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Portrait: Elena Poniatowska - 75 und kein bisschen leise
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Grande Dame des kritischen Journalismus'

Vor knapp zwei Wochen feierte die mexikanische Schriftstellerin und Journalistin Elena Poniatowska ihren 75. Geburtstag. Kaum eine andere hat in den vergangenen 50 Jahren so schonungslos über die Verhältnisse in Mexiko berichtet. Ein kleine Rückschau.

Von Tom Geddis (2007-05-31)

Ihr vollständiger Name lautet Prinzessin Hélène Elizabeth Louise Amelie Paula Dolores Poniatowska Amor. Elena Poniatowska, die Grand Dame des kritischen Journalismus' Mexikos, ist die Tochter des polnischen Edelmannes Prinz Jean Evremont Poniatowski Sperry, eines direkten Nachfahrens von Stanislaus II, dem letzten König Polens, und der Mexikanerin Paula Amor-Escandon, deren Vorfahren Franzosen waren.

Elenea Poniatowska, 2005.Nachdem Poniatowskas Familie im Zweiten Weltkrieg aus Frankreich geflüchtet war, fand sie in Mexico City eine neue Heimat. Ab 1949 besuchte die damals 17jährige ein religiös geprägtes Internatscollege in den USA. Vier Jahre später kehrte sie nach Mexico City zurück, begann journalistisch zu arbeiten und veröffentlichte ein Jahr später ihr erstes Buch, Lilus Kikus. Deklariert als Kinderbuch, kommen darin starke feministische Gedanken zum Vorschein.

Damit wurde Poniatowska quasi zur ersten bekannt gewordenen Feministin nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn auch nicht mit dem politisch-rationalen Habitus ausgestattet, der etwa den deutschen Marxistinnen Rosa Luxemburg, die kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs ermordet wurde, oder Clara Zetkin, die 1933 im Alter von 76 Jahren in Moskau starb, eigen war.

Als Poniatowska zu schreiben begann, litt Mexiko unter dem laschen Regime von Adolfo Ruiz Cortines (1952-58), das ausreichend Anlass bot, journalistisch nichts zu beschönigen. Denn unter Ruiz Cortines, 1890 in Veracruz geboren und erwachsen geworden während der Mexikanischen Revolution (1910-17), schritt zwar die Industrialisierung Mexikos voran, lieβ aber erhebliche Teile der Bevölkerung am wachsenden Wohlstand nicht teilhaben.

Gustavo Diaz Ordaz. Zeichnung. Ricardo Torres Medina. 1993.Auch das Nachfolgeregime unter Adolfo López Mateos (1958-64) war kaum besser. Als der Jurist Gustavo Díaz Ordaz (1964-70) - ein Karrieretechnokrat mit professoraler Hochschulerfahrung - an die Macht kam, ging es aber erst richtig los. Díaz Ordaz war kompromisslos, feuerte Streikende - etwa Bahnarbeiter oder Lehrer -, wurde aber von der Wirtschaft aufgrund seines ihr zeugeneigten politischen Kurses geschätzt. Vom Volk weniger.

Elena Poniatowska war 36 Jahre alt, als Studenten, Arbeiter und Bauern im Mai 1968 in Mexico City auf die Straβe gingen und gegen das kostspielige Unternehmen 'Olympische Spiele Mexiko 1968' protestierten (damaliger Chef des Sportspektakels war der Amerikaner Avery Brundage, der auch in den unter Hitler durchgeführten OS 1936 nichts Politisches hat erkennen wollen), deren Aufwand und Kosten in kolossal negativer Relation zur Armut im Land standen.

Damals verkannte die mexikanische Führung die Brisanz, die in den Protesten lag, die ja zunächst zaghaft begonnen hatten. Vor allem unterschätze sie, dass zwischen den im Land herrschenden sozialen Unterschieden und dem Mega- und Prestige-Projekt 'Olympische Spiele' enornormer politischer Zündstoff lag. 

