GEOWIS Logo
GeoWis ONLINE-MAGAZIN
18. Dezember 2017
Home |  Login | Kontakt | Verlag | Links   
Download-Archiv
eBook/eText Downloads
Science & Technology
Selected Portraits
Artikel & Reportagen
Deutsche Sprache
Meinungen
Musik
Rezensionen
Film
Interviews
Schnellsuche
 
Verwenden Sie Stichworte, um einen Beitrag zu finden.
Erweiterte Suche
Ankündigung

Kostenlose Downloads (Auswahl)

Demographie: Que sera, sera. The future's not ours to see. Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität. Von Hansjörg Bucher und Claus Schlömer

Stefan Z. Dmochowski - The Olowo of Owo

Klaus von Bröckel - Djibouti: 18. März 1987

Lesetipps

Tourismus

Wohin geht die Reise? >>

Reisen im Geburtsland Makesis >>

China-Reportagen

Chongqing - Stadt im Nebel >>

Chongqings Altstadt Ciqikou >>

Carrefour in China >>

Diaoyucheng, Hechuan >>

Beijing by Bike >>

Der chinesische Traum 1 >>

Der chinesische Traum 2 >>

Der chinesische Traum 3 >>

Spanien-Reportagen

Paxe Ryanair, Iberia! >>

High Speed Tag und Nacht >>

Der Tod kommt zweimal >>

Tarragona - Baila conmigo >>

Málaga - Glut des Südens >>

Japan-Reportagen

Hakone >>

Hakone Open Air Museum - Im Reich der Skulpturen >>

Frankreich-Reportagen

Nizza - Zwischen Arm und Reich >>

Vence - Kultort der Kultur ... >>

Nizza - Champagner muss sein >>

Côte Basque - Saint-Jean-de-Luz >>

Mauerfall-Reportagen

"Ich werd' bekloppt!" >>

"Keine Ahnung, wie die lebten" >>

"Wir wollen die D-Mark!" >>



Portrait: Morphine - "Wir haben geträumt"
[385]

"Wir haben geträumt"

Von 1989 bis 1999 verblüffte die US-amerikanische Band Morphine ihre Hörer und zog so manchen Kritiker in ihren Bann. Dann verstarb ihr Sänger und Bassist.

Von Uwe Goerlitz (2008-10-11)

Palestrina ist eine kleine, um 20.000 Seelen zählende Stadt, weniger als vierzig Kilometer östlich von Rom in der Region Latium (Lazio) gelegen, die zwischen dem 7. und 6. prä-christlichen Jahrhundert gegründet wurde. Das Städtchen ist Bischofssitz, hat eine attraktive Altstadt mittelalterlichen Zuschnitts mit unverkennbaren Rudimenten aus vor-mediavelen Epochen. Die Sarrazenen waren dort, und einige Berühmtheit erlangte es, weil fünf Päpste ihm entsprangen.

 Im 16. Jahrhundert lebte dort der Komponist und Kirchenmusiker Giovanni Pierluigi Aloisio Sante da Palestrina, nach dem die Stadt nicht benannt wurde, sondern dem - wie es damals üblich war - der Name der Stadt als Namenszusatz angeheftet wurde, weil der Musiker eine zu jener Zeit berühmte Persönlichkeit war.

Das Städtchen Palestrina sollte 405 Jahre nach Sante da Palestrinas Ableben für immer in die Annalen der Musikgeschichte eingehen. Am 3. Juli 1999, einem Samstag, verstarb dort während eines im Rahmen des Palestrina Music Festivals auf dem Giardini de Principe stattgefundenen Auftritts der US-amerikanischen Band Morphine deren Mitbegründer, Sänger und Bassist Mark Sandman auf der Bühne an einem Herzinfarkt.

Er habe gerade einen auf Italienisch einstudierten Witz erzählt und sei dann zusammengebrochen, wie der Bostoner Musikjournalist Joe Howard schreibt. Zunächst habe das Publikum gedacht, die Szene gehöre zum Programm. Dann aber habe es erkannt, dass es sich um bitteren Ernst handele.

