Neue WAZ-Männer
Nachdem die WAZ Mediengruppe Ende vergangenen Jahres massive Sparmaßnahmen eingeleitet hatte, die im Kern die Zusammenlegung und Auflösung von Lokalredaktionen ihrer vier NRW-Titel zum Inhalt haben, sowie Stellenabbau, von dem mehr als 300 feste und freie Redakteure betroffen sind, investiert der Essener Medienkonzern nun in teure Köpfe.
Von Nina Brenthäuser (2009-08-09)
Die neuste Personalie ist der ehemalige Spiegel-Chefredakteur, RAF-Kenner und Pferdeliebhaber Stefan Aust (63), der "seine Magazin- und TV-Erfahrungen einbringen" soll, wie das Branchenblatt journalist in seiner aktuellen Ausgabe unter Berufung auf WAZ-Sprecher Paul Binder meldet. Die WAZ Mediengruppe hat bisher auf eine derartige Pressemeldung verzichtet.
WAZ-Mann Aust, gemeinsam mit dem Ex-Leiter der kaufmännischen Abteilung von Spiegel-TV Geschäftsführer der in Lauenburg, Niedersachsen, ansässigen Agenda Media, Thorsten Pollfuß (44), soll "strategisch beratend als auch operativ in verschiedenen Projekten tätig sein", Binder gegenüber dem journalist. Der Beratervertrag sei mit der Agenda Media geschlossen worden und sei "zunächst auf ein Jahr" befristet. Aust bringt Christian Krug (43) mit, Ex-Chefredakteur des inzwischen eingestellten Magazins Max, den er zuvor bei der Agenda Media unter Vertrag genommen hatte.
Zuvor gab es auf verschiedenen Leitungsebenen mehrere Petrsonalien. So heuerte Marc-Oliver Multhaup (41) zum 1. Juli 2009 als Chef der "neuen Bildredaktion und Chef des Foto-Ressorts am Content-Desk" und neben der für das Online-Angebot der WAZ (DerWesten.de) zuständigen Geschäftsführerin der konzerneigen NewMedia, Katharina Borchert (36), auch als Geschäftsführer an, wie der Konzern mitteilt.
Bereits im vergangenen April kauften die Essener Ex-Holtzbrinck-Mann Michael Munz (39) für die von ihnen gemeinsam mit der Verlagsgesellschaft Madsack betriebenen TheMediaLab als Geschäftsführer ein. Mit Arndt Salzburg stieß im Juli ein weiterer Mann von der Holtzbrinck-Verlagsgruppe zur WAZ Mediengruppe. Salzburg unterschrieb als Geschäftsführer bei der NewMedia, ist zuständig für Vertrieb und Marketing und teilt sich mit Borchert das Projekt- und Produktmanagement von DerWesten.de.
Neu ist auch der frühere Time Life Books-, AOL- und Bauer-Mann Johan van der Sluis (44) als Leiter des Abonnementen-Marketing. Er ist in dieser Funktion für alle Titel des knapp zwei Milliarden Euro Umsatz (2008) starken Essener Medienmultis zuständig und hat die langjährige Leiterin dieses Bereichs, Petra Richert (52), abgelöst, die konzernintern zur Gesamtvertriebsleiterin des Gong-Verlags befördert wurde. In dem in München residierenden WAZ-Zeitschriftenableger ist nun auch Ex-Axel-Springer- und Bauer-Mann Claus-Dieter Grabner (52) aktiv, der laut WAZ Michael Holzapfel (53) als Verlagsbereichsleiter der "Tiergruppe" abgelöst hat.
Für den Bereich Nordrhein Westfalen übernahm am 1. April Harald Wahls (52), die Verlagsgeschäftsführung. Wahls kam von der Verlagsgruppe Handelsblatt und bringt Erfahrung in dieser Position von den Blättern BZ (Berlin), der Berliner Morgenpost, dem Ullstein Verlag und der Saarbrücker Zeitung mit.
Positionen neu zu erschaffen, umzubesetzen oder strategisch abzubauen ist Teil des im November 2008 verkündeten Synergiekonzepts des Medienkonzerns, das vorsieht, ohne Qualitätsverlust 32 Millionen Euro einzusparen. Damals fragte Malte Hinz, Ex-Betriebsratsvorsitzender der in Dortmund erscheinenden, zum Konzern gehörenden Westfälischen Rundschau (WR) während der Betriebsversammlung in der Essener Lichtburg, Deutschlands größtem Kino, wie der Verlag journalistische Qualität sichern wolle, wenn jede dritte Redakteursstelle abgebaut werden solle?