Alsbald kamen während der Proteste Forderungen für mehr (Meinungs-)Freiheit, mehr Demokratie, bessere Lebensverhältnisse und ein "anderes Mexiko" hinzu. Es waren gute, aber auch lebensgefährliche Tage und Monate für Journalisten. Doch zuvörderst war es eine mit Repressalien verbundene, lebensgefährliche Zeit für die Protestierer.

'Las Madres Mexicanas Apoyan A Sus Hijos', Ciudad de Mexico, 1968. Foto aus E. Poniatowska: La noche de Tlatelolco. Ediciones Era.Zehntausende waren es zunächst, als die von Studenten und Dozenten der UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México), der gröβten Universität des Landes (2006: 285.000 Immatrikulierte), initiierten Proteste im Mai begannen. Schon bald waren es Hunderttausende. Quer durch die Bevölkerungsschichten solidarisierten sich die Mexikaner, vor allem die Hauptstädter mit den Zielen der Protestierer.

Kaum ein Land hatte zuvor eine derartig schichtenübergreifende und massenhafte Solidarisierung mit den Forderungen eines von Universitäten ausgegangenen Protests erlebt. Nicht Frankreich, nicht Deutschland, nicht die USA, nicht Tschechien.

Womit Ordaz wohl nicht gerechnet hatte: Tausende Väter und Mütter gingen für ihre Söhne und Töchter mit auf die Straβe. Auf dem Paseo de la Reforma, einer der wichtigen innerstädtischen Trassen Mexico Citys, auf dem Zócalo - dem gröβten innerstädtischem Platz Lateinamerikas - und im gesamten historischen Zentrum der Hauptstadt, dem Centro Histórico, in dem die Abgeordnetenkammer liegt, wurde massenhaft protestiert.

Schussbereite Soldaten, Mexiko-Stadt, Oktober 1968. Foto: Ediciones Era.Fünf Monate lang hielten die Protestler die Hauptstadt, das Land und die internationale Öffentlichkeit in Atem. Technokrat Díaz Ordaz, fest verankert in der politischen Günstlings- wirtschaft, aus der er hervorgegangen war, verlor jedes Augenmaβ und sollte als ein weiterer unrühmlicher¹ Präsident in die Geschichte des Landes eingehen.

Wer immer es war, der dem mexikanischen Militär schlieβlich erlaubt hatte, in der Nacht zum 2. Oktober 1968 scharfe Munition gegen die Protestler einzusetzen - es fällt in die Verantwortung von Díaz Ordaz.

Neben den seinerzeit um die Welt gegangenen Bildern und Berichten, zeichnete Elena Poniatowska nach umfangreichen Recherchen, Gesprächen und Interviews mit Beteiligten von den bis dahin nur von erklärten Diktaturen bekannten Unmenschlichkeiten mit ihrem 1971 veröffentlichten Buch La noche de Tlateloco (Die Nacht von Tlatelolco) ein beeindruckendes Bild der Ereignisse.

Libro 'La noche de Tlatelolco' por Elena Poniatowska. Ediciones Era. Edicion 55a.Dass es so erfolgreich wurde, mag auch daran liegen, dass es so authentisch ist und damit ein Paradebeispiel für die - vor allem politische - Oral History, die mündliche Überlieferung durch Augenzeugen. Es waren, wie man dem Buch entnehmen kann, eben nicht fehlgeleitete Demonstranten, die etwa lediglich am Ast des Präsidenten hatten sägen wollen. Es ging um viel mehr.

Es ging um Relationen, wofür, wozu und für wen öffentliche Gelder ausgegeben werden. Es ging also darum, ob die Milliarden von Pesos, die Olympia 1968 verschlingen sollte, nicht etwa besser in die Erschlieβung von ländlichen Regionen oder in den Ausbau von sozialen Sicherungssystemen investiert werden müssten.

Hatte Poniatowska 1969 mit ihrem Buch Hasta no verte, Jesús mio bereits aufhorchen lassen, wurde sie mit ihrer Dokumentation zur 'Nacht von Tlatelolco' - die erschüttert - schlagartig zur journalistischen Heroine Mexikos. Eine Reputation, die ihr bis zum heutigen Tage anhaftet. Gewissermaβen gilt sie in Mexiko als die Frida Kahlo der schreibenden Zunft.

