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Pynchon, Thomas: Gegen den Tag. Rezensiert von Uwe Goerlitz
[336]

Flug durch die Zeit

Vor anderthalb Jahren erschien Thomas Pynchons Roman Against the Day in den USA und im weiteren englischsprachigen Raum. Nun liegt er auf Deutsch vor. Worum es geht, kann man vielen der bisherigen Rezensionen nur spärlich entnehmen. Hier eine Aufhellung.

Von Uwe Goerlitz (2008-05-13)

Thomas Überhoff vom Rowohlt Verlag hatte im Oktober 2006 gegenüber GeoWis prognostiziert, die deutsche Übersetzung werde im Frühjahr 2008 auf den Markt kommen und etwa 1800 Seiten umfassen. Mit exakt 1596 bedruckten Seiten - andere sprechen hier irrigerweise von 1760 Seiten (so steht es noch in der Pressemitteilung des Verlags), etwa Stephan Maus auf stern.de - blieb der Verlag rund 200 Seiten unter der Schätzung.

Die amerikanische Originalausgabe umfasst 1087 Seiten bei einem Format von ca. 16,5 x 24 cm (396 cm³/S., 1,55 kg). Das Papier ist nicht von so edler Qualität wie das der deutschen Ausgabe, die im übrigen trotz ihres kleineren Formats (ca. 15,5 x 22 cm; 341 cm³/S., 1,2 kg) und ihrer um 70 Prozent mehr Seiten etwas dünner und leichter ausgefallen ist.

 Das edle Dünndruck-Papier - ein haptisches Erlebnis-, das der Rowohlt Verlag auch schon für die deutsche Ausgabe von Pynchons 1973 in den USA erschienenem Roman Gravity's Rainbow (dt.: Die Enden der Parabel, 1981; 1194 S.) verwendete, ist vor allem der Ökonomie und Handhabbarkeit des gebundenen Romans geschuldet.

Standardpapier hätte das Volumen derart erhöht, daß er kaum zu bewältigen gewesen, der Buchbinder an seine Grenzen gestoßen wäre und die Kosten unnötig in die Höhe getrieben worden wären. Als angenehmer Nebeneffekt hinsichtlich der Papiersachzwänge ist etwas Erhabenes für einen erschwinglichen, viel zu niedrig angesetzten Preis (29,90 Euro) herausgekommen, womit sich kaum Geld verdienen lassen dürfte. Dies schon mal vorweg.

Dass jemand überhaupt noch Romane druckt, die die kritische Grenze von 500 Seiten kolossal überschreiten, muss als große Geste an die Literatur verstanden werden. Diese hat Rowohlt als Pynchons Verlag in Deutschland ihr erwiesen.

Schon Kiepenheuer & Witsch hatte sich mit Frank Schätzings Roman Der Schwarm (2004; 1000 S.) an ein so dickes Manuskript gewagt - und einen internationalen Bestseller gelandet. Zuletzt auch der Berlin Verlag mit Jonathan Littells Die Wohlgesinnten (2008; 1392 S.), und Branchenkennern zufolge um 400.000 Euro für die deutschen Rechte bezahlt, dabei mit 130.000 verkauften Exemplaren kalkuliert. Etwa 70.000 sind bisher gekauft worden.

Rowohlt bezahlte nach Aussage von Programmleiter Thomas Überhoff längst nicht soviel für Against the Day, kalkulierte aber auch nicht damit, mit Gegen den Tag einen Bestseller zu landen. Es könnte anders kommen. In den vergangenen Tagen rangierte Gegen den Tag bei Amazon zwischen Verkaufsrang 40 und 60. Und das, obwohl er etwa in der Buchabteilung von Karstadt (Dortmund) nicht mal im Sortiment ist, hingegen Die Wohlgesinnten.

Der Buchreport, der den Abverkauft in den Buchhandlungen misst, listet die mit 15.000 Exemplaren aufgelegte Erstausgabe von Gegen den Tag in der jüngsten Veröffentlichung (7.05.2008) seiner 50er-Bestsellerliste bereits auf Rang 38.

Dicke Schmöker scheinen sich langsam wieder durchzusetzen, wenn nicht nur das Marketing und die richtige Auswahl an Rezensenten stimmt (von denen viele leider nach der Rezension die ihnen kostenlos zugesandten Bücher in entsprechenden Online-Portalen wieder verhökern), sondern auch die Geschichte und die Schreibe. Doch nur die enthusiastischsten Rezensenten lesen derart umfangreiche Romane auch.

