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Chronik systematischer Inkompetenz

Der dritte Teil unserer Spanien-Reportage befasst sich mit einer traurigen Begebenheit, die ein schlechtes Licht auf die spanische Klinikärzteschaft wirft.

Von Antonio Morales (2009-08-01)

Das Sterben von Dalila Mimouni, die im achten Monat schwanger war, begann am 10. Juni 2009. An diesem Tag, einem Mittwoch, bekam sie hohes Fieber und klagte über Kopf-, Hals- und Rückenschmerzen. Einen Tag später begab sie sich ins Madrider Krankenhaus Gregorio Marañón. Dort diagnostizierte man eine Infektion der Atemwege und führte diese auf ihre Schwangerschaft zurück. Mimouni bekam Medikamente verschrieben und wurde nach Hause geschickt.

Vor Jahren war sie mit ihren Eltern aus dem Touristenort M'diq (Medik), der am Mittelmeer zwischen der spanischen Exklave Ceuta und der marokkanischen Stadt Tetouan am Schwarzen Kap (Cabo Negro) liegt, nach Spanien gekommen. Ihr Vater, ein in Frühpension gegangener Angehöriger der marokkanischen Streitkräfte, hatte Arbeit in Katalunien gefunden. 2004 verstarb er an den Folgen eines Arbeitsunfalls.

 Drei Jahre später heiratet die damals Achtzehnjährige den ein Jahr älteren Marokkaner Mohamed, der zuvor im südspanischen Málaga gearbeitet hatte, und zog mit ihm in Madrids südöstliches Zentrum in den 14. Bezirk Moratalaz in die Wohnung ihrer Mutter.

Dem jungen Paar schien die Sechs-Millionen-Metropole fortan wenig Glück zu bescheren. Mohamed geriet in Konflikt mit den Behörden und der Polizei, nichts wirklich Großes, und fand kaum Arbeit, obwohl er über eine Arbeitserlaubnis verfügte. Doch die Wirtschaftskrise macht auch vor Spanien keinen Halt, und am stärksten davon betroffen sind Emigranten. Ende 2008 wurde Dalila Mimouni schwanger.

Mit 39,5°C Fieber suchte sie am 13. Juni, einem Freitag, das Madrider Krankenhaus Fuenlabrada auf, in dem die gleiche Diagnose gestellt wurde wie zuvor im Gregorio Marañón. Mimouni wurde wieder nach Hause geschickt und verbrachte das Wochenende mit ihrer Familie, bis sie am Sonntag mit 38,5°C Fieber erneut das Gregorio Marañón aufsuchte, diesmal die Notaufnahme.

Bis dahin hatten weder die Ärzte im Gregorio Marañón noch im Fuenlabrada es für notwendig erachtet, ein Blutbild zu erstellen - ein höchst fahrlässiges Unding angesichts der mittlerweile seit sieben Wochen grassierenden Hysterie um die Nordamerikanische Grippe, vulgo: Schweinegrippe, die in Spanien kurz gripe A genannt wird, zu diesem Zeitpunkt jedoch noch kein Todesopfer gefordert hatte.

Diesmal wurde die Diagnose erweitert, Asthma festgestellt. Wieder wurde Mimouni ein Rezept ausgestellt und - man glaubt es kaum - nach Hause geschickt. Stunden später kehrte die Geplagte in die Notaufnahme zurück und wurde endlich dabehalten. Da sich ihr Gesundheitszustand rapide verschlechterte, wurde sie auf die Intensivstation gebracht (UCI - Unidad de Cuidados Intensivos).

 Dort diagnostizierte man eine bakterielle Lungenentzündung, verabreichte der jungen Frau Antibiotika und machte eine virologische Untersuchung. Am 16. Juni, einem Montag, stand fest, daß Dalila Mimouni sich mit dem A/H1N1-Virus infiziert hatte.