Protagonisten des Consejo Nacional de Huelga - Streikkomittees -, 1968. Foto: Ediciones EraOft sachlich, manchmal auch sehr direkt, nervte sie das Regime, dem ab 1970 Luis Echeverría Álvarez vorstand (bis 1976). Doch anders als es mexikanischer Brauch war - und manchmal heute noch ist -, schoss man ihr keine Kugel in den Kopf.

Die mexikanische Regierung reagierte somit seit den Tagen des ehemaligen Präsidenten Lázaro Cárdenas del Río (1934-40) erstmals wieder weise in eigener Sache.

Eine mexikanische Heldin, noch dazu eine blaublütige, umkommen zu lassen, hätte zu unheilvollen Konsequenzen für die konstitutionale Struktur des Landes führen können.

Poniatowska, die sich politischen Tatsachenberichten mehr als 'Sonntagskommentarismus' verpflichtet sah - und sieht -, wurde spätestens zu dieser Zeit zur Ikone der mexikanischen Linken und engagiert sich für sie. Und die dankt es ihr.

Das 1984 gegründete Blatt La Jornada, längst eine der profiliertesten und auflagenstärksten Tageszeitungen Mexikos (ca. 287.000 Ex.), in der die streitbare Autorin regelmäβig publiziert, schoss allerdings etwas übers Ziel hinaus, als es sie 1997 gegen Plagiatsvorwürfe, fehlende Quellenangaben und journalistische Ungenauigkeiten - ausgerechnet in La noche de Tlatelolco - in Schutz nahm.

'Die Nacht von Tlatelolco'. Mexico City, 1968. Foto: Ediciones EraLuis González de Alba (siehe Foto o. r.), 1968 im Streikkomitee der Protestbewegung, warf "Elenita", wie die Autorin liebevoll von La Jornada bezeichnet wird, vor, Fragmente seines bereits fertig gestellten Manuskripts zu dem Buch Los días y los años (etwa: Die Tage und die Jahre) benutzt zu haben, ohne ihn zu zitieren.

Im weiteren bemängelte er, dass sie ungenaue Angaben zum Standort von an den Protesten in der Nacht zum 2. Oktober 1968 Beteiligten gemacht (das Gebäude 'Chihuahua' ist hier gemeint) und unrichtigerweise auch manchen benannt habe, der gar nicht am Ort dabei gewesen sei.

"Ihr Wort ist Gesetz", so González de Alba laut der Online-Zeitung etcétera.com.mx vom Mai 2006. La Jornada strafte den Autor ab, der bei diesem Blatt bis Oktober 1997 die Kolumne 'La ciencia en la calle' (etwa: Die Wissenschaft auf der Straβe) hatte. Es kündigte ihm die Kolumne und warf ihm "verbalen Terrorismus" vor.

Doch so sehr sich La Jornada auch bemühte: die Vorwürfe von González de Alba hatten zur Folge, dass vor Drucklegung weiterer Auflagen des Buches rund 500 Zeilen gestrichen, Ungenauigkeiten korrigiert und fehlende Quellenangaben nachgeholt werden mussten. Als hätte die Autorin geahnt, dass eines Tages darauf hingewiesen würde, lehnte sie 1970/71 den Literaturpreis Premio Xavier Villaurrutia für La noche de Tlatelolco ab.

Elena Poniatowska - Nada, nadie. 1988; 6. Aufl., 1998. Ediciones Era.Elena Poniatowska machte ihre Arbeit und schrieb nach 'Tlatelolco' emsig weiter. Unzählige Artikel, Reportagen und Essays von ihr erschienen in den folgenden Jahren in der spanischsprachigen Welt. Ihre Meinung war gefragt, ihre Reportagen nervten die Obrigkeit weiterhin. Doch Poniatowska ist keine Agit-Prop-Journalisten, keine die das Miese sucht und es dann ausschlachtet. Sie ist - folgt man ihren vielen Artikeln und Berichten - eine harsche Kritikerin der sozialen Schieflagen in Mexiko.

