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Deutscher Buchpreis: "500.000 Euro für den besten Roman" TEIL 2
[153]

"500.000 Euro für den besten deutschen Roman"

 

Teil 2 des Interviews mit Tom Geddis


FK: Kein Schriftsteller ist ohne Vorbilder. Welche sind Ihre? Und welche Autoren lesen Sie bevorzugt.

TG: (lacht) Ich dachte nicht, daß Sie mir so eine Frage stellen. Ich bin bestenfalls ein Autor. Es gibt viele Vorbilder, sicher. Adhoc: Lessing und von Kleist haben mich immer beeindruckt. Jim Dodge lese ich gerne, und ich befasse mich mit Studien und Sachbüchern. Was Mexikoromane betrifft, blicke ich mit Hochachtung auf B. Travens, Ward Hawkins und Luis Spotas Werke.

FK: Nicht auf die von Octavio Paz oder Carlos Fuentes?

TG: Weniger auf deren Prosa. Eher noch auf die Carmen Boullosas und Angeles Mastrettas, obwohl Ich-Erzähler nicht gerade zu meinen bevorzugten Autoren gehören. Doch diese Damen schreiben kraftvoll. Das gefällt mir.

FK: Im Anhang von Coahuila finden sich auch Hinweise zu den Musikstücken und einiger Literatur. Nur wenige Autoren geben Quellen an.

TG: Deren Sache. Ich halte die Angabe von zumindest einigen Informationen oder Quellen auch in Romanen für einen Dienst an die Leser.

FK: Das ist eigentlich eine Domäne wissenschaftlicher Publikationen.

TG: In der Wissenschaft ist es Pflicht.

FK: Sie zeigen auch eine Abbildung von Peters Entlassungsurkunde. Ist diese authentisch?

TG: Im Wesentlichen.

FK: Man kann den Eindruck gewinnen, Sie ergriffen Partei für ihre Protagonisten und rechtfertigten deren Vorgehen. Wie steht es mit der Neutralität des Schriftstellers?

TG: Die erwarte ich von Gerichtsmedizinern und öffentlich bestellten Sachverständigen. Romanautoren sollten erkennen lassen, dass sie mit zumindest einer ihrer Figuren und deren Handlungen sympathisieren. Ich sympathisiere mit mehreren der meinen.

FK: Herr Geddis, der Deutsche Buchpreis 2005 wurde dem Österreicher Arno Geiger für den Roman Es geht uns gut verliehen? Eine gute Wahl?

TG: Ich kenne weder den Preisträger persönlich noch habe ich das Buch gelesen, weshalb ich dazu nichts sagen kann.

FK: Werden Sie das Buch noch lesen?

TG: Wie ich vernahm, handelt es sich beim Preisgut um einen Familienroman und damit um ein für mich nicht im Vordergrund stehendes Sujet.

FK: Bodo Kirchhoff, einer der renommierten deutschen Schriftsteller, hat ihn herausragend gelobt.

TG: Was hätte er als Jury-Sprecher denn sonst tun sollen? Er hatte zu loben.

FK: Auch der Nestor der deutschen Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, hat das Buch gelobt, wenn auch nicht überschwänglich.

TG: Was nicht seine Art ist. Er ist moderater geworden und die jedem Deutschlehrer wohl stets ein Dorn im Auge gewesenen Superlative haben abgenommen, wobei ich nicht weiß, ob ich seine über die Jahre eindeutigen Kritiken an so manchem Text nicht hilfreicher fand. Seine Einschätzung, Buchpreise seien wichtig und notwendig, teile ich allerdings nur bedingt.

FK: Inwiefern?

TG: Buchpreise mit nationalem und internationalem Anspruch sollten keinesfalls einen Alimentierungscharakter aufweisen, sondern das beste Buch, in diesem Fall den besten Roman, auszeichnen.

FK: Sie halten das Preisgeld des Deutschen Buchpreises, immerhin 37.500 Euro, für eine Alimentierung?

TG: Ja. Der Hauptpreis beträgt zudem nur 25.000 Euro, weniger als der Berliner Literaturpreis oder der Heine-Preis hergeben. Meines Erachtens machte sich eine Jury prinzipiell deutlich mehr Arbeit, hätte sie ein Preisgeld von 500.000 Euro für den besten Roman zu vergeben.

FK: Das müssen Sie erklären.

TG: Ein zu vergebendes Preisgeld in dieser Höhe verlangte einer Jury eine enorme Verantwortung bei der Auswahl ab. Es beförderte auch die Selbstkritik der Autoren, beeinflusste ihre Themenwahl und ihren sprachlichen Ausdruck. Womöglich läsen selbst renommierte Kritiker intensiver.

