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Baila conmigo

Tarragona lockt nicht nur mit kulturhistorischen Attraktionen. Auch in Bars und an Stränden wird Interessantes geboten. Besonders am 'Wunderstrand' geht es fröhlich zu.

Von Uwe Goerlitz und Jochen Henke (2009-08-03)

Weltkulturerbe ist schon etwas, womit man angeben und Fördermittel beziehen kann. Das wissen auch die Stadtvorderen - anders als die der Dresdner Bürger, denen wegen einer Elbbrücke der Weltkulturerbestatus gerade aberkannt wurde  - dieser vor gut 2200 Jahren von den Römern eroberten katalanischen Stadt und werben mit diesem Pfund. Überall im Stadtkern Tarragonas sind Ruinen aus der Römerzeit zu besichtigen, etwa die Reste des Amphitheaters unweit des Strandes Platja del Miracle (Wunderstrand). 

An der Via Augusta, knapp zwei Kilometer vom Zentrum entfernt, liegt links neben dem Hotel Nuría, einer Drei-Sterne-Herberge mit 57 Zimmern, das Terrassenrestaurant L'Avi Toful, das eine ausgezeichnete Küche - Spezialität: Pulpo a la Gallego - und hervorragende Rotweine der Region (z. B. El Señorió de la Peña) anbietet. Es empfiehlt sich, vormittags eine Reservierung für den Abend vorzunehmen.

 Das L'Avi Toful hat eine kleine Bar, die morgens Frühstück und nach der siesta, etwa ab 17.00 Uhr, nur noch Getränke und Snacks bereithält. Auf den ersten Blick ist es einer dieser vielen, einfach bestuhlten Bars, wie sie für Spanien typisch sind.

Wer ein wenig mehr als das übliche Gebrauchsspanisch versteht, kann hier gelegentlich interessanten Gesprächen lauschen und Julio kennenlernen, der zu den regelmäßigen Gästen gehört.

Es ist der 19. Juli, Sonntagnachmittag. In Strandschlappen, roten Badeshorts, weißem Muscle-shirt und mit Strohhut auf dem Haupt betritt Julio mit seiner Begleiterin Petra, die aus Uruguay stammt und in einem weißen Baumwollkleid steckt, die Bar.

Julio hat beste Laune, wirkt charismatisch und einnehmend. Er ist kurz über fünfzig, knapp einsneunzig groß, etwa 95 Kilo schwer, Kubaner mit Leib und Seele und den Sommer über meist in Tarragona.

Hier leben seine Eltern - Vater 79, Mutter 76 -, die noch zu präfidelistischen Zeiten unter dem Regime Batistas Kuba den Rücken kehrten und keine Not sahen, wieder auf die größte der Karibikinseln zurückzukehren. Vater Jorge bekräftigt noch heute, dass das Batista-Regime ein mörderisches und räuberisches war. Julios jüngere Geschwister sind in Spanien geboren und verheiratet.

Von Beginn an wird jedem der wenigen Gäste in der Bar - zwei junge Frauen, drei Männer - Katalanen? - und uns bewusst, dass sich mit dem Auftreten Julios und seiner Begleiterin etwas Interessantes anbahnt, weshalb alle bleiben und abwarten. 

An der Bar steht ein Mann im fortgeschrittenen Rentenalter, Zigarrenstumpen im Mund, ein kleines Glas Sherry und ein Glas Wasser vor sich. Er hatte die letzten zwanzig Minuten damit verbracht, auf die im Regal hinter der Bar aufgereihten Spirituosen zu starren. Schnell entwickelt sich nach kurzer Begrüßung ein Gespräch zwischen ihm und dem fröhlich-locker auftretenden Kubaner.

 Doch was sich anfangs wie ein netter Plausch anhört, entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einer teils hitzigen Diskussion, in die sich auch Petra, 53, einschaltet.

Es geht um Kuba, um Fídel Castro, um dessen Bruder und Nachfolger im Amt, Raúl, um die Revolution, deren 50. Jahrestag, um Armut, Unterdrückung, Sieg, Niederlage, Diktatur dort, Ex-Diktatur hier, um die gescheiterte Invasion der USA in der Schweinebucht, Guantánamo, Obama, Bush, Franco, kurzum: Weltpolitik und Drama.

Wie sich herausstellt, ist der Rentner ein altgedienter teniente, ein Leutnant, der unter dem 1975 verstorbenen spanischen Diktator und Hitler-Kollaborateur General Francisco Franco gedient hatte und noch immer ein franquista aus Überzeugung sei, der jeden Hauch von Sozialismus und Kommunismus aufs Schärfste ablehne.