Nicht stets ohne Emotionen. Zahlreiche Schreiben und auch Leserbriefe hat sie in den vergangenen Jahrzehnten an verschiedene Publikationen gerichtet, wenn ihr etwas gegen den Strich ging, vor allem ans linksliberale Nachrichtenmagazin Proceso, für das sie auch schrieb und in dem sie bei Bedarf noch immer zu Wort kommt.

Als am 19. September 1985 ein fulminantes Erdbeben Mexico City erschütterte, bei dem nach offiziellen Angaben um 20.000 Menschen getötet wurden, nach inoffiziellen doppelt so viel, liest man in Poniatowskas drei Jahre danach erschienenem Bericht 'Nada, nadie. Las Voces del temblor' (etwa: Nichts, niemand mehr. Die Stimmen der Erschütterung) auch ihre Fassungslosigkeit ob dieses Ereignisses heraus.

Elena Poniatowska, 1987.Erneut macht sie vom Prinzip der Oral History Gebrauch, interviewt, führt Gespräche, lässt Betroffene zu Wort kommen. Natürlich hätte sie ob der individuellen Schicksale und der Zerstörungen vor allem im historischen Zentrum der Megastadt losheulen können, tat es aber nicht. Anzunehmen ist, dass sie mehr als eine Träne vergoss, wenn sie in den Tagen und Wochen nach der Naturkatastrophe allein in ihrem Domizil im südlichen Hauptstadt-Bezirk Coyoacán hockte oder mit Freunden zusammen war.

Elena Poniatowska ist es zu verdanken, dass die (lateinamerikanische und später auch westliche) Welt erstmals erfährt, was es bedeutet, wenn ein zerstörerisches Erdbeben ein dicht besiedeltes Gebiet und die in ihm wohnende Bevölkerung heimsucht. Beschränkten sich die Schlagzeilen bis dahin auf die Anzahl der Toten und Verletzten - was heute insbesondere in US-amerikanischen und europäischen Medien wieder Usus ist -, geht es in Nada, nadie auch um die Überlebenden.

Zigtausende verloren damals ihre Arbeit, weil die Gebäude, in denen Kleinstfirmen ihren Sitz hatten, zusammengebrochen waren. In einem Beitrag vom April 1986 für das deutsche Magazin GEO SPECIAL schildert Poniatowska zum Beispiel, dass "200 Nähstuben und Ateliers, legale und illegale" zerstört und "ungefähr 800 beschädigt" wurden.²

Erdbeben in Mexico City, 19. Septemer 1985. "Über 40.000 Frauen verloren ihre Arbeit. Mehr als 600 Frauen wurden von den herabstürzenden Massen zerschmettert, viele von ihnen waren nicht älter als 14 Jahre, und viele waren alleinstehende Mütter. Niemand fühlte sich für sie verantwortlich."

Damals herrschten sommerliche Temperaturen. Binnen Stunden begannen die Leichen stark zu riechen. Säckeweise hatte Eis herangekarrt werden müssen, um den Geruch der einsetzenden Verwesung nicht allzu stark in die Nasen der Helfer steigen zu lassen.

Mit Mundschutz traten Geistliche vor die mit Eissäcken bedeckten Leichen und sprachen die Sakramente. Beinahe ein Wunder, dass die Geistlichen diesen Akt durchhielten.

Auch den vielen Helfern, die sich den Rettungsarbeiten stellten und bis zum eigenen Zusammenbruch Stein um Stein hoben, zollte Poniatowska mit ihrer Dokumentation Respekt und und verlieh ihnen unsichtbare Orden. So mancher - wie Nada, nadie auch bildhaft zeigt - konnte nicht fassen, was er sah und wie er wem zu helfen hatte.

So mancher auch verzweifelte. Psychologische Betreuung für Katastrophenhelfer sollte noch mindestens 23 Jahre lang ein unbekanntes Genre sein. Was aus den vielen Helfern geworden ist, hat auch Elena Poniatowska nicht nachgefragt. Es muss nachgekommenen Journalisten ein Anliegen sein.

