"Organisatorische Probleme"
Die Sommermonate gelten in Dortmund - wie im gesamten Ruhrgebiet - als Monate kultureller Konzentration und Vielfalt. Selten jedoch fanden an einem Wochenende so viele hochkarärtige Veranstaltungen statt wie an diesem. Einer hat das geballte Programm klar geschadet.
Von Hubertus Molln (2009-08-16)
Bereits am Freitag ging es mit der Cocktail-Tour los, zu der lokale Szenekneipen, Bars und - zur Abschlußparty bis in den frühen Samstagmorgen - die Großdisco Nightrooms eingeladen hatten. Ebenfalls am Freitag startete auf dem Friedensplatz das vom Kulturbüro initiierte Micro!Festival, das seit 1994 und damit zum 16. Mal stattfindet und am heutigen Sonntag endet.
Wieder einmal ist es den städtischen Veranstaltern gelungen, ein interessantes Programm aus Musik, Schauspiel, Comedy, Slapstick, Akrobatik und (Kinder-)Mitmachaktionen zusammenzustellen.
Dabei ist das Programm Ausdruck des Konzepts und wartete mit 16 Ensembles aus 13 Ländern auf, die meisten von ihnen einer breiten Masse in Deutschland zuvor unbekannt.
Etwa das achtköpfige deutsch-türkische Ensemble Derya, das "Weltmusik alla turca" machte, die von den Klängen und Rhythmen anatolischer Asik, türkischer Wandersänger und verschiedener musikalischer Einflüsse Westeuropas und Südamerikas geprägt ist.
Das deutsch-chinesische Duo Seidenstraße bot traditionelle chinesische Musik mit Chanyuan Zhao an der Zither; mit Folk- und Weltmusik wartete die Gruppe Dazkarieh auf, die in Portugal Kultstatus genießt; aus Zimbabwe waren MozuluArt angereist, die eine Vermengung von Zulumusik und Mozart brachten.
Zum Kaleidoskop musikalischer Leckerbissen gehörten auch Iaςá, ein brasilianisches Ensemble aus dem Bundesstaat Belém-Pará mit politischem Anspruch und Anliegen, das Musik und Tanz aus Amazonien aufführte; King Kora (Ghana/Schweiz) mit "urbaner Weltmusik" und das russische Bielka & Souliki-Quintett, das ein Repertoire von fröhlichen bis schwermütigen Klängen darbot.
Aus den Niederlanden kam die Tukkers Connexion mit ihrem "nonverbalen" Improvisationsprogramm 'Turn up', aus Belgien die Akrobaten der Compagnie du Mirador, aus Spanien die Artisten Artristas und aus Großbritannien die Comedians Avanti Display.
Zur gleichen Zeit wurde im Dortmunder Hafen dessen 110jähriges Bestehen gefeiert. Neben einer kostenlosen Hafenrundfahrt auf der Santa Monica, Dortmunds inzwischen Kultstatus genießendem Partyschiff, traten die Bands The Rattles, Partyinferno, Peter Petrel and the Swinging Petrels, Five Alive und Join The Rhythm auf.
In der Fußgängerzone, Kleppingstraße, gab es zudem noch das alljährliche Weinfest und im Westfalenpark stand das Lichterfest an, diesmal mit großer Erwartungshaltung zum 50jährigen Bestehen des Parks.
Derart viele Veranstaltungen in einer Stadt, die knapp 600.000 Einwohner und ein Einzugsgebiet von etwa gleicher Anzahl hat, waren vielleicht doch etwas zuviel, zumal manche Dortmunder auch zur Eröffnung der Ruhrtriennale fuhren. Vor allem das Micro!Festival, das in den vergangenen Jahren stets zwischen 25.- und 35.000 Zuschauer anlockte, litt unter der Veranstaltungskonkurrenz.
Gerade um 7.000 Leute frequentierten es am Freitag. Bestenfalls um 5.000 waren es am Samstag und am Sonntag, bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um 30° Celsius, waren es auch nicht viel mehr. GeoWis wollte von Festivalleiter Michael Hoppe wissen, wieviel sich die Stadt Dortmund das Kulturereignis diesmal hatte kosten lassen, doch Hoppe konnte oder wollte sich dazu nicht äußern.¹ Er habe gerade ein "organisatorisches Problem", um das er sich dringend kümmern müsse. Sprach's und blickte handlungsunorientiert über den Friedensplatz. Wie sich herausstellte, mußte für King Kora ein Schlagzeug beschafft werden. Die Band hatte ihres in der Schweiz vergessen.
Das multikulturelle Festival, das stets und von Anfang an auf professionelle - wenn auch meist unbekannte - Künstler setzte, litt nicht nur an organisatorischen Stolpersteinen, sondern nachmittags auch an einer selten angetroffenen Ignoranz des Publikums und manchem Aufbauhelfer. So bahnte sich zu aller Verblüffung unvermittelt ein kleiner Schaufelbagger einen Weg durch die kleine Menge, ungeachtet der Tatsache, daß gerade Iaςá auftrat.
Auch Teile des Publikums, das sich an den von den Bierwagenbetreibern bereit gestellten Tischen niedergelassen hatte, machten nicht den Eindruck, als interessierten sie die Darbietungen auf der Bühne. Pils und Wein stahlen den Künstlern die Show.
Zwei Bühnen standen den Künstlern zur Verfügung, eine direkt vor dem Rathaus, die andere rechts davon. Doch was auf den ersten Blick professionell wirkte, entpuppte sich auf den zweiten als äußerst unprofessionell. Denn während auf der einen Bühne künstlerisches Können aufgeführt wurde, standen auf der anderen Bühnenarbeiter und Choreographen herum und fachsimpelten über den Aufbau.
Notwendig und legitim zwar, doch bestens geeignet, das Publikum vom Geschehen auf der anderen Bühne abzulenken. Organisatorische Probleme? Ein Vorhang wäre angebracht gewesen. Unabhängig von diesen Umständen darf man den Verantwortlichen des Micro!Festivals, das längst ein kulturelles Aushängeschild der Stadt ist, in fetten Lettern ins Logbuch schreiben, daß sie im letzten Jahr den Kalender 2009 besser hätten studieren müssen.
Denn daß der Westfalenpark und der Fernmeldeturm (Florian) ihr fünfzigjähriges Bestehen am 15. August 2009 feiern würden und somit zum Publikumsmagneten avancierten, hätte man damals bereits wissen und dementsprechend das Festival anders terminieren können.
Schlimmstenfalls hat dieses organisatorische Unvermögen dem bisher guten Image des Festivals und der Stadt sogar geschadet, haben doch auch die Künstler Augen im Kopf und durchaus mitbekommen, daß alle ihre Darbietungen lediglich einigen Wenigen vorgeführt wurden.
¹ Laut Auskunft der Pressestelle der Stadt Dortmund wurde das Festival mir € 104.000 bezuschußt.
© Hubertus Molln
© GeoWis (2009-08-16)