Bodo Hombach (57), seit 2002 an der Spitze der WAZ Mediengruppe, und Christian Nienhaus (49), den Hombach am 1. Juli letzten Jahres in die Geschäftsführung bestellte, sehen das freilich anders. Die Synergieeffekte durch die Zusammenlegung von Redaktionen und die gemeinsame Nutzung von Content Desks sorgten für mehr Qualität durch kreativen Austausch, so die Annahme.
Vor allem über den Stellenabbau in den Redaktionen und Teilen der Druckvorstufe sollen die 32 Millionen hereingeholt werden, weshalb Unternehmensberater ins Haus gelassen wurden. Auch die laufenden Kosten für den Einkauf neuer Berater und Geschäftsführer wird die Mediengruppe über dieses Kostensenkungsmodell kompensieren müssen. Daß Mitarbeiter und Leser inzwischen mehrfach mit Protestaktionen und Demonstrationen ihren Unmut gegen die Sparmaßnahmen äußerten, konnte die Entscheidungen der Geschäftsführung kaum beeinflussen.
Inwieweit trotz des redaktionellen Aderlasses Hombach und Nienhaus in punkto Qualitätssteigerung der NRW-Titel WAZ, WR, NRZ, WP erfolgreich sein werden, wird zum Teil auch von den neuen Köpfen abhängen, von denen etwa Harald Wahls das redaktionelle Geschehen deutlich beeinflussen könnte. Zumindest gehört es in seinen Aufgabenbereich.
Er wird neben den Standardaufgaben eines Verlagsgeschäftsführers auch "alle Aktivitäten der WAZ Mediengruppe auf dem Marktplatz NRW, dem Print-, TV- und Radiobereich koordinieren und im Geschäftsleitungskreis der WAZ Mediengruppe vertreten", so die Job-Beschreibung. Ein derartig umfangreicher Wirkungsbereich bietet viel Gestaltungsmöglichkeiten.
Etwas schwerer dürfte es Arndt Salzburg haben, der sich an der Seite von Katharina Borchert darauf freue, "das Onlinegeschäft der WAZ-Gruppe in den Bereichen Vertrieb, Marketing und Produkte weiterzuentwickeln." Zwar gilt bei den Essenern nun auch das Credo "Online first" und soll die Redaktion von 20 auf 40 Mitarbeiter aufgestockt werden, doch birgt das Segment "neue Produkte" redaktionellen Zündstoff. Borchert, die das Portal DerWesten.de als dessen Chefredakteurin aufgebaut hat und für dessen Inhalt verantwortlich zeichnet, ist nicht bekannt dafür, sich in die große Linie hineinreden zu lassen.
Die Einschnitte in den Lokalredaktionen der vier NRW-Titel, die angeblich ohne Qualitätsverlust vorgenommen werden können, sind mit den neuen WAZ-Männern kaum wettzumachen, mangelt es gemäß des Stellenabbaus trotz manchen Synergieeffektes an Personal und Zeit für kostenintensive Reportagen und Lokalgeschichten. Für Redakteure der WAZ Mediengruppe dürfte es daher künftig komplizierter werden, etwa den renommierten Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zu ergattern.
Dieter Golembek von der KAS urteilte vor acht Monaten in einem Beitrag von Olaf Sundermeyer¹ emotionslos: "Es gibt zu viele Zeitungen, die nicht verstanden haben, daß ihr Kerngeschäft im Lokalen liegt." Die letztjährigen Preisträger der KAS - Thomas Jäger und Joachim Röderer von der schon vielfach ausgezeichneten Badischen Zeitung (u. a. weltbeste Zeitungsdruckerei 2008) - hatten zwei Monate Zeit, ihre preisgekrönte Reportage zu erstellen.
374 statt 566 Redakteure arbeiten nun noch in den Lokalredaktionen der vier NRW-Titel der WAZ-Gruppe. Bodo Hombach sieht darin keinen Qualitätsverlust, wie er in einem Interview mit der Online-Ausgabe der Wirtschaftswoche² kundtut. Indes, an gut recherchierten, längeren Geschichten, Reportagen also, mangelt es WAZ, WR, NRZ, WP und DerWesten.de noch. An Meldungen aus den Polizeipressestellen hingegen nicht ("Velbert, 9.08.2009: Jugendlicher belästigte Passantin ...").