Unmittelbar nach Sandmans Tod lösten sich Morphine, die sich auf einer zweiwöchigen Europa-Tournee befanden, auf. Ein folgerichtiger Schritt, denn ohne Sandman konnte Morphine trotz begnadeter Musiker nicht mehr die Band sein, die sie zuvor gewesen war.

In solchen Momenten mag man gern vom Verlust des Kopfes einer Band sprechen, zumal dies hinsichtlich Morphine zutrifft. Sandman aber war mehr als der Kopf dieser außergewöhnlichen Band. Er war ihre Seele, bestimmte weitgehend Text, Komposition und Vokalbularium - und prägte einen bis dahin nur von den britischen Bands Young Marble Giants, The Gist und Weekend erfolgreich unterbotenen Minimalismus.

Es gibt Rock, es gibt Jazz, es gibt Blues, es gibt Rhythm & Blues, und es gab Morphine, die alle diese Stilrichtungen miteinander auf virtuose, anhörbare Weise verschmolzen. Gegründet wurde die Band ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Popmusik analog zur Börsomania herrschte und die Berliner Mauer brüchig wurde - 1989.

 Mark Sandman, geboren und aufgewachsen im Bostoner Vorort Newton, Massachusetts, USA, war zuvor bereits musikalisch mit der Combo Treat Her Right (1984 plus) unterwegs, in der Drummer Billy Conway den Ton als Sänger und Songschreiber angab, der später manch interessantes Trommeln als festes Morphine-Mitglied darbieten sollte.

Das persönliche Schicksal hatte es mit dem 1952 geborenen Sandman bis dahin nicht allzu gut gemeint. Zwei Brüder hatte er zu Grabe tragen müssen. Auch dürfte er als Absolvent der University of Massachusetts nicht herausragend glücklich darüber gewesen sein, Jobs annehmen zu müssen, die unterhalb seiner Qualifikation und Ausbildung lagen.

Diese Umstände, wie auch ein Messerangriff auf ihn, der ihm eine lebensgefährliche Verwundung in der Brust zufügte, prägten seine Art, Musik zu spielen, zu singen und darzubieten. Sandman passte weder ins klassische Fach der durch rigorosen Alkohol-, Tabletten oder Drogenkonsum zu Tode gekommenen Musiker, wie etwa Janis Joplin (1943-70), Jimi Hendrix (1942-70) oder Keith Moon (1946-78).

Auch gehörte er nicht zu jener exaltierten Spezies von außer Selbstkontrolle geratenen, komponierenden, musizierenden und singenden Musikern, wie etwa Doors-Frontmann Jim Morrison (1943-71), der an Herzversagen mit bis heute nicht vollständig aufgeklärtem Hintergrund verstarb.

Sandman, der meist einen zweisaitigen Bass - slide - spielte, bettete seine Biographie und Erfahrungen teils offen, teils verklausuliert in wesentlich aussagekräftige Lyrics und Kompositionen und verzichtete weitestgehend auf ausgefallene Betitelungen der Songs.

 Die Lieder Morphines tragen oft knappe Überschriften: Good, Claire, Potion, I Know You, Like Swimming, Swing It Low, Empty Box, Mary, Banter, Sheila, Candy, My Brain, Kerouac, Mile High, The Jury, Super Sex, Sharks, All Wrong, The Night, Souvenir, Slow Numbers, Lilah oder Lisa.

Manche sind nur wenige Sekunden dauernde Intros, die eine wahre Einleitung zu den Hauptsongs bedeuten; andere Titel vertonte Gedichte oder gesungene und instrumental begleitete Kurzprosa.

Als "Low Rock" klassifizierten Morphine einst ihren Stil. Diese Kategorie mag es musikalisch bereits gegeben haben, allerdings nicht innerhalb einer beschrifteten Schublade.

Nachdem Morphine ihr erstes Album GOOD (s. Titelbild) im Jahr 1992 veröffentlicht hatten, hagelte es - gute Kritiken. Zuvor waren sie von den Major Companies im US-amerikanischen Musikgeschäft abgelehnt worden, weil sich für sie keine Schublade fand, die man hätte bewerben können.

