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Michael Jackson - Great Man Gone (Part 1)
[491]

Kaum Kenne

In den Mainstream- und Yellowpress-Medien kommt Michael Jackson nach wie vor eher schlecht weg. Ein Armutszeugnis für manche Blätter wie auch für deren Journos.

Von Luzilla Brecht und Uwe Goerlitz (2009-07-01)

Was der Tag nach Michael 'Jacko' Jacksons Tod in puncto Berichterstattung und Sondersendungen für die elektronischen Medien war, galt für die Wochenendzeitungen allemal: weltweit druckten sie Sonderseiten und würdigten sein Werk mal recht, meistens aber schlecht. Kaum eine Zeitung verzichtete dabei auf elogische Verweise zu des Künstlers Privatleben und Verwicklungen mit der Justiz. Und es geht weiter.

 Seit vergangenen Donnerstag gibt es plötzlich überall in den Redaktionen Jacko-Experten, von denen die meisten wohl niemals ein Konzert von ihm besucht haben oder hätten besuchen wollen, aber zum Würdigen und Nachrufe verfassen abkommandiert wurden oder sich dazu berufen fühlten.

Oft kam dabei nicht viel mehr heraus als eine Chronologie der Ereignisse, Spekulationen um seine Todesursache, Auflistung einiger seiner Hits, hanebüchene Ferndiagnosen zu seiner medizinisch-psychologischen Verfassung und ein Bulk an Schmuddel.

Wer nun dachte, die Flut an einschlägigen Medienberichten ebbte ab, wurde zu Beginn dieser Woche eines besseren belehrt. Das multifunktionale Malocherblatt BILD, das in der Not gern auch als Wisch-und-Weg-Papier zweckentfremdet wird, setzte sich - vor allem in seiner Online-Ausgabe - an die Spitze der Verwerter und Vermarkter von Jackos Tod und will zusammen mit BMG eine CD mit 16 Hits des Künstlers auf den Markt bringen. Wenn sich das Blatt dabei genauso dämlich anstellt wie beim Reinfall mit der Publikation von falsch datieren Fotos (BILD-Ausgabe vom 29.06.2009), können Fans des Künstlers sich auf eine weitere Lachnummer freuen.

Der leicht gehobene links-mitte-rechtskonservative Boulevard mit den Online-Ausgaben seiner Flaggschiffe Spiegel, Focus und Stern steht der journalistisch-kommerziellen Ausweidung des Verstorbenen bisher kaum nach. Der Auflage wegen setzt der Spiegel, dessen einzig lesenswerter Bericht zum Thema am Abend des 27. Juni 2009 online erschien (Mark Fischer - "Kein Maschinengewehr im Schritt"), Jacko auf den Titel seiner Print-Ausgabe - womöglich folgen ihm in dieser Woche noch Stern und Die Zeit - und versteckte die 9seitige Story dazu in den hinteren Teil des Blattes (S. 114-122).

Wahrscheinlich wird im Spiegel-Redaktionskollektiv fälschlicherweise nach wie vor angenommen, daß der Würdigung des belegbar größten und einflußreichsten Künstlers extrem rhythmischer Pop- und Tanzmusik, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, mit einer Titel-Story bereits Genüge getan werde. Was vielleicht auf Zustimmung stieße, wäre der Inhalt der Story nicht so blaß.

 Acht Spiegel-Redakteure haben an der mageren, wenig neue Erkenntnisse hervorbringenden Story gearbeitet, in der die übliche Litanei zu Jacksons Privatleben - Kindheit, prügelnder, ehrgeiziger Vater und so weiter - nebst einer Auflistung von Zitaten gebracht wird, dazu noch Ferndiagnosen zu seinem Gemütszustand und der beinahe philosophischen Aussage, "der Höhepunkt war der Anfang seines Niedergangs." Alles klar?

In der FAZ schaffte es Medienopfer Jackson sogar in den Wirtschaftsteil deren Samstagausgabe ("Das Erbe des King of Pop") und erhielt die komplette Aufmacherseite des Feuilletons ("Die Tragödie seines Lebens"), auf der sich Edo Reents, bekannt durch seine Biographie über Neil Young und Vorliebe für den Bleiwüstenautor Thomas Mann, als Kinderpsychologe und Interpretant von Jackos Wandlung und Verwandlung versuchen durfte. Zitat: "So war Michael Jackson in mehrerer Hinsicht auf der Flucht - vor seiner Kindheit, seiner Hautfarbe, seiner Sexualität." Ach so!