 Querlesen ist das Prinzip, um dann im Allgemeinen, häufig auch im Verworrenen, zu verweilen und sich die Grundlage für eine Rezension zu verschaffen. Weshalb sich die Rezis ähneln, zumal dann, wenn es um Werke von Thomas Pynchon geht, den die meisten kulturbeflissenen Rezensenten lieben, den sie aber selten durchlesen.

1596 Seiten zu lesen, gleichzeitig noch zu verstehen und anschließend eine Rezension darüber zu schreiben, ist richtige Arbeit. Wer sich dieser Aufgabe annimmt, dessen Rezension dürfte von Allgemeinplätzen abweichen und dem geneigten Leser das anbieten, was ihn neugierig macht auf ein Buch, das man nicht mal eben im Vorbeigehen kauft.

Das von Rowohlt angebotene Pressekit zum Roman ist veraltet. Es eignet sich zwar für eine Meldung - und manchen Rezensenten hat es auch für eine Rezension gereicht -, doch es hilft kaum weiter. Anders die vom Verlag bereit gestellte Leseprobe, die einen ersten, winzigen Eindruck vermittelt. Dennoch: das Buch muss gelesen werden. Mitunter Seite um Seite.

Denn nur dann erfährt man, welchen Drive es hat und wie der Autor seine Figuren durch die Ereignisse und Geschichte treibt, zu welchem Wortwitz er und sie fähig sind, wie sie in jener Zeit gesprochen haben. Nur wer das Buch liest, kommt in den Genuss, sich mit den Figuren zu identifizieren oder sie zu verabscheuen, sich mit ihren Problematiken, Freuden, Untergängen auseinanderzusetzen und sich der Sprachgewalt und literarischen Finessen des Autors zu nähern, vielleicht sich ihr auch gewahr zu werden.

Liest man Pynchon, ganz gleich, welchen seiner großen Romane, vergisst man schnell Goethe, Hemingway, Shaw, Joyce sowieso. Liest man Gegen den Tag, ist man mittendrin in einer Welt, die aus unzähligen TV-History-Dokumentationen bekannt sein könnte, die ihrerseits jedoch visuell nie so fesselnd sein können, wie Pynchon es mit Worten schafft.

In Gegen den Tag wählt Pynchon einmal mehr den großen, den weltpolitischen Rahmen wie schon in V. (1969) oder in Die Enden der Parabel. Trotz dieses epochal-globalen Rahmens geht es ihm auch diesmal um das ganz Kleine, um das, was sich zwischen den Menschen während ihrer Zeit, ihres Daseins abspielt. Es geht in Gegen den Tag um die Alltäglichkeit und jene Helden, die diese Alltäglichkeit meistern, sie irgendwie durchstehen, überleben oder auch nicht.

 In diesem erneut kaleidoskopischen und - ja - politischen Roman ist also die Welt jener Zeit der Rahmen, in dem sich Großes und Kleines, Skurriles und Normales abspielt, auf Formales einerseits geachtet und Wert gelegt, andererseits deren Beliebigkeit vorgeführt wird. Nichts ist heilig, alles ist erlaubt. Gelebte individuelle Freiheit trifft auf Obrigkeit und Weltenwandel.

Anarchie, der stete Rote Faden in Pynchons großen Romanen, findet auch in diesem Werk in allen erdenklichen Variationen, also auch in den mikroskopischen statt.

Schon gleich zu Beginn, wenn sich der pflichtbewusste Luftschiffkommandant 'Professor' Randolph St. Cosmo, der mit dem Zeppelin auf dem Weg nach Chicago unterwegs ist, wo die Weltausstellung 1893 stattfindet, aufs Wesentliche konzentriert, während sein Stellvertreter, der eigentlich konziliante Lindsay Noseworth, sich gelegentlich undiszipliniert an niederen Mannschaftsgraden austobt.

Auf den ersten 100 Seiten führt Pynchon bereits eine Fülle von Figuren ein - wie üblich in seinen Romanen, geht dies noch lange so weiter -, mit Namen, die einem als Autor erst mal einfallen müssen. Darby Suckling - Auszubildender an der Inconvenience (so heißt das Luftschiff) - etwa ist so einer; Miles Blundell, ein netter, derber Bursche, der zur Besatzung der Inconvenience gehört, Chick Counterfly, ein junger, zur "Gesellschaftsklasse" gehörender Neuling an Bord, ein anderer.