Weshalb es die WAZ-Gruppe überhaupt nötig hat, von ihrer bisherigen konzerninternen Mischkalkulation Abschied genommen zu haben und Hombachs Vorgabe zu folgen, wonach "jeder Titel seinen Weg aus den Roten Zahlen finden" solle, erschließt sich wohl nur Kaufleuten und Betriebswirtschaftlern. Immerhin hat sich die Kriegskasse des Essener Medienmultis in den vergangenen drei Jahren durch Verkäufe - etwa des Anteils an RTL; € 550 Mio. - im Wert von über drei Milliarden Euro gut gefüllt.
Während nun im Heimatmarkt am Lokalen gespart wird, fließt viel Geld in die internationalen lokalen Märkte. So nach Russland, Vietnam, auf den Balkan. Natürlich geht es im Kern ums Anzeigengeschäft, aber ein wenig politische Aufklärung darf es auch sein. Für Letztere gibt es schließlich Mittel aus dem Steuersäckel. 40 Millionen Euro erhalten die Essener für ihre Expansion nach Osteuropa von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Dafür müssen sie dort die freie Meinungsäußerung und Demokratie fördern.
Daß es für ein so kapitalstarkes Unternehmen wie die WAZ Mediengruppe öffentliche Gelder gibt, mag legitim sein, aber auch daran liegen, daß Hombach vor seinem Eintritt in den Konzern 'Sonderkoordinator des Stabilitätspakts für Südosteuropa', Sitz Brüssel, war und so manche Visitenkarte nicht weggeworfen haben dürfte. Als Chef des Medienunternehmens muß ihm daran gelegen sein, betriebswirtschaftlich vernünftig zu handeln und die sich dazu anbietenden legitimen Möglichkeiten zu nutzen.
Eingespeist wird der Betrag in die zur WAZ Mediengruppe gehörende Wiener Ost Holding, deren Geschäftsführer bisher der ehemalige SPÖ-Politiker Andreas Rudas (56) war. Seit April ist Alfred Gusenbauer (49), der ein knapp zweijähriges Intermezzo als Österreichs Bundeskanzler (2007-08) hinter sich hat, mit seiner im Oktober 2008 gegründeten Gusenbauer Projektentwicklungs- und Beteiligungs GmbH für die WAZler im Geschäft.
Angesichts der zu einem Großteil international ausgerichteten Aktivitäten der Essener, die eigenen Angaben zufolge konzernweit 18.000 Leute beschäftigen, dürfte das Engagement im Lokalen ihres Heimatmarktes künftig weiter schrumpfen. Daran etwas zu ändern, wird auch dem Ex-Betriebsrat und neuen Chefredakteur der WR, Malte Hinz, zu schaffen machen, zumal in ihm noch - folgt man dem Schreiben zu seinem Rücktritt als dju-Vorsitzender³ - das Herz des Gewerkschafters pocht.
Ob der streitbare, nicht frei von Eitelkeit auftretende und zu den prominentesten deutschen Journalisten zählende Ex-Spiegel-Mann Aust hier noch Impulse geben kann, ist ebenfalls fraglich. Bisher ist nicht mal klar, welche Inhalte er an der hauseigenen Journalistenschule Ruhr im Rahmen eines geplanten Seminars und Zeitungs-Workshops vermitteln will.
Der sukzessive Rückzug aus dem Lokaljournalismus und der Lokalberichterstattung, wie ihn andere Zeitungsverlage bereits vorgemacht haben und die WAZ-Gruppe im Ruhrgebiet (WAZ, WR, NRZ) und westlichen Westfalen (WP) ihn eingeleitet hat, ist nur ein erster Schritt in einer rapide veränderten Medienwelt.
In seinem 'Hage-und-Igel'-Beitrag zum Focus-Jahrbuch 2009, dem er den Untertitel 'Zur Konzeption eines qualitätsbasierten Medienmodells' gibt, skizziert Bodo Hombach die veränderte Medienwelt so: "Eine solche Herausforderung braucht wenig neue Gedanken, sondern ein neues Denken. Genau das ist das Kennzeichen eines jeden Paradigmenwechsels. Quantität schlägt um in Qualität."
¹ Olaf Sundermeyer: Eingriff in das Kerngeschäft. In: journalist 12/2008, S. 12-16.
² wiwo.de vom 26.01.2009 >>
³ 10. März 2009; siehe auch WAZ Protestblog >>
© Nina Brenthäuser
© GeoWis (2009-08-09)