Punk wird 40, Iggy Pop 60
The Stooges, seit 2003 wieder vereint, haben ein neues Album herausgebracht. In diesem Jahr haben sie 40jähriges Bühnenjubiläum
Von Hubertus Molln (2007-03-13)
Der Mann, der das stage diving erfand, verausgabt sich auf der Bühne wie eh und je. Er tanzt, er hoppst, er springt, er windet seinen Körper. Waschbrettbauch, drahtig-muskulöser Oberkörper, furchenreiches, markantes Gesicht, mittelblonde Mähne, wache Augen, kraftvolle Stimme - das ist James Newell Osterberg, Jr., besser bekannt als Iggy Pop, ehemaliger und erneuter Frontmann der ersten Punkrockband The Stooges. Er sieht inzwischen ein wenig so aus, als sei er der ältere Bruder des Schauspielers Tim Roth.
1967 gegründet, fielen The Stooges vor allem durch Pops berserkerhafte Darbietungen und harten, lärmenden, schnellen Rock'n Roll bei Live-Auftritten auf. Pop funktionierte gelegentlich Haushaltsgeräte zu Instrumenten um - Klang und Ton nebensächlich, Hauptsache, sie verursachten Krach - und spazierte auf den Schultern des Publikums über es hinweg.
Zwei Jahre später kam ihr erstes, vom jüngst 65 gewordenen John Cale produziertes Album, The Stooges, heraus, das sich nur mäβig verkaufte. Die US-Rockszene horchte dennoch auf. Exzesse, Eskapaden und Abstürze folgten, das zweite Album, Fun House (1970), blieb auch in den Regalen liegen, obwohl es gute Kritiken erhielt.
Beim 1970er Cincinnati Pop Festival dann sprang Mr. Pop kopfüber in die Menge. Derartiges hatte bis dahin noch niemand bei einem Rockkonzert erlebt. Stage diving war geboren.
Nach Fun House, auf dem Bassist Zeke Zettner, 1973 an einer Überdosis gestorben, und Saxophonist Steve Mackay mitspielten, fluktuierte der Band Personal etwas. Dave Alexander, 1975 an Lungenentzündung gestorben, ging. Es kamen Keyborder Bob Scheff, der schon bald durch Scott Thurston ersetzt wurde, und James Williamson als zweiter Gitarrist.
Williamson, der mit David Bowie nicht gut konnte, wie er im Interview mit Ken Shimamoto bekennt, schrieb mit Pop die meisten Stücke zu Raw Power, das 1973 erschien. Es sollte für mehr als drei Jahrzehnte das letzte Album der Stooges sein und gilt unter Kritikern als das beste der drei. Eines der besten Stücke darauf ist zweifellos Gimme Danger.
1974 löste sich die Band auf. Williamson, der drei Jahre danach mit Pop das Album Kill City einspielte, studierte Elektrotechnik, begab sich ins Silicon Valley und arbeitet noch heute dort. Hin und wieder telefoniere er mit Pop und den Ashetons, wie er im Interview sagt. Sie seien Freunde.
Es folgte die Solokarriere Iggy Pops, aus der bis heute 16 Alben hervorgingen. Darunter so massentaugliche wie Lust For Life (1977) mit dem Hit The Passenger, Party (1981) und Blah, Blah, Blah (1986). Auf Skull Ring (2003) hatte er von der Anfangsformation der Stooges - Iggy Pop, Ron Asheton, Scott Asheton, Dave Alexander - wieder die Brüder Asheton dabei. Ebenfalls reaktiviert wurde Steve Mackay.
Pop, der bei einem Konzert Anfang der 1980er Jahre in Berlin unangenehm auffiel, weil er nach zwanzig Minuten Show eine halbe Stunde lang pausierte, dann noch mal zwanzig Minuten auftrat, wobei er das Publikum beschimpfte und von der Bühne pinkelte, woraufhin ihm geleerte und volle Bierdosen entgegengeworfen wurden, so daβ er backstage flüchtete und nicht mehr zurückkam, machte Stooges-mäβig weiter.
