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Architektur: Here on Earth: Lilypad und Dragonfly - Schöner Wohnen auf dem Wasser und an Land. Die architektonischen Visionen von Vincent Callebaut
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Here on Earth

Der belgische Architektur-Visionär Vincent Callebaut reagiert auf den Klimawandel mit radikalen Konzepten. Auch sonst verlangen seine Entwürfe nach einer neuen Welt.

Von Rieke Petersen und Uwe Goerlitz (2009-11-16)

Eines ist unter maßgeblichen Klimawissenschaftlern mittlerweile unumstritten: der Meeresspiegel ist im 20. Jahrhundert um etwa zehn Zentimeter angestiegen und er wird im Laufe des 21. Jahrhunderts regional bis zu einem Meter ansteigen. Vielleicht auch mehr. Kalifornien geht schon jetzt von einem Meter vierzig aus.

Bereits vor rund 30 Jahren lagen Szenarien dazu auf dem Tisch. Millionen Menschen in Küstengebieten und im Tiefland werden nasse Füße bekommen, Eilande und Agrarflächen im Meer verschwinden. Von der Politik wird bis zum Tage nur im Rahmen von langwierig zustandekommenden Abkommen gegengesteuert. Zwar sind diese Rahmenbedingungen und Verpflichtungen notwendig und wichtig, aber sie reichen nicht aus.

 Als die ersten wirklich nachvollziehbaren Weltuntergangs- und Umweltszenarien kurz vor 1970 eine breite Öffentlichkeit erreichten, angestoßen auch vom 1968 gegründeten und bis heute ominösen Philanthropenverein Club of Rome, war Vincent Callebaut noch gar nicht geboren.

Mit 23 Jahren schloss er im Jahr 2000 sein Architekturstudium am berühmten Victor-Horta-Institut in Brüssel ab und gewann mit seiner Diplomarbeit den begehrten René Surrere-Architekturpreis für sein Pariser Projekt 'Metamuseum of Arts and Civilizations, Quay Branly'.

Von Anfang an forderte Callebaut mit seinen architektonischen Ideen die Akteptanz- und Anpassungsfähigkeit des Homo sapiens heraus, setzte Zeichen in Formgebung und Ästhetik, immer vor dem Hintergrund ökologischer Nachhaltigkeit und Einbettung. Viel gebaut hat der Mann mit Visionen noch nicht und ist dennoch längst ein mit vielen Preisen ausgezeichneter Star seiner Zunft und gefragter Redner auf internationalen Foren.

Hatte er sich zunächst mit singulären Wohn- und Arbeitswelten und dazugehöriger Gebäude beschäftigt, sowie landschaftsarchitektonische Entwürfe geliefert - zum Beispiel die vollständige Begrünung von Autobahnen - und eine Reihe von Büchern veröffentlicht, nahm er sich bald des Städtebaus der Zukunft in Zeiten des Klimawandels an und präsentierte der Welt im vergangenen Jahr sein Konzept der 'Lilypad Cities', der Wasserlilienstädte.

Bis zu 50.000 Menschen sollen auf den an Noahs Arche erinnernden Lilypads leben. Ihr Energiebedarf könne Callebaut zufolge durchweg mittels Nutzung von Solartechnik, Wind- und Meeresströmungen gesichert werden; ihre Süßwasserversorgung durch gefiltertes Regenwasser und Meerwasserentsalzung; die Nahrungsmittelproduktion durch Landwirtschaft, Fischfang und industrielle Produktion.

Im Prinzip würden die Bewohner der Lilypads nichts anderes als das tun, was Menschen für gewöhnlich tun: arbeiten, produzieren, konsumieren, ihre Freizeit genießen, sich reproduzieren, sterben. Bevor es hierzu auf Lilypads käme, müsste sich die Erkenntnis für die potentielle Notwendigkeit zum Leben auf dem Wasser bei uns und unseren politischen Entscheidungsträgern durchsetzen.