Weitere Figuren mit interessanten Namen, recht zu Anfang: Captain Penelope - Penny - Black, die das Luftschiff Tzigane mit ihren Kollegen Riley und Zip durch die Lüfte lenkt und mit ihnen zu den Bindlestiffs gehört, einem Verein, wie man ihn damals wie heute Segelfliegern zuordnen könnte, zählt ebenfalls zu den Typen.

Merle Rideout, dessen Tochter Dahlia - Dally -, ein kleiner, rotschopfiger Frechdachs, und Chevrolette McAdoo, eine veritable Tänzerin, die den Tanz der "Vulkangöttin Lava-Lava" beherrscht, treten genauso auf wie Unholde, die Böses im Schilde führen.

Die Bösen Buben wollen nicht, dass es einem gewissen Nikola Tesla gelingt, der Welt mittels seiner Theorie vom Elektromagnetismus und seiner Erfindung des Wechselstroms freie Energie bereitstellen zu können. Edison, der den Gleichstrom propagierte, ist dagegen, der begüterte Mörder und "Magnat" Scarsdale Vibe, dem der Privatzug The Juggernaut gehört und der jemanden kennt, der "Eisenbahnen sammelt. Nicht nur rollendes Material, wohlgemerkt, sondern Bahnhöfe, Schuppen, Gleise, Rangierbahnhöfe, Personal, den ganzen Plunder", sowieso.

 Um Tesla an seinem Vorhaben zu hindern, finanzieren ihn Banker John Pierpont Morgan, der in Göttingen studiert hat, und Scarsdale Vibe, der nicht im Krieg war, weil sein Vater ihm den scheinbaren Lakaien Foley Water als Ersatzmann gekauft hatte - man nannte solche Leute laut Pynchon "Ersatz-Konskribierte" -, damit sie Einblick in Teslas "Zeichnungen und Berechnungen" erhalten.

Nun brauchen sie noch einen willigen Spezialisten, der etwas erfindet, das Teslas Werk neutralisiert. Hierzu gucken sie sich Professor Heino Vanderjuice aus, der in Yale das Sloane Laboratory betreibt. Dessen Pilot Ray Ipsow ist Sozialist, was gewisse Verwicklungen nach sich zieht. Und die Bösen Buben werden im Verlauf des Romans immer böser.

Die Weltausstellung von 1893 in Chicago, der White City, an der auch Siemens (Siemens & Halske) teilnahm, war einerseits große Folklore, wie Pynchons Roman zu entnehmen ist, indem dort "nackte Tarahumara-Indianer", eine "Zulu-Theatergruppe", "Waziris aus Waziristan" und "tungusische Rentierhirten" auftreten, oder "brasilianische Indianer", die sich "von riesigen Anakondas verschlingen" lassen, und andererseits ein Stelldichein bahnbrechender Erfindungen und hartes Business. Auch "Flugmaschinen aller Art" sind zu bestaunen.

Ohne die an den Anfang des Romans gesetzte Weltausstellung würde die Geschichte und deren Verlauf kaum Sinn machen. Chicago, "die große Rinderstadt der Welt", ist damals wichtiger als New York City. In ihr trifft sich das Kapital; in ihr treffen Welten und Ansichten aufeinander; in ihr finden Menschen zueinander, die innerhalb der kommenden drei Jahrzehnte vor allem eines eint: sie sind Teil eines großen Ganzen.

Und sie entwickeln sich. Aus dem Frechdachs Dally wird eine junge, begehrte Frau; aus dem Lehrling Darby ein ... Nun ja, er macht seinen Weg; aus Chick Counterfly wird zumindest ein Ehemann. Sie, die Freunde der Fährnis, die Luftschiffer, die Aufklärer im militärischen Sinne, und die vielen anderen erleben eine Menge. Die einen Arbeiteraufstände, die anderen lernen Göttingen oder Sibirien kennen.

