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Deutsche Bundeswehr in Afghanistan: Entzaubert und defloriert

Entzaubert und defloriert

Die deutsche Bundeswehr ist dort angekommem, wo die Amerikaner schon vor Jahrzehnten waren.

Von Simone ten Breck (2006-10-26)

Wer ist da im Namen Deutschlands in Afghanistan seit bald fünf Jahren eigentlich unterwegs? Bewaffnete Wiederaufbauhelfer in ruhigen Gefilden, so wird es uns suggeriert. In kampffreier, stabiler Region. Oben im Norden Afghanistans. Immer korrekt. Immer freundlich. Doch immer auf der Hut. Klar, natürlich. Doch was für Figuren unter deutscher Flagge sind dorthin abgeordnet worden? Psychopathen? Angsthasen, die noch auf Tote losgehen? Mit Totenschädeln spielt man nicht. Gar sein Pimmelchen dazu ins rechte Licht zu rücken, ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Wie verblödet muß man eigentlich sein, um einen solchen Prolo-Akt vorzunehmen?

Deutschland hat sein Abu Ghraib im Kleinen. Bisher. Da kann Jochen Bittner im Online-Portal der Zeit noch soviel bloggen und meinen, die Untat der deutschen Hindukush-Soldaten sei mit Abu Ghraib nicht vergleichbar. Wie naiv ist der Mann? Zeitvertreib aus Scherz und Bösartigkeit waren die Triebfedern von Lindsey England und Konsorten. Sicherlich auch pathologische Dummheit. Zeitvertreib scheint auch deutsche Soldaten in Afghanistan angetrieben zu haben. Und kolossale Dummheit. Von Ethik keine Spur.

Kann derart im Orbit der Sozialisation sich Befindendes mit der angespannten, gar Kriegssituation in Afghanistan erklärt werden? Der Lesart nach sei Deutschland ja nicht im Krieg, sondern lediglich in einem Konfliktgebiet vertreten. Verteidigungsminister Jung hat sicherlich die Lacher auf seiner Seite. Nun gut, das kann man ja endlich auch nachvollziehen. Fakt ist: Deutschland ist im Krieg angekommen. Nicht erst seit Bekanntwerden dieser Untat.

Nach und nach sickert dies auch ins Bewußtsein von Intellektuellen, wenn auch noch spärlich. Auch deutsche Schriftsteller halten sich hierzu noch merklich zurück. Zu Recht konstatiert Claus Christian Malzahn in Spiegel Online, daß die Verantwortung für das Fehlverhalten der Soldaten auch die politische und militärische Führung treffe.

Der unverzeihliche, in Rede stehende und um die Welt gegangene Vorfall ereignete sich im Frühjahr 2003. Zu dieser Zeit war Peter Struck, SPD, Verteidigungsminister unter Bundeskanzler Gerhard Schröder. Was wissen diese beiden politischen Lausbuben über diesen Vorfall? Was wird in Deutschland los sein, wenn ähnliche oder noch schlimmere Vorfälle in 2004 und 2005 geschehen seien und diese demnächst an die Öffentlichkeit gerieten?

Ulrich Kirsch, der stellvertretende Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, kann sich im Interview mit Spiegel Online das Zustandekommen der Leichenschändung nur mit gruppendynamischen Prozessen vorstellen und gesteht, daβ den Verbrechern in Uniform die interkulturelle Kompetenz fehle. Vorzügliche Begriffe, die ein einfacher Berufs- oder Zeitsoldat erstmal kapieren muß. Das gilt auch für die Elitekampftruppe KSK, deren Einsatzverlängerung gerade beschlossen wurde. Was die Truppe in einem Gebiet zu tun hat, in dem angeblich kein Krieg herrsche, ist schleierhaft. Soll sie etwa einen neuen Fall Kurnaz provozieren?

Politiker quer durch die Parteien geben sich empört, wobei nicht jeder mit einem so dämlichen Begriff wie die Grüne Petra Roth (“Kadavergehorsam”) aufwartet. Wem aber nützt diese Empörung und wie glaubwürdig ist sie, wenn keine Konseqeuenzen gezogen werden? Dabei, wie etwa Jochen Bittner meint, grundsätzlich über die Wehrpflicht nachzudenken, ist natürlich Humbug. Die feschen Kerle in Uniform sollten doch eher den Psycho-Doc vor der Entsendung in Kriegs- und Krisengebiete durchlaufen, und auf alle Fälle einen Intensivkurs in Ethik absolvieren.

Auf diese Gedanken kommt aber der Oberst der Reserve und Professor für Psychologie, Horst Schuh, der auf der Paylist der Bundeswehr steht, im Interview mit der Zeit (Online) nicht, der hinsichtlich der Untat nur von makabren Späßen spricht. Als Psychologe sollte er wissen, daß hier angeknackste Psychen vorliegen, aus denen noch ganz andere Untaten entstehen können. Was für Leute unterrichten da denn?

Totenkopf- und Pimmelchenbilder schaden nicht nur, wie Ulrich Kirch im Interview mit Spiegel Online auf dessen nett gemeinte Vorlage bestätigt, wobei er nicht die Begriffe verwendet, der Bundeswehr. Da ist er ganz Lobbyist. Sie schaden um einiges mehr Deutschland und sie gefährden die in Deutschland lebende Bevölkerung. Die Bundeswehr, deren Helferimage uns nun fünf Jahre lang durch Wohlwollen, Schönreden und Schönschreiben deutscher Medien beigebracht wurde, ist entzaubert. Defloriert. Die deutsche Bundeswehr ist dort angekommen, wo die amerikanische Armee schon vor Jahrzehnten war.

© Simone ten Breck

© GeoWis (2006-10-26)

© Foto: Robert Y. Pelton

Zu Afghanistan empfiehlt GeoWis auch das Interview mit Tom Geddis mit Frank Kitzelmann.

Links zum Interview:

Teil 1 >>

Teil 2 >>

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