Doch ob das Bewusstsein und die Psyche mitspielen würden, ist eine der maßgeblichen Fragen, die beantwortet werden müssten, damit Callebauts städtebauliches Konzept der Lilypad Cities früh genug aus der Phase der Vision und Machbarkeitsstudien hinauskäme. Immerhin ginge der Mensch aufs Wasser und somit gewissermaßen dahin zurück, woher er nach jetzigem Wissenschaftsstand gekommen war.

 Jahrmillionen hat demzufolge der Sprung aus den Tiefen der Ozeane aufs Festland gebraucht. Jahrmillionen standen somit zur Verfügung, bis die Evolution es an Land geschafft hatte.

1,4 bis 1,9 Millionen Jahre dann, bis der Homo ergastus auf den Plan trat, aufrecht ging, sich einigermaßen weiterentwickelte und als Homo sapiens teilweise sesshaft wurde und es sogar zuweilen schaffte, sich nicht permanent gegenseitig die Keule auf den Kopf zu hauen. Visionspotential damals: null.

So viel Zeit wie zu den Anfängen des die Keule schwingenden Wilden steht dem ungeklonten, heutigen Homo sapiens mit Blick auf bevorstehende und unvermeidliche, deutlich einschneidende Veränderungen seiner angestammten Lebenswelten nicht mehr zur Verfügung, will er - soll er? - bleiben, was er ist: ein Mensch. Folgt man Callebauts Idee der bewohnbaren Wasserlilien, müsste der heutige Mensch sich allerdings ähnlich radikal und rapide ändern wie seine Lebenswelten, die auf seine Befindlichkeiten keine Rücksichten nehmen.

Täte er dies nicht, nähme er also alle seine schlechten, mörderischen Eigenschaften mit auf die Lilypads, all seine Kriegsmaschinerie und das ganze Einmaleins aus der Doktrin 'Survivor of the fittest', bräuchte es nicht lange, bis aus 200.000 Lilypads, die insgesamt eine Population von 10 Milliarden Menschen beherbergen könnten, einige wenige übrigblieben, weil die Besitzer und Befehlshaber der modernsten Waffengattungen die schwächer ausgestatteten Wasserstädte versenkt hätten. Keine angenehme Vorstellung. 

Noch wissen wir nicht, ob Callebauts Lilypad Cities eine ganzheitliche Lösung wären, die Weltbevölkerung vor den auf sie zukommenden, im Kern lebensbedrohlichen Auswirkungen des Klimageschehens in Sicherheit bringen und für deren Fortbestand sorgen zu können. Angesichts zu erwartender, sich möglicherweise dann größer als bisher gekannt darstellender Verteilungskämpfe, beherbergen Callebauts architektonische Visionen ungeahnte Brisanz und werfen entsprechende Fragen auf.

Wer soll die Lilypads bezahlen? Wer wird sich einen Platz auf ihnen leisten können? Wer beginnt damit, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen? Wäre es das Ende von Nationalstaaten oder Blöcken, wenn diese Aggregatszustände hinunterdekliniert würden auf schwimmende Städte zu Einheiten von 50.000 Einwohnern? Wie sähe der Sicherheitsstatus der Lilypads aus? Was, wenn den Regenten der Lilypads in den Sinn käme, Lilypad-Versenken zu spielen?

Callebaut verfolgt - wie seinen Publikationen zu entnehmen ist - grundsätzlich einen philanthropischen Ansatz, indem er die Notwendigkeit zum kolossalen Umdenken propagiert. Aber ist es tatsächlich vorstellbar, dass etwa kleinere, stets klamme Inselstaaten wie Vanuatu, Fidschi, die Cap Verden oder Staaten wie Bangladesch, Malawi, Ruanda, Moldawien oder Georgien ihren Bevölkerungen Lilypad Cities finanzieren könnten - und würden?

