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Chairlift liefern mit Bruises verspäteten Sommerhit 2009
[502]

Blaue Flecken und verliebt

Der neue, etwas verspätete Sommerhit kommt in diesem Jahr von der amerikanischen Indie-Band Chairlift. Doch von Pop-Musik ist die Band weit entfernt.

Von Maja Neldner (2009-08-15)

Bald ein Jahr ist es her, seit Chairlift ihr offizielles Debütalbum Does You Inspire You auf Kanine Records veröffentlichten, das jüngst von Columbia Records 're-released' wurde. Mit dem Stück Bruises (Blaue Flecken; Blutergüsse) landete das inzwischen in Brooklyn ansässige Trio - Caroline Polachek, Aaron Pfenning, Patrick Wimberley - einen Hit, der in den USA vor allem durch Apples Werbespot für den iPod Nano 1.04 in die Charts durchstartete.

 Seit vor zwei Monaten ihr Video zu Bruises erschien, ist das Lied aus den europäischen Radiostationen und Videokanälen nicht mehr wegzudenken. Lasziv und räkelnd rauft sich Polachek mit Pfenning und Wimberley durchs Video, besingt gekonnt hochtönig die Blauen Flecken, die sie sich für 'ihn' dabei und bei Handstandsversuchen holt - '... I got bruises on my knees for you ...' - und hat sichtlich Spaß daran.

Das vierminütige Lied ist ein betörender Ohrwurm mit Extensionspotential aufs Doppelte und durchaus zweideutig zu verstehen, bezieht sich das Textfragment '... permanently black and blue for you ...' ja nicht nur auf Blutergüsse, sondern läßt auch den Schluß zu, daß da jemand schwer verknallt sein muß.

Aaron Pfenning, gemeinsam mit Polachek fürs Songwriting der ursprünglich aus Boulder, Colorado, stammenden und 2005 gegründeten Band zuständig, nimmt den ungekannten Ruhm und Rummel gelassen. Im Interview mit Natalie David von Stereo Subversion bekennt er sich etwa dazu, Bruises für Apples iPod hergegeben zu haben. "Wir alle mögen iPods. Jeder benutzt sie, jeder, den ich kenne, und Apple ist eine weiterdenkende Firma, die wir gerne unterstützen."

Chairlift passen so gar nicht in die bisher gekannte Ohrwurmwelt des Pop. Caroline Polachek (23), die in Anlehnung an eine längst vergangen geglaubte Hippie-Ära gerne im überlangen weißen Hemd oder einem Kleinen Schwarzen auf der Bühne agiert - mal tänzelnd, mal hinter ihren Keyboards wippend -, trägt ein ausgefallenes Armtattoo und mit Vorliebe nur einen Strumpf in Fadenform und hat ein Faible für übergroße Brillen. Sie begibt sich auf Open-Air-Festivals gerne unter ihre Fans, schreibt fleißig Autogramme und hat meist jede Menge Spaß hinter der Bühne.

 So am vergangenen Wochenende in Grant Park, Chicago, wo Chairlift mit Gleichgesinnten auf dem legendären Lollapalooza-Festival auftraten, auf dem seit 1991 viele, die Rang und Namen in der Indie-, Rock-, Rap- und Dubszene der USA und Großbritannien haben, schon gastierten.

In diesem Jahr gab es wieder ein Stelldichein von Größen wie Depeche Mode, Lou Reed, Thievery Corporation, Snoop Dog, Arctic Monkeys und noch nicht weltweit bekannten Bands wie Animal Collective, Deerhunter, No Age und 23 Skidoo unter den mehr als 100 Acts. 

Chairlift strahlen eine erfreuliche jugendliche Leichtigkeit des Seins aus, die sich neuerdings wie ein Roter Faden durch die Musikszene der USA zieht. Von der Schwermütigkeit, wie sie in den 1990er Jahren prägend zum Beispiel für Grunge-Rock war und heute noch von Bands wie den Jayhawks, Radiohead oder Coldplay gepflegt wird, ist nichts zu spüren.

Verantwortlich für die Arrangements bei Chairlift sei Patrick Wimberley, der sich der Texte von Pfenning und Polachek annehme, wie Pfenning sagt. Daß dies hervorragend funktioniert, läßt sich nicht nur auf Bruises hören, sondern auch an Evident Utensil, inzwischen selbst ein veritabler Hit, zu dem Anfang des Jahres das erste Video der Twens herauskam.

Chairlift reflektieren auch die Sorgen junger Leute von heute. So ist Garbage ein Stück, in dem es um Umweltverschmutzung geht, und Make Your Mind Up fordert zum Nachdenken auf und liegt damit in einem Trend, der Ausdruck eines etwa unter der ehemaligen Bush-Regierung lange so nicht zum Vorschein gekommenen Selbstbewußtseins junger amerikanischer Musiker ist.

 Fast scheint es, als wäre Bruises ein Ausrutscher auf Does You Inspire You, paßt das Lied doch so gar nicht zu den anderen Songs, die zum Teil an Stücke anderer Künstler erinnern. Vor allem an einige, die den 1980er Jahren entstammen.

Den Hinweis darauf gibt Caroline Polachek, die auch Französisch spricht, in einem Frage-Antwort-Spiel mit Lucy Madison vom Online-Magazin Interview, in dem sie Wild Horses von Prefab Sprout zu einem ihrer Lieblingslieder erklärt. An deren teils spärische Klänge erinnert das Stück Earwig Town.

Ob auch die britische Band Cocteau Twins unterbewußt Pate bei Chairlift stand, ist nicht bekannt. Somewhere Around Here, Ceiling Wax und Territory jedenfalls haben auffällige Ähnlichkeiten mit manchem Song des legendären Cocteau-Twins-Albums Four-Calendar Cafe.

In Kommentaren auf dem Videoportal YouTube wird Polacheks Stimme auch schon mal mit der von Edie Brickell assoziiert, die mit ihrer Band New Bohemians Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit dem Welthit What I Am ihres Albums Shooting Rubberbands At The Stars reüssierte.

Im Oktober kommt die Band nach Europa. Anhänger der populären Musik, die vorzugsweise wegen Bruises und Evident Utensil eine Eintrittskarte kaufen würden, könnten enttäuscht werden, wenn sie das ganze musikalische Spektrum von Chairlift dargeboten bekommen. Freunde des Sphärischen und des alternativen Rocks aber kämen voll auf ihre Kosten.

Tourdaten in Europa (ohne Gewähr)

Frankreich: 13. 10.: Montpellier; 14.10.: Lyon; 15.10.: Straßbourg; 16.10.: Lille; 17.10.: Caen; 19.10: Paris; 20.10.: Bordeaux; 21.10.: Toulouse; 22.10.: Nantes

Großbritannien: 24.10.: Birmingham; 25.10.: Glasgow; 26.10.: Bristol; 27.10.: Manchester; 28.10.: London

© Maja Neldner

© GeoWis (2009-08-15)

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