Innovator, Godfather, Messias des Dancefloors
Fachleuten ist längst gewahr geworden, daß Michael Jackson ein Genie in seinem Metier war. Fans und Kollegen wußten das schon vor ihnen.
Von Luzilla Brecht und Uwe Goerlitz (2009-07-01)
Wer jemals ein Konzert Michael Jacksons besucht hat, wußte hinterher nicht in Worte zu kleiden, was ihm da präsentiert worden war. Es fehlten die Kategorien. Es mangelte urplötzlich an adäquaten Superlativen. Gestammel und Getaumel waren die Folge.
Wer dabei war und heute Konzertmitschnitte oder Konzert-DVDs von Michael 'Jacko' Jackson betrachtet, wird zurückkatapultiert in eine Ära, die die aufwendigste und bislang unerreicht perfekte Musik des Michael Joseph Jackson hervorbrachte.
Man schwebte auf einer Wolke, tanzte über dem Boden, konnte kaum oder gar nicht fassen, welches musikalische wie tänzerisch-choreographische Feuerwerk er auf der Bühne präsentierte, etwa bei Smooth Criminal, bestens auf der DVD zum Bukarest-Konzert und als zehnminütiges Video dokumentiert.
Jackson hatte sein erstes Soloalbum Got To Be There 1971/72 noch als Mitglied der Jackson 5 herausgebracht. Nach der Abnabelung von den Jackson 5 und Berry Gordys (Tamla) Motown-Label (1975), auf dem er sein viertes Soloalbum - Forever, Michael - veröffentlichte, hatte er fast vier Jahre benötigt, um musikalisch-strategisch eine Weiterentwicklung seines Könnens vorzunehmen und die Marke und den Künstler Michael Jackson neu zu definieren, ja neu zu erfinden.
Es entstand das Album Off The Wall, das Hits wie Don't Stop Til I Get Enough, Rock With You und das Titelstück enthält und vorwiegend dem damaligen anspruchsvolleren Disco-Sound geschuldet ist.
In diesem Album deutete sich bereits an, daß sich hier ein Musiker mit Soul, R&B, Funk und Ballade über das Übliche hinaus beschäftigte, seine Vorstellungen mit Tanzeinlagen untermalte, die weit über den gewöhnlichen Hüftschwung hinausgingen, und sich damit auf die Ebene etwa von Earth, Wind & Fire (EW&F) begab.
Sein sechstes Album - Thriller - gilt als das bislang global am häufigsten verkaufte und darf getrost als das erste Michael Jackson-Album bezeichnet werden, das eine bahnbrechende Zeitenwende einläutete. Sowohl was den Künstler Jackson betrifft, als auch seine Bedeutung für die Musikindustrie. Es gab bis dahin viele einschlägige Künstler - The Temptations, Diana Ross, Aretha Franklin, The Supremes, EW&F -, die auf der Bühne tanzten oder Tänzer im Hintergrund hatten. Alles im Rahmen, alles ganz ordentlich.
Doch Jacko sprengte diesen Rahmen, indem er das Tanzen zum Konzept seiner Musikvideos und später folgenden Konzerte machte. Er sprengte ihn auch, weil er es - choreographisch gewollt - jederzeit mit seinem Tanzensemble aufnehmen konnte, alle an die Wand tanzte und gleichzeitig sang. Drei Jahre hatte er gebraucht, um Thriller zu komponieren, zu choreographieren und zu filmen.
Fast fünf Jahre dann, bis Bad (1987) marktreif war. Noch immer war Jackson nicht auf Tournee gegangen, noch immer kannte die Welt ihn, den neuen MJ, nur aus Videos, aber längst tanzten seine Fans und vielen, zum Wochenende in die Klubs strömenden Nicht-Fans seit Jahren zu seiner Musik extatisch ab. Bad hatte geringere Verkaufszahlen als sein Vorgänger, sprengte aber auch 1987/88 jeden Rahmen. Vergleicht man es sachgerecht mit Thriller, steht es ihm in nichts nach.
Erst nach Erscheinen von Bad wagte sich Jackson auf Tour. Es sollte ein globales Ereignis werden, das in Japan begann. Einen Monat hatte er sich dort zu Gigs aufgehalten (12.09.-12.10.1987), ein Jahr später, im Zuge der immer noch gleichen Tour, erneut. In Japan hatte er nach den USA seine zahlenmäßig meisten Fans. Alle anderen Nationen hatten - wenn auch auf hohem Niveau - weniger Anhänger aufzubieten.
Jackson trat ohne großartige Videoprojektionen auf, hielt es minimalistisch, setzte komplett auf Darbietung physischen und sängerischen Könnens - begleitet von großartigen MusikerInnen - und schmetterte seinem Publikum einen Parforce-Ritt durchs Genre hin, wie er bis heute unerreicht ist.
Er habe keine Noten lesen oder schreiben können, heißt es, aber er habe stets ein vollständiges Bild von seinen noch zu produzierenden Songs und Videos gehabt, seine Ideen den Notenlesern und Choreographen mitgeteilt, sie ihnen verständlich gemacht, um am Ende Herr seiner Produkte geworden zu sein.