Auch den spanischen Ministerpräsidenten Zapatero hält er für eine unfähige Fehlbesetzung im Amt und dessen Unterstützung zur Aufarbeitung der politischen Verbrechen unter Franco für überflüssig. Zapatero sei ein "Eingekaufter" von der Europäischen Union, der nicht die Interessen Spaniens vertrete. Wie die Sozialisten überhaupt seit ihrer "Machtergreifung" alles verträten, nur nicht die Belange der Spanier. Sie verträten lediglich die Interessen eines internationalen Sozialismus', ist sich der Caudillo sicher.

 Julio stimmt ihm zu, will ihn aber hinsichtlich Kuba in einen politisch-historischen Diskurs verwickeln, auf den der teniente nicht die geringste Lust verspürt. Er wolle hier in Ruhe seinen Sherry trinken und sich entspannen.

Wo komme man hin, wenn man sich zwischen Tür und Angel mit solchen Themen beschäftige? Das seien "große Sachen" (cosas grandes), die er nicht mit einem Linken, schon gar nicht mit einem Kubaner besprechen wolle.

Wütend verlässt der teniente - ein Foto von ihm zu machen, erlaubte er uns nicht - schließlich die Bar, nachdem sich auch der Wirt - allerdings etwas gelassener - einmischte und seine kubanische Herkunft mitteilte. Er sei aus Málaga angereist, um seine Tochter zu besuchen, aber er habe nicht gewusst, dass Tarragona "un exclave cubano", eine kubanische Exklave, sei, sagte der teniente noch und geht.

Ganz so ist es nicht. Doch es gibt neben einer lateinamerikanischen Gemeinschaft (ARLET - Asociación de Residentes Latinoamericanos en Tarragona), zu der Emigranten aus Ecuador, Kolumbien, Uruguay und Argentinien gehören, auch eine kleine kubanische, die sich hier wohlzufühlen scheint.

Julio gehört nicht zur ARLET. Er entschuldigt sich mehrfach bei den Anwesenden für die teils lautstarke Diskussion mit dem teniente, kauft drei Dosen Bier, lädt alle zur gleich beginnenden Party am 300 Meter entfernten Xilinguito-Strand ein, grinst, gibt Petrsa einen Wangenkuss und verlässt gemeinsam mit ihr gut gelaunt das Lokal.

 Wenig später treffen wir Julio im Strandlokal wieder. Er stellt uns seine Familie vor, schmeißt eine Runde Dosenbier, begrüßt mit Wangenküssen ein paar Leute, hóla hier, ¿qué tal? da, nimmt einen Schluck aus der Dose, verdrückt sich kurz aus dem Blickfeld, kommt mit einer Conga bepackt zurück, erklärt kurz, das er gerne behilflich sei, holt eine zweite Conga und hilft dann beim Aufbau des Instrumentariums für eine kubanische Band, die später auftreten wird.

Am Strand sonnen sich noch viele Ausflügler und einheimische Touristen. Einige Urlauber sprechen Italienisch, kaum welche aus Deutschland sind auszumachen.

Kinder spielen Ball, toben, plantschen im Wasser, während der eine oder die andere sich an wohlgeformten Körpern junger Frauen und Männer nicht sattsehen kann und dabei vergisst, sich einzucremen. Gefährlich, denn auch um sieben Uhr abends brennt die Sonne noch und die landeinwärts wehende Brise ist so trügerisch wie die Blicke anziehendern Körper der Jugend.

Es herrscht durchgehend eine angenehme Gelassenheit. Das Strandbild ist so gar nicht vergleichbar mit jenen, die wir von anderen Küstenabschnitten Spaniens kennen. Keine Liege an die nächste geklemmt, kein Massenbraten unter der Sonne, kein Gegröhle und keine nervtötende Beschallung.

 Dass nicht viele Touristen aus dem Norden und Osten Europas hier seien - wobei der Norden aus hiesiger Sicht bereits in Südfrankreich anfange -, liege vor allem daran, dass es hier gerade nicht diese Konzentration von Hotels in Strandnähe gebe, weiß Julio zu berichten, nachdem der Aufbau gemeistert ist.

Er meint jene Bettenburgen, wie man sie entlang der spanischen Mittelmeerküste vorzugsweise in den kleineren Orten oberhalb Barcelonas und um die Gegend von Alicante zuhauf findet.

Während es sich einige Spanier noch in Hängematten bequem machen und sich am Strand Kinder eine Weile lang nicht einig darüber sind, wie sie sich zu einem Völkerballspiel aufzustellen haben, beginnt der Soundcheck der kubanischen Combo. 

Mit Leichtigkeit, doch inbrünstig, legt die Band dann los. Wer erwartet hatte, dass es einen Abklatsch des 'Buena Vista Social Club' gäbe, wurde prächtig eines besseren belehrt. Der Leadsänger der Combo ohne Namen, den alle nur El Gordo (Der Dicke) nennen, legte locker los und griff in die gesamte Gesangskiste kubanischer Rhythmen.