Ihr Zustand verschlechterte sich weiter und wurde so kritisch, dass sie am 29. Juni, ihrem 20. Geburtstag, per Kaiserschnitt notentbunden wurde und einen gesunden Sohn - Rayan (Ryan) - zur Welt brachte. Am nächsten Tag erlag Mimouni der zweifelhaften Kunst der Ärzte des Gregorio Marañón und wurde zu Spaniens erstem A/H1N1-Opfer.

Dalilas Familie zweifelt die Asthma-Diagnose an und spricht von fahrlässiger Tötung. Der Leichnam der jungen Frau wird nach M'diq überführt, wo er unter großer Anteilnahme beigesetzt wurde. Rayans Vater Mohamed verbringt noch einige Tage in seiner Heimat im Kreis von Verwandten und fliegt am 12. Juli, einem Sonntag, zurück nach Madrid, um sich um seinen Sohn zu sorgen, der zwar nicht mit dem Virus infiziert ist, aber im Inkubator liegt.

"Mein Leben ist zerstört", wird der junge Vater am nächsten Tag sagen, denn abermals hat sich das Personal des Gregorio Marañón als völlig inkompetent erwiesen, indem es das Frühchen getötet hat. Der Chef des Krankenhauses, Antonio Barba, wird in einer Pressekonferenz zu Protokoll geben, "dass ein schrecklicher Fehler" das Leben des kleinen Rayan beendet habe und man "für alles aufkommen" werde. Von Rücktritt spricht der Mann, in dessen Klinik es drunter und drüber geht, nicht. Doch der wird längst gefordert.

Rayan starb, weil eine unerfahrene Säuglingsschwester, die ihren ersten Arbeitstag im Gregorio Marañón hatte, das im Brutkasten liegende Frühchen falsch versorgte. Anstatt ihm die Babymilch über den Nasen-Magen-Trakt zuzuführen, verabreichte sie ihm die Milch intravenös. Der Säugling starb folgerichtig an einer Embolie.

Der Tod des Kleinen sorgte in Spanien für große Empörung und erschütterte das Vertrauen ins Gesundheitssystem. Mehr als 1400 ominöse Sterbefälle hat es in den vergangenen neun Jahren in spanischen Krankenhäusern gegeben. Zeitweise verdrängte Rayans Tod innenpolitische Probleme von den Titelseiten und aus den Abendnachrichten und rückte erst durch die Bombenanschläge auf Mallorca und in Burgos in den Hintergrund. Klar ist, dass es in Spanien zu wenig Krankenschwestern und -pfleger gibt und die im Dienst stehenden teils unter chaotischen Bedingungen arbeiten müssen.

 Dies fange damit an, dass neues Personal mit Dreimonatsverträgen abgespeist werde, wie sich eine langjährige Kinderkrankenschwester des Gregorio Marañón gegenüber der Tageszeitung El País äußert.

Ständig werde zudem das Pflege- und Betreuungspersonal in anderen Abteilungen eingesetzt, müsse Überstunden leisten und sei angesichts dieser Strukturen kaum in der Lage, den Überblick zu behalten, geschweige denn, einen Bezug zu den Patienten zu bekommen. Dennoch dürfe eine solche "Katastrophe" wie bei Rayan nicht geschehen.

Von systematischer oder struktureller Inkompetenz will Barba nichts wissen, von Rücktritt auch noch nichts. Indes, das Gregorio Marañón gilt unter Madrilenen längst als No-Go-Area. Für Mohamed, den Witwer von Dalila und Vater von Rayan, ist es kein Trost, dass ihm und seiner Restfamilie der Chef des madrilenischen Gesundheitsamtes, Juan José Güemes, Beistand gespendet hat.

Güemes ist Teil des Problems, weshalb die tödliche Angelegenheit für Mohamed noch nicht vorbei ist. Er hat Anzeige wegen fahrlässiger Tötung gestellt. "Das ist das Mindeste, was ich tun kann."

© Antonio Morales

© GeoWis (2009-08-01)

Lesen Sie auch:

Spanien-Reportage, Teil 1: Paxe Ryanair, Iberia! >>

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