FK: Wäre diese Höhe nicht erst recht eine Alimentierung?

TG: Wenn der Preis diesen monetären Wert hätte, wäre die Gefahr geringer, einen Verkaufsflop produziert zu haben; in wohl gleichem Verhältnis wäre die Chance größer, einen Bestseller in spe prämiert zu haben. Und: mit diesem Preisgeld gäbe man dem Autor die Möglichkeit, als Nächstes einen Weltbestseller zu schreiben.

FK: Wie das?

TG: Ein derart dotierter Preis ließe zunächst international gehörig aufhorchen. Der beste Plot, die besten Dialoge und das gelungenste Zusammenwirken dieser Kriterien mit den Figuren wären ausgezeichnet worden. Die Erwartung wäre entsprechend. Der Autor stünde unter ungeheurem Druck, wenn auch finanziell gepolstert. Doch der Druck ist entscheidend. Das ist vergleichbar mit einem Architekten, dessen Modell den ersten Preis gewonnen hat. Danach muss er bringen. So auch der Autor. Für sein Nachfolgewerk stünden ihm als Preisträger aber dann Mittel bereit, von denen er Rechercheure bezahlen und sich etwas Zeit lassen könnte.

FK: Und wenn der Autor nach Erhalt des Preisgeldes trotz Rechercheuren nichts mehr zustande bringt?

TG: Dann hätte er zumindest den besten Roman dieses einen Jahres geschrieben und seinem Verlag einen Verkauserfolg beschert. Ich bin zuversichtlich, dass ein derart ausgezeichneter Autor seiner Erfolgslinie treu bliebe, vor allem, weil die Welt ausreichend Themen bereithält, die sich plotten lassen.

FK: Eine halbe Million Euro, wer sollte die ausloben oder bereitstellen?

TG: Porsche, Daimler Chrysler, die Deutsche Bank, das ZDF, die Deutsche Telekom, Apple Deutschland. Egal. Der Auslober steht nicht im Vordergrund. Das Buch zum Preis ist wichtig. Und die Jury. Entscheidend wäre, sie nicht mit Leuten aus der Buchmarktbranche oder schreibenden Zunft zu besetzen. Auch auf Hochschullehrer, Politiker und sonstige Prominenz sollte verzichtet werden.

FK: Wer bliebe dann noch?

TG: Die Leser, die erfahrungsgemäβ auch die Käufer von Büchern sind. In weiblich-männlicher Balance etwa Mittelschüler ab 16, Abiturienten, Studenten, Polizisten, Informatiker, Biologen, Alleinerziehende, Musiker, Geographen, Deutschlehrer.

FK: Kennen Sie die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2006?

TG: Komplett aufsagen könnte ich sie nicht, aber Walsers Angstblüte ist dabei, Thomas Hettches Woraus wir gemacht sind und Katharina Hackers Die Habenichtse. Ach ja, auch Ingo Schulzes Neue Leben aus dem Jahr 2005. Was das nun wieder soll?

FK: Wem verliehen Sie ihn?

TG: Sicherlich nicht Katharina Hackers Die Habenichtse, obwohl mich der Titel anspricht. Wohl Heinrich Steinfests Buch Ein dickes Fell. Das gefällt mir. Es ist spannend, frech, und er schweift so wunderbar ab, ohne den Strang wirklich zu verlassen. Ja, 500.000 Euro! Aber es kam nicht auf die Shortlist.

FK: Harold Pinter hat den letztjährigen Literaturnobelpreis erhalten, den höchstdotierten Preis.

TG: Was soll man dazu sagen? Dramatisch?

FK: Wem hätten Sie ihn verliehen?

TG: Einem Autor oder einer Autorin, der oder die textlich Herausragendes geleistet hat, Thomas Pynchon etwa. Vielleicht erhält er ihn in diesem Jahr. Einem Stückeschreiber jedenfalls nicht. Und Elfriede Jelinek, die in Pynchons V. vor vielen Jahren ein Nachwort geschrieben hat, im Jahr davor auch nicht. Ihr hätte ich einen Kunstpreis verliehen. Eine Million Euro, damit sie sich zur Ruhe setzt.

FK: Wollen Sie das Enfant terrible der deutschen Literatur werden?

TG: Das ist abwegig. Und werden muss ich sicherlich nichts mehr.

FK: Gibt es ein Buch eines deutschen Schriftstellers, ein aktuelles, das Ihnen gefällt?