Mainstream-Schubladen hin oder her: Nach Erscheinen von GOOD war zunächst nicht viel passiert, obwohl unter genau Hinhörenden außerhalb der Bostoner Szene aufgehorcht wurde. Was war das? Ein Bassist, der lediglich zwei Saiten aufgezogen hatte, und ein Saxophonist, der zwei Saxos abwechselnd bediente?

Und dann noch ein Drummer - Billy Conway -, der es sich gönnte, gelegentlich eingeübte Standards zu verlassen und die Stäbe mal eben zwischendurch in Manier von Led Zeppelins Drummer John Bonham (1948-80) einzusetzen? Und dann noch von der Ostküste? Nicht mal aus Europa, das ja für die skurrilsten Bands bekannt war?

 Die etablierten Musikkritiker der US-Mainstream-Medien taten sich schwer mit der Band, die auf E- und A-Gitarre verzichtete, aber es sollte ihnen leichter fallen, nachdem CURE FOR PAIN erschienen war, Morphines zweites Album. Das bedeutete den Durchbruch. Der Musikkritiker Matt Ashare vom Boston Phoenix erkannte die musikalisch-lyrische Essenz von Morphine früh.

In seinem Artikel nach Sandmans Tod gibt er dazu nähere Auskunft. Er habe die Band zuvor "dutzende Male" live gesehen und Mark Sandman persönlich gekannt. Zunächst sei Sandman lediglich ein Interviewpartner unter vielen vorhergegangenen gewesen, dann habe sich das Verhältnis und Verständnis für ihn und die Musik Morphines bei ihm entwickelt.

Morphine gehört zu jenen Bands, die es sich nicht geleistet haben, ein schlechtes oder lustloses Album zu veröffentlichen. Stattdessen hat die Band der Musikwelt musikalische Denkanstöße hinterlassen. Was auch die New York Times wenige Tage nach Sandmans Tod in einem - wenn auch kurzen - Beitrag einigermaßen zu würdigen versuchte.

Auch einige europäische Leitmedien, zuvörderst italiensche und spanische, hatten versucht, Sandmans Tod und dessen Œvre zu würdigen, waren hingegen kaum über das Floskelhafte hinausgekommen. In Deutschland war Morphine bis dato lediglich Insidern bekannt. Herausragende Presseberichte außerhalb der Musikpresse zu Sandmans Ableben gab es demzufolge kaum.

 Ashare - und mit ihm konform Gehende - ließ nichts mehr auf Morphine kommen, seit er Sandman und dessen Verständnis von Musik näher kennen gelernt hatte. Er lobte das Trio - zu Recht - und dessen Alben fortan en Detail.

Das Album LIKE SWIMMING etwa, auf dem teils schwermütige Lieder wie Swing It Low und Hanging On A Curtain in bester Downstairs-Club- und Beat Noir-Atmosphäre verewigt sind, und man selbst als Nichtraucher in nikotinhaltiger Umgebung nicht um den Musik- und Darbietungsgenuss umhinkäme, ist nur ein weiteres Zeugnis dafür (Lyrics-Auszug: "Hanging on a curtain, swinging like a clock, big hand on the seven, the little hand on top ...).

Lyrische Stärke verbunden mit souveräner Sanges- und Vortragskunst zeichneten Sandman aus. Obwohl er einer Reihe von Morphine-Songs Frauennamen gab - die er womöglich auch alle persönlich gekannt hat (nur engste Freunde dürften dies wissen) -, hat man nie den Eindruck, er jammere den Damen - so es sie denn gibt oder gegeben habe - hinterher. Er widmet(e) sich ihnen und machte sie unsterblich.

Für die Texte, die Melancholie und die Schwermut bei Morphine war hauptsächlich Mark Sandman zuständig. Musikalisch aufs Beste unterstrichen wurde sie von Dana Colley, der seine Saxophone inklusive Soli kongenial einsetzte, und den Drummern Billy Conway und Marc Dupree.

Letzterer war nicht durchgehend Bandmitglied, trommelte indes auf THE NIGHT auf zehn von elf Stücken. Dass er auf THE NIGHT lediglich als Gastmusiker in den Credits geführt wird, muss ihn schmerzen und dürfte zu den wenigen Faux-pas' der Band gehören.