Retteten sich nicht lediglich die Mittel- und Oberschichten, die herrschenden Klassen und manch Superreiche der Forbes-500-Liste auf diese visionären Archen? Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Man wäre unter sich, irgendwie. Lauter Vermögende, dazu - wenn Geld als Zahlungsmittel dann noch existierte - hoch dotierte, gut ausgebildete Bauern, Viehzüchter, Fischer, Förster, Skipper, Bootsmänner und Kapitäne; dazu Biologen, Ozeanographen, Agrar- und Forstwissenschaftler, Fischwirte, Nautiker, Klimatologen, Künstler, Online-Literaten-, Journalisten und Verleger, Maschinenbauer, Elektroniker. Nicht zu vergessen: Glaser, Tischler, Bäcker, Käser, Fleischer. Alle, das dürfte notwendig sein, mit modernsten Tauchausrüstungen im Spind.

 Die Idee der Lilypad Cities mag verwegen erscheinen, ist aber keinesfalls abwegig. Sie klingt wie Science-fiction, erhält hingegen vor dem Bedrohungspotential fortschreitenden Abschmelzens der arktischen Eisreservoirs und der Gletscher in den Hochgebirgen den Charakter eines realitätsbezogenen Szenarios. Vision war gestern, Realität ist morgen. Wir liegen dazwischen.

Als der französische Schriftsteller Jules Verne vor 155 Jahren seine Geschichten von der Reise zum Mittelpunkt der Erde (Voyage au centre de la terre) und ein Jahr später Von der Erde zum Mond (De la Terre à la lune) und 1869/70 20.000 Meilen unter dem Meer (Vingt mille lieues sous les mers) veröffentlichte, hatten sich nur die Verwegensten und die kühnsten Träumer vorstellen können, dass dies dereinst möglich würde.

Bis zum Mittelpunkt der Erde ist bisher noch niemand vorgedrungen, doch immerhin glaubt die Wissenschaft seit einem halben Jahrundert, diesen zu kennen. 20.000 Meilen unter dem Meer war auch noch niemand, aber das bislang als tiefste Stelle im Meer bekannte Witjas-Tief im Marianengraben wurde von der Sowjetunion 82 Jahre nach Vernes Geschichte und 52 Jahre nach seinem Tod entdeckt.

104 Jahre nach Von der Erde zum Mond (Au tour de la lune) und 99 Jahre, nachdem Vernes Buch Reise um den Mond erschienen war, setzte der Mensch seinen Fuß erstmals auf den Erdtrabanten (20. Juli 1969). Verne war zeitlebens ein Visionär, und Callebaut scheint in dieser Tradition zu stecken. Die Lilypads gehen im Kern auf des Franzosen Geschichte Eine schwimmende Stadt (Une ville flottante) aus dem Jahr 1871 zurück.

Der junge Architekt Callebaut denkt superlativ, auch im Regionalen und Lokalen, Noch-Terrestrischen. Hierzu hat er sich Gedanken zur Zukunft des urbanen Raums gemacht, insbesondere zu dessen Lebenswelten und wie man diese nachhaltig verändern könnte.

Ähnlich wie bei den Lilypad Cities nimmt er sich die Megalopolis am Beispiel New Yorks vor und reüssierte vor einem knappen Jahr mit seinem Modell Dragonfly (dt.: große Libelle). Ein gigantisches, zusammengeschlagenes Flügelpaar dieses Insekts, im Verhältnis zum Empire State Building knapp doppelt so hoch und um ein Mehrfaches breiter, stellt er als schier unglaublichen Organismus vor, der ähnlich autark wie die Lilypads funktionieren soll.

Dem Betrachter mag diese Studie noch gewagter, noch surrealer und noch erhabener erscheinen als die Lilypads. Und doch beinhaltet auch sie eine Vision, die aus schierem Überlebenstrieb der Menschheit in vielleicht nicht mehr allzu ferner Zukunft eine zu realisierende Notwendigkeit werden könnte. Ja, warum denn nicht?

