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Havaii, Kai: Hart wie Marmelade. Rezensiert von Mariam Backes

"Nicht allein sein, und doch frei sein"

Kai 'Havaii' Schlasse, Sänger der Band Extrabreit, hat in seinem Buch Hart wie Marmelade aufgeschrieben, was abging

Von Mariam Backes (2007-06-09)

Seine Gesangsstimme ist so markant und wiedererkennbar wir die des verstorbenen Sängers der ehemaligen Berliner Rockband Ton, Steine Scherben, Rio Reiser. Immer etwas angerauht, heiser, energetisch klingend. Daβ er auch flott und mitreiβend schreiben kann, stellt Kai Havaii mit seinem kurz vor seinem 50. Geburtstag erschienenen Buch Hart wie Marmelade unter Beweis, Titel der ersten Extrabreit-Single.

Extrabreit gehören neben den Toten Hosen, Nena, den Ärzten und den Einstürzenden Neubauten zu jenen deutschen Bands, die das Abebben der Neuen Deutschen Welle der 1980er Jahre erfolgreich, wenn auch mit zwischenzeitlichen Knicken, überlebten und Millionen von Tonträgern verkauften. Und immer noch rocken sie und füllen die groβen Hallen und Open-Air-Festivals.

"Tee mit Tante Hilde" benennt Havaii ein Kapitel seines Buches, in dem er beschreibt, wie es zur Zusammenkunft mit der ersten Nackten des deutschen Films, Hildegard Knef, kam. Die Knef, so kann man nachlesen, hatte die vor ihr Spalier stehenden Musiker, die weder Drinks, noch anderen Drogen abgeneigt waren, mit "Hallo, Jungs!" begrüβt.

Extrabreit und Hildegard Knef, "Rote Rosen", 1993.Die Ehrfurcht der Jungs vor der bedeutenden Künstlerin war laut Havaii enorm ausgeprägt. Gitarrist Stefan 'Kleinkrieg' Klein "hatte ihr einen formvollendeten Brief (»Liebe, gnädige Frau...«) und ein Tape mit unserer Version von 'Rote Rosen' geschickt, und sie hatte sofort vorgeschlagen, ein richtiges Duett daraus zu machen."

Das Resultat dieser Begegnung ist ein Stück deutsche Rockgeschichte. Für mich soll's rote Rosen regnen - basierend auf dem Chanson von Hammerschmidt/Knef, 1968 - rockte 1993 die deutschen Charts und war auch international erfolgreich.

Die Knef, divenhaft zum einen, jovial zum anderen - und von Havaii im Buch liebevoll 'Hilde' genannt -, hatte die Mittdreiβiger im Griff. Und die Jungs spurten, wie es sich gehörte. "Also, ich komm heute nicht mit meinen Kontaktlinsen klar, und Brille kommt nicht in Frage", so die Knef laut Havaii. "Kannste mir nachher zum Mikro bringen?"

Havaii vermeidet es, auf das neun Jahre später eingetretene Ableben Hildegard Knefs einzugehen. Das Musikgeschäft ist eine rauhe Welt, nicht immer, aber doch oft schnellebig. "Hilde war eine Diva, wie sie im Buche stand, die letzte ihrer Art", so der Autor, der neben Bewunderung für die Freundin von Marlene Dietrich auch Verwunderung durchblicken läβt, weil Hildegart Knef nicht immer so funktionierte, wie man das mit 20, 30 oder 40 noch locker drauf hat.

Kai - Havaii - Schlasse/Harald Juhnke, 1996.Kai Havaii liefert abseits dieses Kapitel einen tiefen Einblick in das rasante Leben von Extrabreit. Auch nach Hagen, von dem aus man je nach Wohnlage einen schönen Blick auf die Syburg hat und sommers im Hengsteysee Tretboot fahren oder den Wasserspiegel mit einem Kopfsprung durchdringen kann, kamen damals Drogendealer. Die Provinzjugend hatte versorgt werden müssen, die lokal-regional bekannten Musiker erst recht. Und wenn keine kamen, fuhr man nach Holland.

