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Interview mit Eilen Jewell
[470]

"Niemand arbeitet im Vakuum"

Vor drei Jahren begann Eilen Jewells musikalischer Stern langsam aufzusteigen. Inzwischen steht er hoch am Firmament. Im Interview mit GeoWis, ihrem ersten mit einem deutschsprachigen Medium, erzählt die 28jährige Vollblutmusikerin freimütig.

GeoWis: Mrs. Jewell, seit Ihrem 2006 veröffentlichten, viel gelobten Debütalbum Boundary County touren Sie regelmäßig durch die Ostküstenstaaten und andere Teile der USA. Ein harter Job. Wie fühlen Sie sich?

Eilen Jewell: Es fühlt sich großartig an, so viel unterwegs zu sein. Wir sind komplett durch die USA getourt und in einigen Städten Kanadas aufgetreten,  und im letzten Jahr waren wir einige Male in Europa und in Großbritannien. Die Band hat wirklich gut zusammengehalten. Ich habe es immer geliebt, Musik zu machen, und ich habe das Reisen schon immer geliebt. Diese beiden Dinge zu verbinden, bedeutet für mich die Verwirklichung eines Traumes.

GW: Sie waren in Europa zu kleineren Tourneen in Holland, Spanien, England und Irland. Welche Eindrücke haben Sie vom Festland und den Inseln?

EJ:  Wir sind letztes Jahr zweimal über den großen Teich, im Frühling und im Herbst. Es war toll. Unser Publikum war sehr aufnahmebereit, und alle unsere Auftritte waren solide. Es sind eine Menge Leute dort, die Musik, wie wir sie machen, schätzen. Ich fühle mich in Europa sehr zuhause. Ich komme ja aus Idaho, wo die ältesten Gebäude dem frühen 20. Jahrhundert entstammen. Es ist wirklich phantastisch, Plätze zu erkunden, in denen so viel Geschichte steckt. Und der Kaffee ist in Europa um Längen besser.

GW: Auf Boundary County hören wir neben reinem Country und Balladen auch Klänge, die an J. J. Cale erinnern, so bei den Stücken Back to Dallas und Gotta get Right, während auf Letters from Sinners & Strangers mit Rich Man's World und dem alten Eric Andersen-Stück Dusty Boxcar Wall June Carter-Rhythmen unüberhörbar sind. Darf man das als Hommage an die Werke alter Meister verstehen?

EJ: Ganz sicher huldige ich den Musikern, die mich beeinflußt haben. Manche Leute glauben, daß ein neuer Künstler dies nicht zu sehr tun sollte, daß ich jedem erzählen sollte, ich sei völlig originell, aber ich denke nicht, daß es so etwas wie pure Originalität gibt. Ich denke, Künstler bauen auf dem auf, das vor ihnen kam. Niemand arbeitet im Vakuum, ob man das wahrhaben will oder nicht. Ich scheue mich überhaupt nicht, den Leuten zu erzählen, daß ich von meinen Vorgängern beeinflußt bin, besonders von Billie Holiday, Bessie Smith und Hank Williams Sr. Und ich liebe, neben den modernen Größen, die Musik von Lucinda Williams, Bob Dylan, Loretta Lynn, Gillian Welch ... Die Liste ist lang.

GW: Sie haben jüngst Ihr drittes Album, Sea of Tears, herausgebracht - nach LFS&S wieder auf Signature Sounds -, das im Vergleich zu Ihren vorherigen Alben stilistisch noch breiter angelegt erscheint. Das Titelstück und Everywhere I Go haben, neben anderen, das Zeug zu Hits. Woher kommt diese Bandbreite?

EJ: Dieses neue Album spiegelt viel von dem wider,  was ich in letzter Zeit gehört habe. Hauptsächlich Musik aus den Sechzigern, etwa die Kinks, Them, Fats Domino, Loretta Lynn. Frühen Rock'n Roll, Blues, Garagenmusik, frühen Rhythm & Blues und klassischen Country habe ich schon immer gemocht. Für mich ist das kein Widerspruch. Ich mache nur Musik, die mir gefällt und bin dadurch nicht an eine Richtung gebunden. Mein musikalisches Spektrum reflektiert die Verschiedenheit der Musik, die ich mag. Wenn das manchen verblüffend erscheint ... Nun, vermutlich würde mir die Idee, mich zu begrenzen, nicht gefallen. Ich sehe darin wenig Sinn.

GW: Auf dem Album stellen Sie Ihre eigenen Interpretationen von Shakin' All Over von Johnny Kidd, The Darkest Day von Loretta Lynn und des Them-Stückes I'm Gonna Dress in Black vor. Was hat es damit auf sich?

EJ: Ich mag die Songs einfach. Von all den Cover-Versionen, die wir im vergangenen Jahr zu spielen begannen, sind dies unsere Favoriten. Manchmal bewirkt so ein Song, daß er sich wie dein eigener anfühlt. So ist es uns geschehen.