Erdbeben in Mexico City: 'Cuantos mas quedan'. Aus: Nada, nadie von Elena Poniatowska. Ediciones Era, 6. Aufl., 1998.Poniatowska nahm nie ein Blatt vor den Mund. Sie ist das unangetastete Gewissen Mexikos. Kein Präsident wagte es, diese mutigen Dame anzugreifen. Im Gegenteil. National wie international wurden ihr Ehrendoktorwürden verliehen.

Etwa 1979 von der Universität des Bundesstaates Sinaloa; 1980 von der Autonomen Uni des Bundestaates México; 1994 von der New School of Social Research, New York; 1995 von der Florida Atlantic University; 2000 von der mexikanischen Elite-Uni Universidad Autónoma Metropolitana.

Wichtiger wohl als diese Würden aber mussten ihr die Auszeichnungen für ihre Arbeit erscheinen. Als erste Frau erhielt Poniatowska 1978 den Premio Nacional de Periodismo. Extrem gerührt war sie, als sie 1987 den Premio Manuel Buendía erhielt, und auch, als ihr 1990 der Premio Coatlicue verliehen wurde. Dazwischen und danach empfing sie weitere Preise für ihre Arbeiten, 1992 etwa den Premio Mazatlán zu ihrer romanesken Biographie über die illustre Tina Modotti (Tinisíma).

Mit der Biographie über die Fotografin Modotti, einer schier durch die Zeit mäanderten Heldin des Allmöglichen - B-Movie-Schauspielerin, Geliebte des Fotografen Edward Weston, Kommunistin mit Moskau-Erfahrung und Aktive im Spanischen Bürgerkrieg bei der Internationalen Roten Hilfe, Bekannte von Ernest Hemingway und anderen zu Ruhm Gelangten -, die auch mit mexikanischen Kulturgröβen befreundet war, etwa Diego Rivera oder Frida Kahlo, gelang Poniatowska ein weiterer Bestseller. Der umtriebigen Tina Modotti, 1942 unter mysteriösen Umständen in einem Taxi in Mexico City zu Tode gekommen, hat Elena Poniatowska somit einen Rang in der Geschichte mutiger Frauen verschafft.

Elena Poniatowska - Las Soldaderas. Ediciones Era, 1999.Es folgten drei weitere Romane. Paseo de la Reforma (1997) handelt von einem Spross einer mexikanischen Upper-Class-Familie, dessen Leben sich nach einem Unfall dramatisch verändert; in La piel del cielo (etwa: Die Haut des Himmels, 2002) geht es um einen Jungen, der von der Astronomie fasziniert ist und später, nachdem er erwachsen geworden ist und studiert hat, sein Land, Mexiko, mit Hilfe der Astronomie auf wissenschaftliche Augenhöhe mit den USA bringen will; El tren pasa primero (etwa: Zuerst passiert der Zug, 2005) ist die Geschichte eines Dorfjungen in Oaxaca, der eines Tages zum ersten Mal einen Zug vorbeifahren sieht und sich all die Orte vorstellt in die man mit ihm fahren kann.

Sie schrieb über Subcomandante Marcos, dem Anführer der EZLN, mit dessen Zielen sie sich identifizierte, und verfasste Lobschriften an Diego Rivera, wie auch an Carlos Fuentes zu dessen 75. Geburtstag. Zu ihren herausragenden Publikationen gehört auch der Bildband Las Soldaderas (1999), in dem sie die Photos der Heroinen der Mexikanischen Revolution in einfühlsamer Weise kommentiert.

Im vergangenen Jahr unterstützte 'Elenita' den demokratischen Präsidentschaftskandidaten López Obrador, der gegen den Republikaner Felipe Calderón unterlag. Sie wetterte gegen das nach Wahlbetrug riechende Ergebnis, aber auch gegen den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten (1988) Cuauhtémoc Cárdenas - Sohn des legendären Präsidenten Lázaro Cárdenas -, dem sie mangelnde Unterstützung für López Obrador vorwarf.