Chicago ist seinerzeit die große Stadt, in der massenhaft Rinder geschlachtet und Arbeiter ausgebeutet werden. Detektive, bezahlt von den Fleischbaronen und anderen Kapitalisten, bespitzeln die Arbeiter, legen Dossiers über jene an, die sich gewerkschaftlich organisieren. Einer dieser Detektive ist Lew Basnight, der zu den Freunden der Fährnis gehört, den Luftschiffern, von denen er sich verabschieden muss, nachdem er von seinem Chef erfahren hat, nach Colorado Springs versetzt zu werden. Dort werden Gold- und Silberminen ausgebeutet, und natürlich die Bergleute. Dort herrscht Anarchie auf beiden Seiten, der des Kapitals und der der Arbeiter.

Webb Traverse, verheiratet mit der Saloon-Sängerin Mayva Dash, Vater dreier Söhne (Reef, Frank, Kit) und einer Tochter (Lake), der einige Lebensweisheiten auf Lager hat, verübt mit dem erfahrenen Gewerkschafter Veikko Rautavaara Sprengstoffanschläge, um die Minenbesitzer zu schädigen.

Geistlichen Beistand bekommen er und die Geknechteten vom radikalen Reverend Moss Gatlin, der im Dynamit den "Fluch des Bergmanns" als "das äußere und hörbare Zeichen seiner Versklavung durch die Erzgewinnung" und den "Gleichmacher des amerikanischen Arbeiters, das Mittel seiner Errettung (...)" sieht.

 Moss predigt durchaus im Stile eines Befreiungstheologen, etwa: "Jedes Mal, wenn im Dienste der Besitzer eine Stange (Anm.: Dynamit) hochgeht, eine am Ende irgendeiner Kette von buchhalterischen Operationen in Dollarbeträge konvertierbare Explosion stattfindet, dann muss auf der anderen Seite von Gottes Hauptbuch ein entsprechender Eintrag erfolgen, konvertierbar in menschliche Freiheit, die kein Besitzer zu gewähren bereit ist."

Immer wieder mittendrin Thomas Pynchons Autorenstimme, von der man das ein- oder andermal annehmen kann, es spreche der Autor höchstselbst. So ist er immer gewesen, der publikumsscheue Mahner und Literat der Superlative. Mit nur einem oder zwei Protagonisten kann er oder will er sich nicht begnügen. Schon gar nicht mochte er bisher - auch in diesem Roman - auf sich selbst verzichten.

Die Freiheit und der Kampf um sie ist das große Thema dieses Romans, das Subversive und Anarchische gehört dazu, und es wird deutlich, dass die gewalttätigsten Anarchisten unter den Besitzenden zu finden sind. "Besitzer und Bergwerksdirektoren verdienten es weiß Gott, in die Luft gejagt zu werden", lässt der Kultautor Webb Traverse denken, der aus Süd-Pennsylvania stamme, nahe der "Mason & Dixon-Linie".

Der moderne Staat sei "darauf angewiesen, einen Zustand permanenter Belagerung aufrechtzuerhalten - mittels systematischer Einkreisung von Bevölkerungsgruppen, der Aushungerung von Körper und Geist, der unaufhörlichen Schwächung der Zivilität, bis Bürger sich gegen Bürger wende (...)", schreibt er in die Zeit von 1893.

Klar, dass einer wie Webb Traverse, dessen Kinder mitansehen müssen, wie ungerecht das Leben zu ihrem Vater und zu ihnen selbst ist, bei den Schergen der Minenbetreiber ganz oben auf der Abschussliste steht. Sie übernehmen schließlich so etwas wie Hauptrollen in diesem Buch, wobei keine der Rollen, die Pynchon an seine vielen anderen Figuren verteilt hat, in irgendeiner Weise unwichtig wäre.

 Kit arbeitet plötzlich für Tesla, der nach Colorado Springs gekommen ist, bekommt ein Yale-Stipendium vom sinistren Scarsdale Vibe angeboten, und findet sich zum Beispiel irgendwann in Göttingen wieder, wo er auf die beinahe ihm Gleichgesinnten Gottlob und Humfried trifft, und auf die Studentin Yashemeen, die ihn mit ihrer Offenheit und Neugier zu überrumpeln scheint.

Reef, der Erstgeborene, will in die radikalen Fußstapfen seines ermordeten Vaters treten, Vergeltung üben. Ihn spült es auf den Balkan, jene seit der Schlacht auf dem Amselfeld extrem unruhig gewordene Region, in der auch der - früher im Buch - in Chicago affektiert aufgetretene Prinz Franz Ferdinand zu Tode gekommen war.