GW: Einige der Stücke auf Sea of Tears sind geprägt von Jerry Millers 12saitiger und Akustik-Gitarre, was dem Album - zusammen mit Jason Beeks Drums und Percussion und John Sciasias Kontrabaß - einen speziellen Schwung verleiht. Wie kam es zu diesem Übergang?

EJ: Hmmm... Ich bin mir nicht sicher, was der Übergang ist. Meinen Sie unsere Entscheidung, daß Jerry die 12saitige spielt? Er hat auf all meinen Alben akustische, elektrische und Steel-Gitarre gespielt. Und Jason und Johnny haben immer Drums, Percussion und Baß gespielt. Für die 12saitige haben wir uns entschieden, weil sie gut an den Sound der Sechziger heranreicht. Ein Unterschied zwischen diesem und den vorherigen Alben ist, daß ich erstmals Hammondorgel spiele. Ein Wahnsinnsspaß. Es war wunderbar, sich damit zu befassen, und ich würde sie liebend gern auch live spielen, wenn sie noch in unseren Transporter paßte.

GW: Wie kamen Sie mit der Band zusammen? Wie lautet die Geschichte?

EJ: Zuerst habe ich Jason Beek bei einem Musikprojekt in der Bostoner Gegend kennengelernt. Jason war seit einigen Jahren ein Fan von Johnny Sciascias Baßspiel bei den Tarbox Ramblers. Jason hatte ihn sich mindestens einmal pro Woche live angehört. Als ich dann einen Bassisten für mein erstes Album brauchte, empfahl Jason Johnny. Und Johnny empfahl Jerry. Es bereitete so viel Freude, zusammen zu spielen, daß wir uns dazu entschieden, unsere erste Tour - im Sommer 2006 - zu wagen und seitdem weitermachen.

GW: Im Januar, als es draußen eisig war, begannen Sie Ihre Tour in Natick, Boston. Inzwischen ist es Mai und fast überall sonnig. Haben unterschiedliche Jahreszeiten Einfluß auf die Stimmung des Publikums? Und wie steht es mit Ihrer?

EJ: Ich habe keinen Unterschied in der Stimmung bemerkt, aber bedauerlicherweise Erfahrungen mit den Hindernissen gemacht, die der Winter einem in New England in den Weg legt. Wir fuhren während gewaltiger Blizzards meilenweit durch den blendenden Schnee zu Auftritten und dachten, kein vernünftiger Mensch würde bei diesem Wetter aus dem Haus gehen. Aber es kommt immer jemand, um uns zu sehen, ganz gleich ob es regnet, sonnig ist oder schneit. Also ist es das stets wert.

GW: Über Ihre Zeit in Kalifornien, wo Sie laut Wikipedia als Straßenmusikerin auftraten, ist wenig bekannt. Wie lange haben Sie das gemacht und wie sehen Sie diese Zeit im Rückblick?

EJ: Ich habe einen Sommer lang in Venice Beach, Los Angeles, Straßenmusik gemacht. Rückblickend war es eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Ich wohnte bei einer Freundin und fuhr jeden Tag mit meinem alten Volvo Kombi zum Strand, packte meine Gitarre aus und spielte stundenlang. Viel Geld kam - gemessen am Standard der meisten Leute - nicht rein, aber ich fühlte mich reich. Es war für mich eine gute Schule, um mich in Live-Auftritten zu üben, denn zu jener Zeit, Sommer 2002, hatte ich davon noch nicht viele. Mit Straßenmusik fing alles an.

 GW: Sie sind in Boise, Idaho, geboren, nach Santa Fé, New Mexico, gezogen, dann nach Kalifornien und von dort in die Birkshire Mountains. Was hat Sie dazu bewogen, an die Ostküste zu gehen? Und wie fühlt es sich an, dort zu leben und zu sein?

EJ: Ich zog in die Berkshires, weil ich das Gefühl hatte, im Westen nicht weiterzukommen. Es war schwer, einen Job zu finden, aber ich brauchte einen, denn sobald der Winter kam, konnte ich nicht mehr draußen spielen. Ich hatte Freunde in Massachusetts, die ich in Santa Fé kennenlernte. Sie waren gerade dabei, ihr erstes Kind zu bekommen und brauchten eine Mitbewohnerin, die ihnen zur Hand ginge. Also packte ich alles zusammen, verstaute es in meinem Volvo und fuhr zur anderen Seite des Landes. Das war im Januar 2003. Es dauerte einige Tage, bis ich dort ankam, aber ich war froh, das gemacht zu haben. Die Berkshires taten mir gut, und die logische Folge war, von dort aus nach Boston zu gehen, dem musikalischen Mekka der Ostküste. Dort traf ich meine Band. Der Rest ist Geschichte.

GW: Diesen Herbst touren Sie wieder in Europa, so in Holland, Belgien, Frankreich, Spanien und Großbritannien. Seltsamerweise weder in Deutschland, noch in Skandinavien. Wie kommt das?

EJ: Wir arbeiten daran, auch nach Deutschland und Skandinavien zu kommen. Vielleicht schaffen wir es noch für diese Tour.

© Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-05-21)

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Portrait: Eilen Jewell >>

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