste man sich sogar in Uniform aufhält, kommt man schnell um.

FK: Der ehemalige Außenminister Fischer hat sich kürzlich noch in diesem Konflikt engagiert. Was sagen Sie dazu?

TG: Es gibt immer Leute, die - im übertragenen Sinne - den Schuss entweder nicht gehört haben oder nicht gehört haben wollen. Fakt ist wohl: Fischer wird als einer in die bundesdeutsche Geschichte eingehen, der die Grünen erst gespalten, dann an die Macht gebracht und schlussendlich militarisiert hat. Wenn ich das weiterdenken darf...

FK: Bitte.

TG: Ex-Innenminister Otto Schily hat einst dem Staat Mord vorgeworfen und an Gräbern prominenter deutscher Terroristen gestanden, dann seine Zukunft als Anwalt nicht mehr rosig gesehen und eine beinahe beispiellos wechselhafte Politkarriere hingelegt, die - Ironie der Geschichte - ihn zurücklächeln, ihn aber offenbar sein Selbstbewusstsein erst wiederfinden ließ, als er als Hardliner durchschlagen konnte, und als einer, der die Deutschen einer permanenten Überwachung preisgab. Fischer ist sicherlich ein ähnliches politisches Phänomen, ohne wirkliche Verdienste. Er war die Plakatsau. In Nahost hatte er wirklich nichts mehr zu suchen. Er sollte sich nun um seine Studenten kümmern. Womöglich aber erscheint ihm das mangels wissenschaftlicher Substanz und Erfahrung nicht zu liegen.

FK: Muss man denn nicht alles versuchen, um diesen Konflikt zu beenden?

TG: Natürlich. Aber hat Deutschland da mitzumischen? Als ich noch in der Industrie tätig war, hatte ich in meinen Arbeitsvertrag hineinschreiben lassen, weder in Israel noch in Südafrika eingesetzt zu werden. Auf das Heute bezogen: der Boykott des Kleinen Mannes sei nicht zu unterschätzen.

FK: Das war eine andere Zeit.

TG: Es ist immer eine andere Zeit.

FK: Gegen Ende Ihres Romans deuten Sie an, das Christentum sei imperialistisch, hingegen sei der Islam eine regionalistische Religion. Wie darf man das verstehen?

TG: So wie es dort steht. Diese Sequenz ist frei von Ironie. Man sollte stets das Mörderische vom Friedlichen trennen. Die radikalen Kräfte des Islam messen sich mit denen des Westens. In beiden Lagern gibt es weder für Mord noch für Terrorismus Mehrheiten in den Bevölkerungen.

FK: Es ist auffallend, daß in Coahuila der Protagonist und dessen Verbündete den Islam als Gebeutelten darstellen.

TG: Sie scheinen mich auf etwas festlegen zu wollen. Ich bin Atheist. Allenfalls kann ich dem Buddhismus etwas abgewinnen. Also noch mal: es geht in Coahuila nicht um den Islam oder das Christentum. Das sind nur minimale Sequenzen, nicht mal Kapitel.

FK: Sie fallen auf.

TG: Der Islam ist pauschal eine Religion wie jede andere. Ich neige zu der Auffassung, der christlich dominierte Westen könnte es bereits vor Jahren mit seiner Missionierung zu weit getrieben und jene radikalen Kräfte innerhalb der islamischen Weltgemeinde ermuntert haben, ihn, wo immer es sich bietet, zu attackieren. Magnus Enzensberger hat vor über fünfundzwanzig Jahren in der Zeitschrift Transatlantik das Menetekel in einem Beitrag in Worte gefasst. Die Zeitschrift hatte dafür ein prächtiges, die Augen der Titelfigur ausgestanztes Titelbild gebracht, was mir sehr gefiel. In Coahuila kommen jene knapp beschriebenen Figuren, die sich auf Waghalsiges einlassen, jedenfalls schlecht weg. Ich denke, Rahmen- und Nebenhandlung, Protagonisten und Zielsetzung haben Anspruch auf Unterscheidung. In Coahuila geht es zu allererst um Leute, die Rache nehmen und wohlhabend genug sind, es auf eine Weise zu tun, die weniger Wohlhabenden verwehrt ist. Es geht auch um Liebe und Widerstand, um schmutzige Geschäfte, und um den US-Imperialismus, der exemplarisch an den amerikanischen Figuren aufgehängt ist.

FK: Begibt man sich mit einem derartigen Stoff nicht automatisch in Gefahr?

TG: Was meinen Sie?

FK: Die USA an den Pranger zu stellen.