Wie Mozart oder Beethoven hatte Jackson die Gabe, den Sound seiner noch gar nicht geschriebenen Kompositionen im Kopf zu haben, und - anders als die beiden Klassiker - sogar noch die choreographische Linie in sein musikalisches Verständnis zu integrieren, bevor der erste Tanzschritt gemacht war. Wenn Jacko taub oder irre gewesen wäre, hätte dies wohl kaum Einflüsse auf seine Kunst gehabt.
Michael Jackson war es, der den Moonwalk aus französischer Überlieferung - durch Künstler wie Marcel Marceau (1923-2007) und Jean-Louis Barrault (1910-94) schon früh in Pantomime gezeigter Darbietung - in die Neuzeit verfrachtete, wobei er sich zunächst an Jeffrey Daniel orientierte, der diese Tanzform in der legendären US-Show Soul Train TV vorstellte. Daniel und Jackson kamen zusammen und es entwickelte sich eine choreographische Allianz, wie sie kein Quincy Jones oder sonstwer in der Pipe gehabt hätte.
Jacko nahm Slapstick- und Pantomimen-Anleihen bei Charly Chaplin, verinnerlichte die eleganten Bewegungen und Schritte Fred Astaires und die Leichtigkeit der Beherrschung des eigenen Körpers, und transformierte alles in eine Zeit, in der es abseits Wall Street an Orientierung fehlte. Er überraschte nicht nur - er schlug ein wie eine gerade detonierte Wasserstoffbome. Er mähte alles weg, fuhr mit seiner Musik und dramaturgischen Darbietung wie ein UFO mit großen Sensen über Althergebrachtes und bis dahin Gültiges hinweg.
Niemand konnte sich dem Jacko-Sound entziehen, selbst das gelittene bürgerliche Feuilleton nicht. Er ging mit einem Mal nieder auf den Globus, als handelte es sich um einen von einem Kometen herabgeschleuderten Messias des Dancefloors. Manche Stücke von Jacko versetzen in Trance; seine Live-Auftritte bis in die frühen 1990er trieben Fans in Hysterie und bescherten nicht wenigen von ihnen Kreislaufkollapse.
Unter Kollegen wurde Michael Jackson, der den Titel 'King of Pop' von seiner langjährigen Vertrauten - der Schauspielerin Elizabeth Taylor - verliehen bekam, nicht nur respektiert, sondern geschätzt und bewundert. Die, die mit ihm zusammengearbeitet haben, können am besten sagen, welch Perfektionist er war. Andere, darunter Prince, Madonna, Britney Spears, Slash, Diana Ross und alle die Rang und Namen in der Branche haben, wußten sein Werk und dessen Bedeutung schon früh zu würdigen.
Offenbar wußte das seine Plattenfirma nicht, denn sonst hätte sie ihn besser, gar vehementer vor sich selbst geschützt. Diese Vernachlässigung hat ihn, den Messias und Godfather der einzig wahren Zeitenwende im Musikbusiness nach Elvis und den Beatles, vielleicht das Leben gekostet.
Denn die Bürde, die Jackson als Superstar, Arbeitgeber und Umsatzbringer trug, war für seine schmalen Schultern die schwerste, die man tragen konnte. Seine Plattenverkäufe, Videos und das Merchandising generierten gigantische Summen, die - bis zu seinem Ableben - locker um 30 Milliarden Dollar betrugen.
Zig tausende Arbeitsplätze weltweit hatte er gesichert, darunter die von Maschinenbedienern in LP-, CD- und DVD-Preßwerken, Angestellten in Videokopierwerken, Grafikern, Druckern, Konzertagenten, SekretärInnen, kaufmännischen Angestellten, Schneidern, Bühnenarbeitern. Wenn er auf Tour war, hatte er den jeweiligen Hotels, in denen er samt Truppe abstieg, und den Fluggesellschaften beste Umsätze beschert.
Und immer hat er gespendet, Kinderhilfswerke mit Millionensummen unterstützt und die 'Heal the World'-Stiftung ins Leben gerufen, die er massiv mit Barmitteln ausstattete und für sie sammeln ging. Die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen hinsichtlich seines Umgangs mit Kindern müssen ihn daher tief getroffen haben. Bislang ist kein Fall bekannt, daß Pädophile auch nur einen einzigen Cent für Kinder gespendet hätten, weshalb es dummes Zeug war und ist, Jackson damit in Verbindung zu bringen. Auf Smooth Criminal sorgt er sich um 'Annie' und fragt mehr als 30mal, ob sie okay sei.
Er war kein Freak, keineswegs. Er war Schmerzpatient, nicht zuletzt aufgrund seiner vielen Operationen. Das weiß jeder, der über klaren Verstand verfügt. Und er war einer der größten Musiker und Tänzer unserer Zeit. Heute wurde sein Testament publik. Diana Ross solle auf seine Kids aufpassen, wenn seine Mutter es nicht schaffe oder vor ihm sterbe.
© Luzilla Brecht; Uwe Goerlitz
© GeoWis (2009-07-01)
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