 Doch Morphine hat nicht nur die Melancholie erstaunlich belebend interpretiert, sondern auch den Elementen des Rock & Roll - intellektuell, will heißen: mit veritablen Lyrics - Rechnung getragen. Lieder wie You Speak My Language, Do Not Go Quietly Into Your Grave oder Test Tube Baby zeugen davon.

Neben insgesamt fünf Studio-Alben (GOOD, CURE FOR PAIN, YES - Letzteres das einzige Album, soweit bekannt, das auch auf Vinyl erschien -, LIKE SWIMMING, THE NIGHT) wurden noch zu Lebzeiten Sandmans die Alben B-SIDES AND OTHERWISE und SAMPILATION (beide 1997) veröffentlicht.

Danach kümmerten sich Colley und Conway um die Herausgabe weiteren Materials. So um das von Morphine-Fan Alan J. Schmit im März 1994 mitgeschnittene Konzert in der St. Andrew's Hall, Detroit, Michigan, das im Jahr 2000 als BOOTLEG DETROIT auf den Markt kam und trotz Low-fidelity ein echtes Highlight ist.

Den unerlaubten Mitschnitt Schmits kann man angesichts des unverhofften Ablebens Sandmans nur gutheißen, zumal es kein geplantes, offizielles Live-Album der Band gibt.

2003 dann erschien THE BEST OF MORPHINE, auf das die beiden zuvor unveröffentlichten Stücke Pretty Face und Jack and Tina gepackt wurden. Ein Jahr später brachten Morphines Billy Conway und Dana Colley mit Hilfe von Sandmans Hinterbliebenen, vornehmlich dessen Eltern (Sandman war unverheiratet), die SANDBOX (THE MUSIC OF MARK SANDMAN) heraus.

 Auf zwei CDs und einer DVD befinden sich vorwiegend bis dahin unveröffentlichte Songs, Interview- und Videoclips, die Einblicke in die fröhlich-melancholische Zerrissenheit und den New England-Humor des musikalischen Eklektikers geben.

Judith Edelman, die auf der Webseite puremusic.com vier Stücke der SANDBOX zum Anhören bereit stellt (jeweils zwischen 60 und 120 Sekunden), gibt in einer sehr persönlich gehaltenen Kritik unter anderem folgendes zu Protokoll: "(...) Als ich SANDBOX auflegte, habe ich mich darin vertieft und bin bis jetzt nicht mehr da herausgekommen."

Dass sich Morphine zwischen den musikalischen Welten, aber stets auch in ihnen befand, unterstreicht ihr zuletzt aufgenommenes Album THE NIGHT (1999), an dem Mark Sandman noch prägend mitgewirkt hatte, bevor er in Italien verstarb.

Die Veröffentlichung (2000) hatte er somit nicht mehr erlebt. The Way We Met ist eines jener flotten Stücke, wie sie auf jedem Morphine-Album zu finden zu sind. Doch immer anders, immer neu erfunden. Der Tod des 46-Jährigen Sandman, der häufig fuchsteufelswild geworden sein soll, wenn Journalisten ihn nach seinem Alter gefragt hatten, wurde in seiner Heimatstadt Boston wie ein unglaubliches Ereignis aufgenommen.

Die lokale Musikszene sei laut Chronist Joe Harvard, der die Webseite Boston Rock Storybook betreibt, geschockt gewesen. Gemeinsam mit Fans habe man im Stadtteil Cambridge um den "local hero and genius" getrauert. Der weltweiten Fangemeinde dürfte es ähnlich ergangen sein. In Cambridge, Boston, wurde ein Platz nach ihm benannt.

 Sandman, der sein Publikum stets ernst genommen hatte - wie Insider und Chronisten unisono schrieben -, war ein Arbeitstier, schrieb, komponierte, probte und tourte mit Colley und Conway a.k.a. Morphine unermüdlich.

Er verabscheute Drogen, bevorzugte einen klaren Kopf, und soll gesagt haben, dass der Bandname nichts mit dem Opiat Morphium zu tun habe, sondern von Morpheus abgeleitet sei. "Morpheus ist der Gott der Träume (...) und wir haben geträumt (...), und als wir aufwachten, mussten wir Morphine gründen."