Unprätentiös professionell bringt er die Anwesenden in Wallung und zum Tanz - oder umgekehrt, und fordert mit Timbre und Rhythmus geradezu dazu auf, dass sich das geneigte Publikum doch bitte flugs sexuell orientieren möge und möglichst bald auch handle. Er blickt dabei des öfteren auf die Oben-ohne-Grazien am Strand, ohne aus dem Takt zu geraten.

Natürlich befolgt das Publikum seine Aufforderung, schließlich ist es eine allzu vernünftige und erwartete Aufforderung zum Näherkommen. Mit einem Mal wird sich tänzerisch-erotisch vergnügt und dann, ganz unbemerkt, in die Büsche begeben, zu denen kein nicht Eingeladener folgen darf. Schon gar nicht irgendein Ausländer, denn Tarragona ist nicht die Costa Brava, zu der Kampfsaufen und Pflichtficken bereits von den Reiseveranstaltern ins Programm gehievt werden. 

 Der ausländische Tourismus spiele sich "oben" in der Stadt ab, sagt Julio. Meist seien es Leute, die in der Umgebung urlauben und für einen Tag nach Tarragona kommen, oder Geschäftsreisende und Leute aus Barcelona, die in den Drei- und Vier-Sterne-Hotels absteigen. Man sei hier insgesamt gewissermaßen unter sich und genieße es. Gepflegtes Ramba-Zamba, schließlich müssen manche morgen wieder zur Arbeit.

Julio hat dafür gesorgt, daß stets die gleiche aparte Kellnerin an den Tisch kommt, an dem seine Familie und wir sitzen. Wer weiß, warum?

In den folgenden anderthalb Stunden befolgt sie - Judy, wie sie vorgibt zu heißen - seinen Wunsch, nimmt sich lediglich eine Viertelstunde Auszeit, um mit dem begehrtesten Tänzer am Platz von Samba über Rumba bis Salsa die Hüften zu schwingen und ihren Spaß zu haben. 

Danach bedient sie freizügiger als zuvor, achtet nicht mehr darauf, ob ihr ihre Oberweite aus dem Bustier springt oder nicht. Ihr zuvoriger Tanzpartner muss angesichts des Andrangs junger Damen weitermachen, denn der Sänger der Band kennt keine Pause. Und natürlich haben die anwesenden Damen schnell gemerkt, wer hier der Tanzlöwe ist.

Petra stört sich nicht daran. Auch sie hatte ihren Tanz mit Tänzer und zog sich dann, als die Dämmerung einsetzte, an den Strand zurück. Wir gehen zu ihr, setzen uns zu ihr in den Sand und schweigen zunächst, bis sie zu erzählen beginnt. Tarragona sei "Entspannung pur", sagt sie. Sie kenne Spanien, sei in Asturien gewesen und in Galizien - beides schöne Regionen -, doch hier fühle sich sich "sauwohl". Sie liebe das Meer, sagt sie bedächtig.

 Vielleicht liege es an diesem Menschenschlag, an diesem Stolz der Katalanen. Stur seien die, stur "bis zum Erbrechen", etwas, das sie als Südamerikanerin so nie kennengelernt habe.

Uruguay sei ja "so eine Mixtur aus Europäern aller Coleur", so ein "Tennisball in Südamerika", der immer wieder vors Netz geschlagen werde und froh sei, dass er weltpolitisch durch GATT (General Agreement on Tarrifs and Trage) und die sogenannten 'Uruguay-Runden' nicht völlig am internationalen politischen Geschehen vorbeisegelte.

Weshalb sie sich für Politik interessiere, wollen wir wissen, und bekommen als Antwort: "Politik ist doch das alles Entscheidende in unserem Leben, oder?" Dafür müsse man sich genauso interessieren wie für die tägliche Mahlzeit. Politik sei essentiell, denn sie bestimme über unser Leben. "Ist das so schwer zu verstehen?"

Sie sagt es in sanftem Tonfall, lächelt dabei und blickt in den Sonnenuntergang. Dann, ganz unvermittelt, fügt sie an - während die Rhythmen der kubanischen Combo weitergehen -, dass "ihr Deutschen doch viel mehr für Politik sensibilisiert sein müsstet als wir Uruguayer. Wir hatten noch keinen Krieg, oder? Wir sind nur ein kleines Land."

Sie blickt uns nachdenklich an, steht plötzlich auf und fragt, ob wir hier verweilen oder sie zurückbegleiten wollen. Julio warte - vielleicht. Auf jeden Fall habe sie Lust zu tanzen. Die Kinder, die Völkerball gespielt haben, sind längst nach Hause gegangen. Wir folgen Petra und tanzen abwechselnd mit ihr, bis Julio erscheint und sie an sich reißt. Es scheint, als sei alles in Ordnung.

© Uwe Goerlitz; Jochen Henke

© GeoWis (2009-08-03)

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