Mitte der 1980er Jahre tobte er nicht mehr ganz so tollwütig über die Rampen, sondern lieferte ordentliche Rockkonzerte ab. Er bespuckte oder bepinkelte sein Publikum nicht mehr, behielt aber seinen Nihilismus. Er hatte seit Lust For Life jenen kommerziellen Erfolg, der ihm damals mit den Stooges versagt geblieben war, und kostete ihn aus.
Längst war er zur Ikone des Punkrock avanciert, hatte die Sex Pistols, 999 oder Dead Kennedys überlebt, war dick im Geschäft - und tourte. Er tourte so umfangreich, daβ man vermuten konnte, er sei auf der Flucht. Vielleicht war er das, aber immerhin fand er einigermaβen regelmäβig den Weg ins Studio, nahm Alben auf, flog kurz in die Ferien und - tourte. Quer durch die Welt. Vor allem der ehemalige Ostblock, die asiatischen und die lateinamerikanischen Länder hatten es ihm angetan.
Irgendwann aber wollte er wohl nicht mehr der einzige sein, der das Erbe der Stooges am Leben hielt. So trommelte er seine Buddies zusammen. Zum Glück erging es den Stooges-Musikern bisher nicht ganz so dramatisch wie jenen von T. Rex, die nach dem Tod von deren Leadsänger Marc Bolan (1977) alle verstarben: Steve Took (1980), Steve Currie (1981), Mickey Finn (2003).
Scott Thursten hatte eine beeindruckende Karriere als Studio- und Sessionmusiker gestartet, lange mit Jackson Browne, mit The Cult, Melissa Etheridge, Nils Lofgren, The Motels und, zum Beispiel, Glenn Frey (The Eagles) gespielt.
Ron Asheton hatte seine Gitarre etwa für Mudhoney und Sonic Youth ausgepackt, sein Bruder Scott mal hier, mal da getrommelt, Sessions gegeben. Steve Mackay orientierte sich im Free Jazz, blies auch bei Snakefinger, den Violent Femmes und einer Vielzahl von Jazz-Combos ins Saxo. Seit 2003 ist Mike Watt, der unter anderem bei The Minuteman war, bei den Stooges.
Letzte Woche haben The Stooges beim Caprices Festival im schweizerischen Ski-Ort Crans-Montana ihr drei Tage zuvor im schwarzen Cover erschienenes Album The Weirdness vorgestellt, das seither von der Kritik vorwiegend bejubelt wird, und ihr 40. Gründungsjubiläum eingeläutet. Binnen weniger Tage wurde das darauf enthaltene und bei MySpace eingestellte Stück My Idea of Fun mehr als 127.000 mal heruntergeladen. Das Album wurde von keinem weniger als Steve Albini produziert, der schon Nirvana, Pixies und Bush im Portfolio hat.
Musikalisch ist alles beim alten geblieben. Nur besser, und die Aufnahmetechnik natürlich up to date. Schneller Rock'n Roll, Punkrock, Blueseinflüsse. Den Godfathers of Punk wurde gehuldigt. Am 21. April 2007 wird Iggy Pop 60. Man kann es ihm ansehen, wenn man mag. Man kann ihm auch weniger geben. Jedenfalls spielen The Stooges an diesem Tag in San Francisco.
© Hubertus Molln
© GeoWis (2007-03-13; 14:43:00)
© Fotos: Iggy Pop / The Stooges Webseite; LP-Cover; MTV Latin America
Tourdaten 2007 (Europa), soweit bekannt: 27.05.: Pinkpop Festival, Landgraaf (Niederlande); 24.06.: Breslau (Polen), Olympiastadion; 30.06.: Borlänge (Schweden), Peace and Love Festival; 3.07.: Paris, Palais des Sports; 19.07.: Valencia (Spanien); 21.07.: Tromsø (Norwegen), Open Air Festival Bukta.