Pynchon legt dem Prinzen zu einem höchst despektierlichen Auftritt in einer Kneipe in den Mund: "Wenn Franz Ferdinand trinkt, trinken alle." Später dann: "Wenn Franz Ferdinand bezahlt, bezahlen alle." So ließe es sich trefflich weiterführen, etwa: Wenn Franz Ferdinand umgebracht wird, werden alle umgebracht. Die Ermordung des dämlichen Prinzen war ja bekanntermaßen die Initialzündung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Reef trifft auf dem Balkan jedenfalls auf Professor Sleepcoat und dessen studentische Hilfskräfte. Auch Yashemeen - siehe da! -, inzwischen schwanger, ist vor Ort.

Frank Traverse kommt nicht ganz so weit. Er gerät nach Mexiko, wobei er dort nicht vordergründig mit manch endemischer Kakteenart in Berührung zu kommen versucht, obwohl er den Schamanen El Espinoza kennen lernt, der ihn "das Fliegen" lehrt, sondern hauptsächlich mit der Mexikanischen Revolution. Er kämpft unter dem aus wohlhabendem coahuilischem Hause stammenden, in den USA, Frankreich und Österreich akademisch ausgebildeten Francisco Madero, der das mexikanische Volk vom Porfiriat und dem Einfluss der USA befreien wollte.

Als Leser muss man sich viele Namen merken, beispielsweise Victor Mulciber - Waffenhändler -, Basil Zaharoff, Barry Nebulay oder Piet Woevre, und man glaubt oder ängstigt sich dabei, an seine Grenzen zu gelangen, kaum Kohärenz zu erkennen. Doch keine Angst: Es ist alles geregelt. Alles auktoriale und erzählerische Mäandern mündet in ein Delta des Verstehens der Geschichte - dieses Romans. Und dann ist alles klar.

In fünf Abschnitte hat Pynchon diesen Roman gegliedert und mit kryptischen, neugierig machenden Titeln versehen. Das Licht über den Weiten (1), Islandspat (2), Bilokationen (3), Gegen den Tag (4) und Rue du Départ (5). Jeder für sich fast schon einen Roman wert.

 Einen derarigen Koloss Literatur zu übersetzen, dürfte kein leichtes, gar kaum zu bezahlendes Unterfangen gewesen sein. Insofern gebührt den beiden Übersetzern Nikolaus Stingl, der die Kapitel eins, zwei und vier ins Deutsche brachte, und Dirk van Gunsteren, dem drei und fünf zu verdanken sind, besondere Würdigung.

Mit Fördermitteln aus dem Deutschen Übersetzerfond gelang ihnen eine Version, die in Sprache und Pacing dem Original kaum nachsteht, und sie knüpfen damit an ihre früheren Pynchon-Übersetzungen (Dirk van Gunsteren: Vineland, 1995; Nikolaus Stingl: Mason & Dixon, 1999) an, und an die sprachliche Virtuosität der noch früheren Pynchon-Übersetzer Dietrich Stössel (V., 1976, zusammen mit Wulf Teichmann), Teichmann (Die Versteigerung von Nr. 49) oder Thomas Piltz (Die Enden der Parabel, 1981, zusammen mit Elfriede Jelinek).

Ein Jahr habe Stingl für seine Parts benötigt, vier Monate van Gunsteren für die beiden anderen, so Thomas Überhoff gegenüber GeoWis. 2000 Manuskriptseiten seien zu bewältigen gewesen.

Auf Nachfrage von GeoWis, ob es ein Diktum des Autors hinsichtlich des Umschlags gegeben habe, der sich von der US-Ausgabe ja kaum unterscheide, betonte Überhoff, dass man vom Umschlag der Originalausgabe überzeugt gewesen sei, weshalb man ihn - mit Änderungen lediglich im Detail - gerne übernommen habe.

Der Übersetzung wohnt mitunter manche - geradezu pynchoneske -, erheiternde Eigenwilligkeit inne. Etwa wenn da steht, dass "die Lagergrenzen abzupatroullieren" seien (Orig.: "to scout the bounds of the encampment") - was der belesene Köter Pugnax, der die Zeitspanne der Geschichte nicht übersteht, vorzunehmen hat; oder wenn zu lesen ist, dass Pugnax mit dem Körpergeruch mancher Menschen insofern zufrieden ist, dass er ihn "olfaktorisch akzeptabel" (Orig.: "nasally acceptable") findet.