Callebaut hat kegel- und tischbeinartig gedrechselte Mega-Begrünungstürme für die im Smog erstickende und an zu wenig Platz leidende chinesische Metropole Hong Kong durchgezeichnet (The Perfumed Jungle; 2007). Ähnliches hat er auch für Mexikos Hauptstadt erledigt (Ecomic; 2007). Für die tschechische Hauptstadt Prag hat er einen alle Gebäude überragenden Kubus entworfen, in dem die Nationalbibliothek untergebracht würde, wenn Tschechien das Projekt realisierte (Baobab Library; 2006).

Südkorea, Estland, Kanada, Island, Belgien, Norwegen und viele andere Länder hat Callebaut mit Entwürfen für Projekte bedacht, die alle eines gemeinsam haben: Umdenken. Dinge denken, die nach aktuellen Maßstäben undenkbar erscheinen.

 Der Mann aus Belgien, der sein Büro in Paris hat, unterstreicht dies nicht nur durch seine in Entwürfe mündenden Visionen, sondern auch in Büchern, Reden und auf seiner Internet-Präsentation. Folgte man ihm konsequent - was nur möglich wäre, wenn Staaten bzw. deren Regierungen sich seinen Visionen anschlössen -, bedeutete es das Ende klassischen Wirtschaftens.

Es gäbe keine Autoindustrie mehr, wie wir sie kennen. Es gäbe nicht mehr jenen Maschinenbau, der heute aktuell ist. Es gäbe gar nichts mehr, das mit jenem Wirtschaften und Leben vergleichbar ist, das seit nunmehr fast 300 Jahren die Welt dahin geführt hat, wo sie heute steht: am  Abgrund.

Insofern hätten Callebauts visionäre Entwürfe durchaus etwas, auf das zuzusteuern es sich lohnte, wohnte ihnen nicht auch ein latenter Gedanke des Totalitären inne. Denn wie anders als durch rigorose Maßnahmen sollte ein Staat dahin gelangen, Callebauts Entwürfe, insbesondere die zu Lilypad Cities und Dragonfly, friedlich umzusetzen, wenn nicht durch Erlass?

Vielleicht wandelt sich auch hier, im Politischen, das Althergebrachte. Vielleicht entstehen auch hier Visionen, die abseits von Erlassen und im Einklang mit Callebauts Ideen stehen. Science-fiction ist das, was Callebaut heute präsentiert, doch schon Morgen - und vielleicht inzwischen - nicht mehr. Der junge Visionär, mittlerweile 32, lässt sich jedenfalls von seiner Mission nicht abbringen, uns etwas anzubieten, das es sich vielleicht späteren Generationen zu hinterlassen gilt. Ein neue Lebenswelt.

Angesichts des dürftigen Ergebnisses des asiatischen Wirtschafts- und Umweltgipfels vom vergangenen Wochenende und der damit schwindenden Hoffnungen, auf dem Stelldichein zum Klimagipfel, das im kommenden Dezember in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen stattfindet, ist nicht davon auszugehen, dass sich die immer noch beratungsresistenten Möchtegernentscheider - etwa in Gestalt der deutschen Kanzlerin Angela Merkel - auch nur auf die allerkleinste Vision einließen.

Legt man im Vergleich mit Callebaut die Zeitspannen zugrunde, die zwischen Jules Vernes Visionen und der dann eingetretenen Realität vergingen, bekommt man eine Ahnung davon, wann Callebauts Lilypads Alltag werden könnten. Es ist keinesfalls ausgemacht, inwieweit der Klimawandel uns dazu antreiben wird, beschleungter als jetzt aus den Hufen zu kommen.

© Rieke Petersen; Uwe Goerlitz

© GeoWis (2009-11-16)

Webseite von Vincent Callebaut Architectures (VCA) >>

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