TG: Das meinen Sie wohl nicht ernst. Die US-Administrationen stellen ihr Land seit Jahrzehnten und stets aufs Neue selbst an den Pranger. Deren administrierten Patriotismus halte ich für ein perfides politisches Konzept, das jene expelliert, die ihm nicht folgen. Dazu muss man nicht mal Michael Moore gelesen oder dessen Dokumentationen gesehen haben. Es gibt eine hidden agenda, an der sich bislang noch jede US-Administration orientiert hat. Das amerikanische Volk bleibt hierbei auf der Strecke. Dessen Würde wird in den Dreck gezogen, wenn im Ausland die US-Flagge verbrannt wird. Mir ist nicht bekannt, dass jemals Familienwappen von US-Administratoren verunglimpft wurden. Insofern: Ich denke in diesem Kontext, dass die Freiheit in den USA nicht mehr faktisch ist. Aber wir wollen uns doch nun nicht weiter über Politik unterhalten?

FK: Fürchten Sie keine Nachteile, wenn Sie sich in Ihrer Eigenschaft als Autor politisch äußern?

TG: (lächelt) Sie meinen auch das ernst?

FK: Martin Walser hat noch heute damit zu kämpfen, sich vor acht Jahren publikumswirksam eine persönliche Meinung erlaubt zu haben.

TG: Liegt das schon so lange zurück? Ist es nicht seltsam, was einem aufgrund politischer Inkorrektheit alles widerfahren kann? In einem Deutschland des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, Walser hatte gesagt, was er, zumindest zum damaligen Zeitpunkt, empfand.

FK: Hatte er Recht?

TG: Es ist kompliziert, die Empfindungen eines anderen zu beurteilen. Was Herrn Walsers seinerzeitige Wahrnehmung und die daraus offenbar resultierende Bestandsaufnahme betrifft, wäre diese durch seine Kritiker empirisch wohl schwer zu widerlegen gewesen. Kritiker sind ja nicht gerade als Empiriker bekannt.

FK: Walser hatte zurückgerudert.

TG: Das sehe ich nicht so. Die damalige Empörung ging mir zu weit. Sie reihte sich in ein kulturpolitisches System ein, das als äußerst dünnhäutig gelten kann, sobald jemand sich diesem nicht vollständig unterwirft. Da wurde reichlich mit Totschlagargumenten hantiert. Sie passten zu dem von der Politik längst vollzogenen Paradigmenwechsel.

FK: Ging sie wirklich zu weit? Walser ist bekannt dafür, seine Worte mit Bedacht zu wählen.

TG: Offenbar kann ein Autor in Deutschland nicht mehr sagen, was er denkt. Nur weil Walser einen Zustand beschrieb, durfte man ihm doch nicht Antisemitismus vorwerfen. Dieser Vorwurf war ignorant und blamabel, vor allem im Hinblick darauf, dass insbesondere die Print-Medienlandschaft sich stets mit Verve an die Meinungsfreiheit erinnert, wenn sie ihr beschnitten werden wollte. Ich bin jedenfalls nicht der Auffassung, dass sich Geschichtsbewusstsein verordnen lässt.

FK: Wie darf man das verstehen?

TG: Sehen Sie, als ich zehn war, bekamen wir in der Schule die BBC-Dokumentation The War Game gezeigt. Ein Schock. Als ich dreizehn war, nahmen wir in der Schule den Zweiten Weltkrieg aufklärerisch durch. Ein weiterer Schock. Als ich fünfzehn war, bekamen wir Bernhard Wickys Die Brücke gezeigt. Auch dieser Film schockierend. Als ich achtzehn war, kam der Mehrteiler Holocaust ins deutsche Fernsehen. Ich war ein Fan des jungen Robert de Niro seit seines Mitwirkens in Taxidriver, und von Meryl Streep seit des Films Die durch die Hölle gehen. Also war klar, daß Streep mir in Holocaust gefiel. Erschütternd war die Figur, die sie spielte; erschütternd war der Mehrteiler. Ich hatte nun auch Bilder zum in der Schule Gelernten. Ich war ein junger Mensch und fix und fertig. Ich weiß nicht, was Walser und dessen Generation alles gesehen haben, aber ich weiß, was ich alles gesehen habe. Und: seit dieser TV-Sendung sind zwei Generationen Jugendliche herangewachsen, die überfrachtet wurden mit dieser Thematik. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Walser auch so ging. Mir jedenfalls ging es in den 1990er Jahren so. Versuchen Sie mal, tagein, tagaus Spaghetti zu mögen.

FK: Haben Sie Walsers neuen Roman schon gelesen?

TG: Ja.

FK: Gefällt er Ihnen?

TG: Andere von ihm gefielen mir besser.

FK: Er schreibt zeitgenössisch.

TG: Ja. Doch dieses Verbalerotische ist ihm wieder einmal misslungen. Meine Hochachtung vor seinem Gesamtwerk erschüttert dieser Roman jedoch nicht.

FK: Was sagen Sie zum Streit um die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke?

TG: Das liegt ja nun auch schon eine Weile zurück.