TG: Nannte ich nicht bereits eines? Prinzipiell Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt. Es ist zwar nicht mehr ganz aktuell, aber ich freue mich, dass Kehlmann den Konjunktiv hochhält. Was das "Vermessen" betrifft, hat Pynchon mit seinem Roman Mason & Dixon, der einst beim gleichen Verlag in einer edleren Aufmachung erschien, erheblich mehr geleistet. Und im Präsens geschrieben. Ziemlich schwierige Zeitwahl. Diese Anmerkungen sollen den Roman Kehlmanns nicht schmälern, denn auf 1000 Seiten, wie bei Mason & Dixon, lässt sich Historisches umfassender darstellen als auf 300.

FK: Kehlmann unternimmt erst gar nicht diesen Versuch.

TG: Wie ich bereits sagte, hat mir das Buch gefallen. Doch auch darin gibt es prächtige, obwohl verzeihliche Fehlgriffe.

FK: Können Sie Beispiele nennen?

TG: (sieht auf seinen Zettel) Die Flüssigkeit zögerte einen Moment (...); (...) mit einem Jauchzen schoß das Feuer auf (...); Er spähte aufgeregt in die Sonne (...); Sie waren nackt, trugen nur einzelne Kleidungsstücke (...): einen Hut, einen Strumpf, einen Gürtel (...); Tagsüber flossen die Stunden ineinander (...). Lebewesen zögern, Objekte nicht. Feuer kann nicht jauchzen. Akkusativ vor Nominativ wirkt sprachlich oft hinkend. Waren sie nun nackt oder nicht? Stunden fließen nicht, sondern vergehen. Niemand kann in die Sonne spähen, sondern nur zu ihr blicken. Es gibt noch mehr davon, und es fiel mir auf, weil die sonstige Sprachebene derartige Ungenauigkeiten, falsche Präpositionen, Verben oder Bildbrüche nicht verträgt. Dennoch: Insgesamt habe ich das Buch genossen - es gibt ja kein perfektes -, weil es einen wunderbaren Plot hat.

FK: Gibt es noch eins?

TG: Frank Schätzings Der Schwarm. Beeindruckend. Auch was die Verlegerseite betrifft, denn welcher Verlag kann sich schon eines solch imposanten und umfangreichen Romans eines deutschen Autors rühmen, der auch noch ein Bestseller geworden ist.

FK: Volker Hage hat im Herbst letzten Jahres im Spiegel einen Artikel publiziert, in dem er manchen Schriftstellern und auch Lektoren in Deutsch ein Mangelhaft attestiert und sie zum Nachsitzen auffordert. Fühlen Sie sich bestätigt oder, soweit es Ihre Kritik an Rezensenten angeht, widerlegt?

TG: Habe ich gelesen - lobenswert. Herr Hage hatte davor auch schon auf Mangelhaftes hingewiesen, ich glaube, es handelte sich um den Roman Vienna von Eva Menasse. Sicherlich ist Hage eine der positiven Ausnahmen unter den deutschen Literaturkritikern - ähnlich wie Denis Scheck, der immer alles, was ihm nicht gefällt, wegwirft -, und es freut mich außerordentlich, daß Hage den vier als Beispiele genommenen Autoren die Leviten gelesen hat. Sein Beitrag hätte noch zwanzig Autoren mehr umfassen sollen und müsste Pflichtlektüre nicht nur in Leistungskursen Deutsch, sondern auch im Unterricht der neunten und zehnten Klasse werden.

FK: Sie sind nicht der Ansicht, dass er beckmesserte, belehrte oder polemisierte?

TG: Nein. Sachliche Kritik hat weder etwas mit Belehrung noch mit Polemik oder Beckmesserei zu tun.

FK: Dann ist er also eher ein Bruder im Geiste.

TG: Was dies betrifft, ja.

FK: Was liegt Ihnen eigentlich mehr? Romane zu kritisieren oder zu schreiben? Sie lassen ja, subsumiert, kein gutes Haar an einigen Autoren, greifen selbst deren Metaphern an.

TG: Deutsch ist keine Bildsprache mehr. Metaphern sind mit Bedacht anzuwenden. Eine Überfrachtung damit ist, zumindest meinem Leseempfinden nach, eine Unart und lenkt stark von der Handlung ab. Und misslungene Metaphern sind das Schlimmste. Da frage ich mich natürlich, ob der Verfasser solcher Bildbrüche während des Schreibens Herr seiner Sinne war. Was meine Kritik betrifft: die erlaube ich mir als Leser.

FK: Herr Geddis, ich danke Ihnen für das Gespräch.

TG: Es war mir ein Vergnügen.

>> Teil 1 des Interviews

Das Interview wurde am 16. September 2006 geführt.

© GeoWis (2006-09-30)

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