Im selben Blatt, gleiche Ausgabe, durfte Katja Gelinsky - Amerika-Korrespondentin der FAZ, von Haus aus Rechtswissenschaftlerin, Juristin und Journalistin - für Internet-Muffel unter den gereiften Jacko-Fans fast die ganze Seite 9 vollschreiben ("Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen"), rechts flankiert von Kurzmeldungen ("Zwei Tote und elf Verletzte bei Busunglück"; "Schwäbische Alb wird Biosphärenreservat"; "Gestohlener Python führt Polizei zu Tätern"). Gelinsky lieferte eine verlängerte Variante des tags zuvor von Jordan Mejias erschienenen Beitrags ("Eine Figur voller Talent und Tragik").

Für eine ähnliche Klientel muß Georg Klein seinen Text für die Samstagausgabe der Welt konstruiert haben ("Die großen Kinderaugen des Pop"). So erfährt der geneigte Leser etwa, daß "Jackson schon als Kind ein Performer" gewesen sei. Jau! Wie es sich für einen deutschen Schriftsteller leider noch immer gehört, kommt Klein in seinem Versuch einer tiefergehenden Würdigung nicht um vertrackte, sinnentleerte Formulierungen herum.

Oder was ist davon zu halten, wenn man zu lesen bekommt: "Charisma ist ein synthetisches Gas, das den, der es inhaliert, vergessen macht, wie er an seiner Synthese beteiligt ist."? Da will man doch herausschreien: Deutsche Dichtung, was ist aus dir geworden, wen läßt du zu? Jacksons Tanzstil und Bewegungsablauf bezeichnet Klein manieriert als "somnanbuler Laszivität".

Das müßte doch Millionen potentielle Zeitungskäufer, vor allem die jugendlichen, mit dem Fremdwörterlexikon die Kioske stürmen lassen, um sich der Print-Mediengemeinde anzuschließen, einer Spezies, die sich notorisch über Leserschwund beklagt, aber weit davon entfernt ist, daran etwas ändern zu wollen.

Einmal mehr stellt der mediale Mainstream und Boulevard unter Beweis, was er in den vergangenen 16 Jahren in Bezug auf Michael Jackson in regelmäßigen Abständen tat: Journalismus mit Tratsch verwechseln. Nur wenige regionale und überregionale Print-Medien gingen auf das ein, wofür der Künstler arbeitete und wodurch er seine Ausnahmestellung in der Pop-, Rhythm & Blues-, Soul- und Rockmusik erreichte.

 So Tobias Kniebe ("Audiovisuelle Erwecksung"), Jonathan Fischer ("Schwerelos gleiten") und Jens-Christian Rabe ("Gib nicht auf, bevor es nicht perfekt ist"), deren Beiträge allesamt auf der Frontseite des Feuilletons der Süddeutsche Zeitung (SZ), Samstagausgabe, erschienen und sich mit dem Schaffen des Verstorbenen befassen. Rabe gelingt hierzu der treffliche Satz: "All die unerhörten Begebenheiten im privaten und öffentlichen Leben des Weltstars Jackson überlagerten die Wahrnehmung des Künstlers Jackson allerdings längst unwiderruflich."

Wessen Wahrnehmung? Die der Fans, der Kenner und Genießer von Jacksons Musik und Performance? Oder die der Journos, von denen die Mehrzahl kaum Kenne von Musik, geschweige denn von Jacksons Musik zu haben scheint?

An anderer Stelle lobt Rabe an Jacko das "ungemein ökonomische, dabei jedoch maximal funktionale Arrangement der Mittel", das das "Geheimnis seiner Kunst" ausmachen könne. Wie diese Kunst wirken konnte, liest sich bei Tobias Kniebe so: "Die ganze epochemachende Idee des Videoclips traf uns (...) mit voller Wucht in den Bauch. Das war soviel mehr als Musik! Das war soviel tiefer als Kino! Und der Junge, der da ganz in Rot nun plötzlich durch die nächtlichen Nebelschwaden flog, der sein Mädchen umtänzelte und dabei seinen Song sang - er war der Prophet einer neuen, unfassbar aufregenden Zeit."

Daß Michael Jackson kein a-politischer Künstler war, der die Politik der Rassendiskriminierung, den Vietnamkrieg oder die Black Panther-Bewegung um sich herum nicht wahrgenommen hätte, läßt sich etwa Jonathan Fischers Beitrag entnehmen. "Seine Choreographien (...) gaben dem schwarzen Körper als dem »verachteten Anderen« seine Würde zurück, entwarfen eine Vision von Erotik, die sich nicht in den traditionellen Kategorien des Machismo erschöpft." Richtig. Vor allem nicht in den Kategorien üblicher Metaphorik.

© Luzilla Brecht; Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-07-01)

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