FK: Walser auch.

TG: Es ist eine vor allem für Düsseldorf peinliche Posse gewesen. Ich bezweifle, dass es viele Stadtratsmitglieder gibt, die je etwas von Handke gelesen haben. Wer weiß, vielleicht nicht mal von Heine.

FK: Hat nicht seine Parteinnahme für den Kriegsverbrecher Milosevic die Preisvergabe verhindert?

TG: Ach ja ... Das Blut, das auf dem Balkan vergossen wurde, klebt an vielen Händen. Nehmen Sie Rudolf Scharping, unseren ehemaligen Verteidigungsminister, der mit manipulierten Luftaufnahmen vor die Öffentlichkeit trat. Heute ist er Präsident der organisierten Radler. Oder Joschka Fischer, der 1999 seine Partei militärisch einschwörte. Oder stellen Sie sich schlicht die Frage, wem diese Kleinstaaterei am meisten von Nutzen war und ist. Handke hat nichts verherrlicht. Er hat sich nur nicht auf die Seite der Mehrheit begeben. Der Heine-Preis hätte ihm für sein Werk und seine Standhaftigkeit vergeben werden sollen.

FK: Aber Milosevic wurde in Deutschland mit Hitler verglichen.

TG: Ist mir so nun nicht bekannt, hielte ich aber für unsachlich. Hitler kann man nur mit Hitler, vielleicht noch mit Stalin vergleichen. Tatsache ist aber doch, dass Milosevic schon früh einem Friedensplan, ich glaube, es war der Vance-Owen-Plan, zugestimmt und viel dafür getan hatte. Karadzic und dieser General Mladic und das damals von allen guten Geistern verlassenene bosnisch-serbische Parlament waren ihm in den Rücken gefallen. Das ist historisch verbrieft. Milosevic für deren Massaker verantwortlich zu machen, hieße, Geschichtsklitterung zu betreiben. Außerdem tragen UNO und Europäer eine peinlich deutliche Mitschuld am Ethnic-Cleansing-Programm, indem sie es nicht zu verhindern vermochten, eher Pappsoldaten waren. Ein komplexes Thema für Historiker. Ich bin keiner.

FK: Europa liegt Ihnen in Ihrem Roman auch nicht gerade am Herzen, womit Sie im Trend liegen.

TG: Die Sequenz im Roman, auf die Sie anspielen, ist bald fünf Jahre alt und recht harmlos. Sie hätte auch vor zehn, zwanzig Jahren in die Zeit gepasst und wird weiterhin in die Zeit passen.

FK: Eine Ihrer Figuren, Pernilla, lassen Sie das EU-Parlament als Duma, der Name für das russische Parlament, bezeichnen.

TG: (lacht) Ich sehe nicht, dass es in Brüssel demokratischer oder weniger zentralistisch zugeht als in Moskau.

FK: Da müsste es Sie doch gefreut haben, dass Frankreich und die Niederlande im letzten Jahr die EU-Verfassung abgelehnt haben.

TG: In der Tat freute es mich. Es zeigte, dass einige Bevölkerungen, zumindest in der Wahlmehrheit, in den EU-Staaten aufgewacht sind und sich nicht mehr alles vorsetzen lassen, was von Brüssel serviert oder in nationalen Parlamenten durchgewinkt wird.

FK: Aber es ist doch offensichtlich, dass in beiden Ländern die Ablehnung der Referenden innenpolitisch motiviert war.

TG: Das ist Unfug. Ich glaube, dass das Maastricht-Euro-Verfassungsgebilde die weitaus größere Rolle gespielt hatte. Auch die Erweiterung der EU wird eine Rolle gespielt haben. Wieder ein Thema für Historiker. Die Ablehnung der EU-Verfassung ist aber auch eine Niederlage des ehemaligen französischen Präsidenten Giscard d'Estaing, der den Verfassungskonvent geleitet hat. Dessen politische Ära war bereits lange vorbei, genauso wie die seines Hamburger Bruders im Geiste, Helmut Schmidt. Ich frage mich, woher diese Politrentner, zu denen ich auch Joschka Fischer, Otto Schily und Edmund Stoiber zähle, die Berechtigung nehmen, jüngeren Generationen die Zukunft zu zementieren. Sie hatten ihre mehr oder weniger großen Verdienste, ob sie aber dabei an die nachfolgenden Generationen gedacht haben - oder gegenwärtig denken -, für die sie alles getan haben wollen, wäre eine akademisch zu behandelnde Frage.

FK: Von einem deutschen oder deutschsprachigen Autor, zumindest einem Newcomer, erwartet man im Allgemeinen eher Klassisch-Schöngeisties, Literarisches oder packende Krimis.

TG: Mag sein.

>> Teil 2 des Interviews

Das Interview wurde am 16. September 2006 geführt.

© GeoWis (2006-09-30)

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