Morpheus, in der Griechischen Mythologie der Gott des Traumes, hatte der Saga zufolge einen Sohn namens Hypnos, den Gott des Schlafes. Sandman hatte dies gewusst, musste es gewusst haben, denn anders ist der Ursprung des Namens der Band 'Hypnosonics', in der er ebenfalls gespielt hatte, kaum zu erklären.

 Hätte Mark Sandman nicht explizit darauf hingewiesen, dass sich der Bandname von Morpheus ableitete, könnte man auch den Blauen Morphus, eine viel beachtete Schmetterlingsart, als Namensgeber heranziehen - allerdings nur mit viel Phantasie. Als flatterhaft ist Sandman und sind Morphine nie bezeichnet worden.

Gerade Themen, die aufs Zwischenmenschliche und/oder Intime zielen, behandelte Sandman kompositorisch vorzugsweise lässig, mitunter monoton vorgetragen, aber auch gefühlvoll, wie etwa beim Stück Candy.

Durchgehalten hat er - lauscht man Morphines Alben konsequent - diese Lässigkeit nicht. Wohl auch, weil dies nicht beabsichtigt gewesen sein mochte. The Saddest Song (Album: GOOD), könnte für diese Widersprüchlichkeit stehen.

Während nach Sandmans Tod zwei geniale Drummer und ein ebenso herausragender Saxophonist auf Morphine zurückblickten und später eine Stiftung (Mark Sandman Musica Educational Fund) gründeten, die sich der Musikerziehung und -förderung von Kindern und Jugendlichen widmet, bedauern es die Liebhaber von Morphines Musik, dass seit vier Jahren nichts mehr gefolgt ist, in dem die Stimme Sandmans vorkommt.

Indes, es wird gehofft, dass sich in den von der Familie Sandmans und seinen Kumpeln Dana Colley und Billy Conway gepflegten musikalischen Nachlässen noch etwas findet, das zur Veröffentlichung taugte.

 THE NIGHT, das letzte Album von Morphine, ist womöglich das homogenste. Dafür könnte das mit arabischen Klängen verzierte Stück Rope on Fire stehen, in dem Colley seine Saxos virtuoser als je zuvor einsetzt.

THE NIGHT ist unter den der Musikwelt zugänglich gemachten Morphine-Alben womöglich auch das beste, wobei es (dem Autor) schwerfällt, eine objektive Wertung vorzunehmen.

Vielleicht schloss sich mit THE NIGHT für Morphine, vor allem aber für Mark Sandman, 1999 eine - musikalische - Zeitspanne, ein Circuit, die mit GOOD ihren Anfang hatte. Und vielleicht hatte Mark Sandman, der von Morpheus Faszinierte, Vorahnungen hinsichtlich seines zu frühen Ablebens. So etwas soll es ja schon gegeben haben. 

Eines der Stücke auf Morphines Debut-Album lautet: Do Not Go Quietly Unto Your Grave. Wer an Übersinnliches glaubt, mag der Ansicht sein, Sandman habe keinen besseren Ort zum Sterben finden können als das unweit von Rom gelegene Palestrina.

Atheisten hätten es womöglich schwer, hierzu Gegenargumente zu finden, zumal es gegen die zeitlose Musik von Morphine schlicht nur zu sagen gäbe, sie gefalle oder gefalle nicht.

 Dem Mann, der etliche seiner Songs mit Frauennamen betitelte - Claire, Lisa, Lilah, Mary, Sheila (...) - und im Einverständnis mit seinen Morphine-Band-Kollegen zur Veröffentlichung durchsetzte, und der das Melancholische besser in den Jazz-Blues-Rock-R&B einfließen ließ als so mancher, dem dies zugeschrieben wurde, hatte nichts Besseres, Erhabeneres für sein Ableben zuteil werden können als an einem Ort zu sterben, der Seinesgleichen würdig ist. Hier: Palästrina.

Er ist nicht in einer Badewanne verreckt oder in einem Hotelzimmer; er wurde auch nicht auf irgendeiner Straße oder in irgendeinem Klub erschossen, stürzte nicht mit dem Flugzeug oder Privatjet ab, und auch nicht mit dem Helikopter.

