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Thomas Pynchon lesen (Teil 2)

Ordnung und Chaos in Pynchons Romanen

Teil 2 (2006-12-21)

Martin Jasper zu Mason & Dixon

Hardcover, Mason & DixonLandvermessung zu Pionierzeiten muβ eine aufregende und aufreibende Sache gewesen sein. Nicht nur, daβ man mit wenigen technischen Hilfsmitteln auszukommen hatte, sondern auch, weil man so manches Abenteuer erleben konnte und durchstehen muβte. Geodäten von heute haben mit diesen Pionieren nichts mehr gemein.

Gut hundert Jahre vor Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs und 13 Jahre vor ihrer ersten Unabhängigkeitsfeier der damals noch nicht auf der Weltkarte vertretenen USA werden der Astronom Charles Mason und der Landvermesser Jeremiah Dixon damit beauftragt, eine Grenzlinie zwischen den Bundesstaaten Maryland und Pennsylvania zu ziehen, die später noch zwei weitere Bundesstaaten berührte. Keplers Theorien waren bereits lange bekannt, ebenso die Lehre von der Navigation. Geo- und Kartographen genossen - anders als heute - hohes Ansehen.

In edles, pergamentartiges und mit Prägung versehenes Papier hatte der Rowohlt Verlag das Hardcover eingefaβt. Zwischen den Buchdeckeln befinden sich 1020 bedruckte Seiten halb-opaken Papiers mit im Präsens verfaβtem Text. Darin bringt Pynchon ein Kaleidoskop der Ereignisse. Einfach hingehen und eine Demarkationslinie zu ziehen, war damals nicht ungefährlich. Indianer sahen ihre Jagdgründe in Gefahr, Revolverhelden und Outlaws zogen durch die Gegend, ebenso Priester aller Richtungen, Pietisten, Evangelisten, erste, aus Deutschland und der Schweiz eingewanderte Amanaisten, Kommunisten, Harmonisten.

Einige stritten um die Seelen, andere um fruchtbares Land, und wieder andere um Frauen oder Pferde. Charly Mason und Jeremiah Dixon lernen all dies kennen auf ihrer Vermessungsreise, die sie eine kurze, geographisch vertikal verlaufende Linie zwischen dem auf einer Halbinsel liegenden Delaware und dem bis dahin reichenden Maryland ziehen läβt; und eine lange, horizontale, die Maryland und einen Teil West Virginias von Pennsylvania trennt.

In diesen Rahmen hat Pynchon seine beiden Helden eingefügt. Mason und Dixon sind Gegenstand des Romans, ihre Schwierigkeiten, ihre Gefühle, ihre Herausforderungen, ihre Verwunderung über die Verhältnisse in wilden Gegenden, die erst noch zu einem Staatsgefüge werden sollten. Die beiden leisten dazu einen wichtigen Beitrag.

 

Uwe Goerlitz zu Die Enden der Parabel (Gravity's Rainbow)

Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel (Tb)Der Mann mit der Ledertasche (Post Office) und Das Leben und Sterben im Uncle Sam Hotel (Erections, Ejaculations, Exhibitions and General Tales of Ordinary Madness) von Charles Bukowski waren die subkulturellen literarischen Knüller in den USA während des langen Übergangs von den 1960ern in die 1970er. Sie hielten sich, und weitere Autoren schrieben in diesen Trend. Popculture hatte den Gipfel erklommen. Hendrix und Joplin waren zwar schon tot, auch Brian Jones von den Rolling Stones und Jim Morrison von den Doors, aber Led Zeppelin, Black Sabbath, Frank Zappa, Yes, Emerson, Lake & Palmer, Crosby, Stills, Nash & Young und Steely Dan lebten.

In diese auch um sich selbst zirkulierende Phantasmagorie der US-amerikanischen Popkultur, die massiv und flächendeckend nach Japan und Europa schwappte, platzte 1973 Thomas Pynchon mit seinem 1200-Seiten-Werk Gravity's Rainbow. Ganz im Stil jener Zeit bedient sich Pynchon seitenlang der drastischen Sprache Bukowskis, wenn es um die Beschreibung und Dialoge zum intimen Spiel oder Akt zwischen Mann und Frau geht.

Das ist aber auch schon alles, womit er der Popkultur jener Epoche sein Anerkentnis vermittelt. Wie zehn Jahre zuvor, als er mit seinem Roman V. in die Kulturszene stieβ und den - literarischen - Muff der 1950er Jahre geradezu innovativ in die Schranken wies - Norman Mailer sei hier ausgeklammert -, schlug er in den USA erneut zu. Mit einem Roman, der nicht als Bett-, Metro- oder Campuslektüre geschrieben wurde, sondern die Aufmerksamkeit des Lesers einfordert. Acht Jahre später erscheint der Roman auf Deutsch. Musik, Bukowski und der kulturrevolutionäre Charme der 1970er waren mittendrin, Geschichte zu werden. Punkrock und - als Gegenpol - New Wave waren state of the art. Komplexe Literatur nicht gerade das, was in Deutschland an erster Stelle auf der kulturellen Agenda stand.

Während Pynchon seine Hauptfigur Tyrone Slothrop durch die Historie hetzt, zum Beispiel nach Peenemünde, wo die V-2-Rakete entwickelt wird, nach Berlin, das in Trümmern liegt, oder nach Los Angeles, in das Slothrop der Rote Faden des damaligen deutschen Raketenprogramms führt, erzählt er von Gestalten, die dessen Wege kreuzen. Huren, klar, Ingenieure, Verräter, auf Vorteile Bedachte, Helfer, sinistren Machenschaften Nachgehende. Keine Spur mehr von Popkultur, nicht im leisesten Ansatz. Hochgradig provokant, literarisch meisterlich, und deutlich eine weltpolitisch wichtige Epoche zum Handlungsrahmen nehmend. Das ist Die Enden der Parabel. Und noch viel mehr.

© GeoWis nebst Autoren (2006-12-21; 17:27:43)

© Fotos/Abbildungen: Umschlagfotos der Verlags-Ausgaben

Zu Teil 1 >>

Informationen zu den hier abgebildeten Ausgaben: Thomas Pynchon, Mason & Dixon (© 1997), Henry Holt & Company, New York; Deutsches © Rowohlt Verlag, 1999. Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel (Gravity's Rainbow, (© 1973); Deutsches © nach der 1973 b. Viking Press ersch. Ausgabe: Rowohlt Verlag.

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