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Backes, Mariam: Maxim Biller - Schwadroneur von Gottes Gnaden

Schwadroneur von Gottes Gnaden

Der Schriftsteller Maxim Biller erklärt seine Liebe der Kurzgeschichte

Von Mariam Backes (2007-04-04)

Vielleicht ist Maxim Biller im Genre des Essays besser aufgehoben als in der Literatur, denn mit seinen Romanen hatte er - abgesehen vom Inhalt - wenig Fortune. Biller, der ewig Unzufriedene. manchmal Larmoyante, gelegentlich Bornierte, oft auch Aussagelose bleibt präsent. Dafür sorgen nicht nur die Scouts, die ihn zu diversen Talkshows einladen, in denen dieser Autor dann in der Regel wenig auf seine Gegenüber eingeht, sondern auch diverse Printmedien. Maxim Biller wirkt oft gereizt, dünnhäutig. Als Zuschauer bekommt man daher schnell das Gefühl, Billers Gegenüber wollten ihm - in Talkshows - nicht wehtun.

Der Autor, der sich vor einigen Monaten dahingehend öffentlich geäuβert hatte, Deutschland in Richtung Israel den Rücken kehren zu wollen, hockt weiter in Berlin und versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Das ist legitim. Er war mal wer in der Szene, und damit man nicht etwa auf den Gedanken kommt, er sei dort nicht mehr wer, wird er gepudert und in Windeln gepackt.

Nun hat Biller im aktuellen Spiegel einen Essay abgedruckt bekommen ("Aus Tropfen werden Meere", Heft 14, 2007). Fein. Aus Schriftstellern werden manchmal Schwadroneure. Nichts anderes als Schwadronieren unternimmt Biller in diesem Essay. Für den seiner Ansicht nach "Extrem-Romancier" Thomas Pynchon etwa müsse man "unentwegt Nachhilfeunterricht in Geschichte oder Naturwissenschaften oder was auch immer" bekommen, so Biller. Ach ja?

"Trotzki" kommt für Biller nur noch "im Portmonnaie des Kosaken in Babels 'Reiterarmee'" vor. Wer war Babel?, mag man geneigt sein zu fragen. Unvermittelt schwadroniert Biller weiter, springt zu Ernest Hemingway, ohne dem geneigten Leser seines Essays mitzuteilen, auf welches Werk Hemingways er referiert. Au weia!

Biller wäre nicht Biller, stellte er nicht kardinale und seine Leserschaft interessierende Fragen. Etwa: "Wie riecht eine gute Kurzgeschichte?" Antwort Biller: "Vielleicht wie der Boulevard Raspail nachmittags um fünf, Ende Mai, Anfang Juni." In welcher Stadt befindet sich der Blvd Raspail?, mag man fragen, wenn man doof ist. Biller weiter: "Und wie riecht ein ein guter Roman?" Antwort Biller: "Eigentlich gar nicht, höchstens nach der Druckerei, aus der er stammt." Man muβ sich - neben einigem anderen - fragen, weshalb das Lektorat des Spiegel so einen Schwachsinn durchgehen läβt.

 Der Autor Biller versucht in seinem Essay so etwas wie Poesie und Allwissenheit einzupflegen. Eine Frau und ein Mann sind in Paris (da ist auch der Blvd Raspain). Geht sie fremd? Oder ihr Mann? Man stelle sich vor, jemand ergreift in kleiner Runde das Wort und spricht seine Gegenüber auf diese kryptische - und abschweifende - Weise an. Vögelchen! Hallo! Nimm doch noch einen Cognac!

Selten war im Spiegel ein derart irrlichternder Autor mit einem Essay vertreten (zuletzt Benjamin von Stuckrad-Barre). Da wird einem ja inzwischen angst und bange. "Leser von Kurzgeschichten wissen" so Biller, "dass sie nach der Lektüre weniger wissen werden als vorher. Das genügt ihnen, sie denken selbst weiter nach und werden noch klüger." Holla, die Waldfee! Welcher gute Tropfen steht für derartige Erkenntnis Pate?

Biller mäandert flugs in die Historie. Der Zweite Weltkrieg ist kurz dran, in dem "man immer nur an Sex und Juden denkt, so enden alle Fixer, so tragisch kann religiöse Verblendung sein". Das hört sich irgendwie nicht durchdacht an. Das Nicht-Durchdachte ist das Prinzip von Schwadroneuren. Niemand kann ihnen folgen.

Es scheint, als kotzte sich Biller wieder einmal aus. Aber er breitet sich auch aus, offenbart sich surrealistisch, und das ist das Bedenkliche. Es scheint auch, als lebe er in einer Welt, die nichts mit der irdischen zu tun hat. Und es scheint, als begreife er sich als die einzig verbliebene Instanz, die Lesern ein Zeichen setzen kann. Ziemlich vermessen.

Seine nun entflammte Liebe zur Kurzgeschiche verwundert. Auch Kurzgeschichten brauchen einen Plot, brauchen ein Spannungselement, brauchen ein 3-Akt-System. Alles andere verlöre sich im Irgendwie und reduzierte sich aufs Schwadronieren, Elaborieren. Ein neuer Roman Billers täte Not. Ansonsten: Auswandern oder Job suchen.

© Mariam Backes

© GeoWis (2007-04-04; 18:24:45)

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