Hier und anderswo im Text nehmen sich die Übersetzer zum Glück die nur zu goutierende Freiheit, in des Autors Sinn grammatische Aperςus zu platzieren. Sie lassen den genauen Leser zunächst stutzen, dann dankbar schmunzeln. Und nicht die Allermeisten werden sich daran stören, dass es statt "gewunken", korrekterweise gewinkt heißen müsste, wollte man sich nicht der Umgangssprache aussetzen.

Doch geschenkt. Bei einem derartig zu übersetzenden Literaturkonvolut kann normalerweise von keinem Übersetzer der Welt erwartet werden, dass ihm nicht die eine oder andere Gespreiztheit unterläuft. Peanuts.

Es sei sein "komischster und sein zugänglichster Roman" schrieb die New York Times Book Review (zu entnehmen dem Buchumschlag, Rückseite), und der Spiegel wird ebenda mit der Aussage "Das große wilde Spiel" zitiert. Wer Pynchons vorherige Romane gelesen hat, wird wohl zu dem Schluss kommen, dass Gegen den Tag nicht mehr und nicht weniger zugänglich ist als all seine anderen.

 Die 1596 Seiten sind nichts weiter als kolossale, in prächtiger Form auftretende, lesenswerte Kurzweil. Douglas Adams konnte das auch mit seinen Romanen Per Anhalter durch die Galaxis, Das Restaurant am Ende des Universums oder Das Leben im Universum und der ganze Rest. Zusammengenommen.

Gegen den Tag ist ein Nachdenklichkeit bereitender Roman der Weltliteratur, in dem Kleine Leute und große Schurken in nicht zufälligen Zeiten im Zentrum stehen. Und er ist nichts weniger als ein Roman, der als erster die Literaturgeschichte des 21. Jahrhunderts einleitet. Wer's nicht glaubt, muss ihn lesen.

Ob Pynchon noch zu Lebzeiten den Literaturnobelpreis bekommt, ist fraglich. Es ist bekannt, dass er Literaturpreise nicht persönlich in Empfang nimmt. Was dem elitären schwedischen Literaturnobelpreiszirkel nicht gefallen kann.

Na und? Die Jelinek, die Elfriede, hat ihn ja 2004 geholt. Und die hatte bekanntlich ein Nachwort zu V. geliefert und an der Übersetzung zu Die Enden der Parabel mitgebastelt. Die Jelinek hat ihn aber nicht für ihre Übersetzungsleistungen von Pynchon-Texten erhalten.

Nikolaus Stingl gibt im Verlagsinterview mit Rowohlt preis, dass man sich in spezifischen Fragen zum Text mit Pynchons Gattin, die auch die Agentin des Paparazzi-scheuen Autors ist, verständigt habe und die prompte Beantwortung schätzte. Pynchon sei einer der unprätentiösesten Autoren, die er kenne, so Stingl. Aber er (Anm.: TRP) lege Wert auf "sorgfältige Übersetzungen" und entscheide selbst, "mit welchen Übersetzern er zusammenarbeiten" wolle.

Man kann ihm vieles nachsagen, dem unnahbaren Autor Thomas Ruggles Pynchon, dem von Physik und Mathematik Beseelten, dem das Politische, das über unser aller Freiheit und Unfreiheit Stehende und das im Prinzip Revolten und - manchmal - Revolutionen Hervorrufende seit nunmehr 50 Jahren wichtig erscheint. Wären ihm Freiheit und der Einsatz, diese zu erlangen, nicht wichtig, wäre er womöglich nicht in der Lage, so detailliert und umfassend zu schreiben.

Wie GeoWis von Thomas Überhoff erfuhr, wird dieser Roman nicht der letzte von Pynchon sein.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2008-05-13)

Thomas Pynchon: Gegen den Tag. Hardcover, 1596 S. ISBN: 978-3-498-05306-2. Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg, Mai 2008.

Lesen Sie auch zu Thomas Pynchon:

Thomas Pynchon lesen (1) >>

Ordnung und Chaos in Pynchons Romanen (2) >>

Der Meister meldet sich wieder zu Wort >>

Literaturnobelpreis: Immer eine Überraschung (PDF) >>

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