Sandman starb während der Arbeit vor Publikum. Zwar hätte er es sich wohl nicht gewünscht, dies bereits im Alter von nur 46 Jahren zu tun, aber ob er es abgelehnt hätte, auf einer Bühne in Italien zu sterben, darf angesichts seines Verständnisses von Harmonie bezweifelt werden.

Zwar gibt es Morphine nicht mehr, doch Billy Conway und Dana Colley sind weiterhin im Musikgeschäft, vor allem als Förderer der Bostoner Musikszene, aus der bereits vor Jahrzehnten Bands den Weg in die weite Welt fanden. So die J. Geils Band oder Aerosmith.

Colley und Sandman waren vor Morphine in Treat Her Right unterwegs, einer Band, die es über Metro-Boston hinaus im großen Staatenkonglomerat USA zu Meriten brachte. Dass Sandman aus dieser doch eher einträglichen Position heraustrat, um sich mit Morphine auf den Weg zu musikalischer Befriedigung zu machen, liegt wohl tatsächlich an Morpheus.

 Die Szene der Sechs-Millionen-Metropole (Metro-Boston) gehört nicht zuletzt durch Sandman, Colley, Conway und Dupree zum Besten, was die USA an Musikszene zu bieten haben.

Nashville steht für Country, Seattle für Grunge-Rock, Los Angeles für Rock-, Hardrock und Pop, Detroit, Philadelphia, Minneapolis und Chicago stehen für Funk und Soul, Bosten offenbar für das Fortgeschrittene und Visionäre.

Unter ihrem Label Hi-N-Dry setzen Colley-Conway die musikalische Ausrichtung Morphines teilweise fort, indem sie Bostoner Bands unter Vertrag nehmen. Buddy-Business, ließe sich unken, doch es geht um die Musik.

Dana Colley, der seit den frühen 1980er Jahren immer wieder mal für Three Colors ins Saxo bläst, und Billy Conway, der etwa bei THR trommelte, fördern Bands und Musiker wie Club d'Elf, Dennis Brennan, Abbey Load, Sam Bigelow, Asa Brebner, Angeline oder Session Americana - allesamt aus Metro-Boston, und durchweg ausgezeichnete Musikalisten.

Das wäre sicherlich auch in Mark Sandmans Sinn gewesen, der sich um das sonstige Musikgeschehen kaum scherte, ihm aber stets und gern alles Gute wünschte. "I wish them all well."

 Insofern ist zu begrüßen, dass sich Colley und Conway nicht nur um das Vermächtnis ihres verstorbenen Kollegen kümmern, sondern auch den Puls der Bostoner Musikszene beeinflussen und Bands fördern. Credo der beiden ist, dass Pop out ist.

Stardom war nie Mark Sandmans künstlerische Intention, ebenso wenig legten seine Morphine-Comrades Wert darauf. Musik, Musikverständnis, Musik um der Musik willen lässt sich allen attestieren. Wenn alle davon auch ihren Lebensunterhalt vernünftig bestreiten können - umso besser.

Sie seien Träumer, hatte er gesagt, und damit nur die halbe Wahrheit. Er zumindest war einer der größten musikalischen und bescheidensten Poeten des 20. Jahrhunderts. Wer dies nicht so ohne weiteres glauben mag, lausche zum Einstieg einfach dem Stück Candy.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2008-10-11)

Links/Weiterlesen:

HI-N-Dry >>

Beat Noir Sound of Morphine >>

Boston Rock Story Book >>

Exit the Sandman >>

Weitere Portraits/Reportagen/Artikel:

Steve Young - A Long Time Rider >>

Teresa Saponangelo - Komödiantin mit traurigen Augen >>

Vanessa Bauche - Die starke, mutige Mexikanerin >>

Wolfgang Körner - Bekennender Macho >>

Ashley Judd - "Ich trage keine Pelze" >>

Nancy Sinatra - "Kissed the Sun, touched the Moon >>

The Tubes - What Do You Want From Life? >>

Frank Zappa - Civilization Phaze III >>

Talking Heads - Musik vor ihrer Zeit >>

The Stooges - Väter des Punk feiern Jubiläum >>

Anzeige