In einem seitenlangen Offenen Brief an sie, abgedruckt in der mit mehr als 300.000 Exemplaren auflagenstärksten Tageszeitung Mexikos - El Universal - vom 14. September 2006, bezog Cuauhtémoc Cárdenas, prinzipiell ein Freund der Autorin, Stellung und rückte einige der Vorwürfe zurecht.

Carlos Salinas de Gortari, 1988. Aus: Jose Luis Gonzales Mesa, 1996.Keine Frage, Elena Poniatowska nutzt ihre Popularität und Reputation, um auf Missstände hinzuweisen. Man stelle sich vor, in Deutschland lehnte sich etwa Günter Grass derart aus dem Fenster, oder hätte es getan, bevor im letzten Jahr seine Kriegsvergangenheit thematisiert wurde. Schier unmöglich, denn sofort stünden die Pofallas und Kauders bereit und verböten sich die Einmischung in die Politik und wer weiβ, was alles noch. Bestenfalls Günter Wallraff traut sich - alle Jahre wieder - den Mund aufzumachen, erfährt aber zu wenig Gehör.

Poniatowska kann es sich leisten. Sie ist im verbalen politischen Kampf erprobt. Zu ihren Lieblingsfeinden gehörte einst der unrühmliche Präsident Carlos Salinas de Gortari (1988-94), der nach dem Ende seiner Regierungszeit ins irische Exil geflohen war und erst nach Mexiko zurückkehrte, nachdem ihm Zusicherungen gemacht worden waren.

Sie hat zehn mexikanische Präsidenten erlebt und sieht gerade den elften, Felipe Calderón. Fünf von diesen zehn hat sie bereits überlebt. Trotz ihrer 75 ist sie noch enorm rüstig, vor allem aber kein bisschen schreibmüde, obwohl sie, wie sie gegenüber mexikanischen Medien sagte, nun ein wenig kürzer treten wolle.

Ihren Geburtstag verbrachte sie im Kreis ihrer Familie. Was wohl das Vernünftigste war. Denn 'Elenita' kennt einen Haufen Leute und hat eine Menge Freunde. Zu den engsten zählen Carlos Fuentes und ihr Kollege Carlos Monsivaís. Auch Julio Scherer García, Gründer des seit 1976 wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazins Proceso, gehört zum engeren Kreis, wie auch die geschätzten Journalisten Enrique Maza (Proceso) oder der Investigativjournalist und langjährige Chef der Proceso-Auβenstelle in Guadalajara, Felipe Cobián.

"Ich habe drei Kinder, zehn Enkel, eine komplette Familie, und viele Freunde", sprach die Grand Dame in die Mikros der lateinamerikanischen Presse. Die Literatur liege ihr am Herzen, und die Liebe zu so vielen Menschen, vor allem die zur Jugend. Worte, die abseits von Mexiko auch in Kuba, Venezuela, Honduras und den meisten anderen Tageszeitungen Lateinamerikas abgedruckt wurden.

¹ Unrühmliche Präsidenten Mexikos - je nach Sicht (Auswahl): Plutarco Elías Calles (1924-28); Gustavo Díaz Ordaz (1964-70); Carlos Salinas de Gortari (1988-94); Ernesto Zedillo Ponce de León (1994-2000).

² Zitiert aus: Elena Poniatowska: Die endlose Erschütterung. In: GEO SPECIAL Nr. 2/Mittwoch, 16.4.1986, S. 62-64. Verlag Gruner + Jahr, Hamburg.

© Tom Geddis

© GeoWis (2007-05-31)

© Fotos/Abbildungen, soweit nicht bereits angegeben: Zeichnung 'Gustavo Díaz Ordaz' aus Ricardo Torres Medina: Del Caudillismo al TLCismo. El misterio de la sucesión presidencial. S. 81. Verlag Inquietudes Ediciones y Publicidad, D.F., México, 1993; Foto von 'Carlos Salinas de Gortari' entnommen dem Titel des Buches Un asesino en la presidencia, von José Luis González Meza. Verleger: Fundación Defensora de los Derechos Humanos de los Pueblos Indígenas, D.F., México, 1996.

Links:

Angst vor dem Bürgerkrieg >>

Vanessa Bauche: Die starke, mutige Mexikanerin >>

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