Die Jungs von Extrabreit sahen wenig Grund, sich davon auszuschlieβen. Kai Havaii war seinem Buch zufolge dazu auch nicht bereit. Es wurde gekifft und getrippt, später auch gedrückt oder gekokst, und Musik gemacht. Phasenweise und manchmal auch am Stück. Havaii spricht nicht durchgehend für Extrabreit, aber durchgehend für sich. Er spricht auch für jenen Teil einer Generation - die Nach-Woodstock-Generation, die sogenannten 78er -, der diese Exzesse kennt.

Erste Liebe und erster Sex kommen auch vor. Von einer zehn Jahre älteren Krankengymnastin namens Waltraud sei Havaii "erotisch erlöst" worden. "Sie war eine kleine Brünette mit seidenweicher Haut - eine echte Siebziger-Braut, ganz selbstbewuβt und locker", so der Autobiograph. "Wir fickten, schien mir, daβ die Erde bebte, in Klamotten oder ohne, und am Ende dieser goldenen Nachmittage lag ich satt und mich ungeheuer männlich fühlend, qualmend auf dem Rücken und war on top of the world", heiβt es weiter. Was qualmte, oder ob Havaii eine Zigarette rauchte, bleibt der Interpretation des Lesers überlassen.

Neben aktivem Sex- und Drogenkonsum waren der Autor und seine Freunde in Hagen als "kulturelle Anführer" unterwegs. Angetrieben von ihrer Kinoleidenschaft gründeten sie einen Filmklub und zeigten der interessierten Hagener Jugend Midnight Movies, etwa The Harder They Come, oder den Porno-Comic Fritz the Cat. Sie riefen die Konzertagentur 'Alles Live' ins Leben, holten das radikale Schwulentheater Brühwarm nach Hagen, genauso wie die Kabarettisten Die Drei Tornados oder den Clown und derben Comedian Jango Edwards.

Haivaii brilliert mit vielen kleinen, voller Leben steckenden Geschichten, in denen es um in den Sand gesetzte Auftritte der Anfangsjahre geht (Berlin, Hamburg), "hippe Luxus-Schnallen aus Dortmund", einen legendären Abend in der Talkshow III nach 9, und jede Menge Begegnungen. Auch mit so mancher Entstehungsgeschichte wartet er auf, etwa mit der um die Hagener "Vorstadt-Prinzessin" Nena verlaufene Erfolgsstory.

Von 18-20jährigen wird Havaii wohl allein aufgrund seines Alters als Respektsperson und Retro betrachtet. Zu Extrabreits Jugend-Zeiten hatte man sich ja noch pikante Videos nur unter Vorzeigen des Personalausweises ausleihen können. Inzwischen lachen die Kids darüber - und viele hören Extrabreit - reicht doch heute ein Internetzugang, um Fleischbeschau zu betreiben. Was zählt, ist die Musik.

Kai 'Havaii' Schlasses Biographie bietet einen tieten Einblick ins Nähkästchen der Band und in das des Autors. Auch jenen, die während der Neuen Deutschen Welle und des Punkrocks jugendlich waren und mitgerockt haben, jenen auch, die sich neun Monate nach einem Extrabreit-Konzert im Kreissaal wiederfanden, und auch jenen, die ohne Kai Havaiis Stimme nicht einschlafen konnten, bietet Hart wie Marmelade einen ordentlichen Blick auf eine Zeit, die angeblich vergangen ist.

Das Leben auch eines deutschen Rockstars, das wird während der Lektüre klar, erscheint bittersüβ; der Preis fürs "Nicht-allein-sein,-und-doch-frei-sein" hoch.

© Mariam Backes

© GeoWis (2007-06-09)

© Fotos/Abbildungen: Anna Maria Erkeling (kl. Titel); gold/Anke Fesel/Kai Dieterich (gr. Titel); Extrabreit (Havaii/Juhnke); Cover Design Art & Werbeteam, Hamburg (CD-Cover).

Kai Havaii: Hart wie Marmelade. Ein Rock'n' Roll-Roman aus der Provinz. Mit 23 Abbildungen. Hardcover, 290 S.; ISBN 978-3-37800679-9. Kiepenheuer, Berlin. Erschienen am 16. März 2007.

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