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Portrait: Hape Kerkeling - Weltstar aus Recklinghausen
[513]

Kreativbolzen allererster Kategorie

Er gehört zur bel étage der deutschen Humoristen, Showmaster, Moderatoren und Comedians, und er wollte stets machen, was er wollte. Jetzt ist er dort angelangt, doch der Weg war steinig.

Von Jonas Littfers (2009-08-18)

Am 25. April 1991 wurde Hape Kerkeling weltweit bekannt. Damals ließ er sich als holländische Königin Beatrix verkleidet Minuten vor der echten Königin in einer beflaggten, mit Bremer Kennzeichen und einem CD-Aufkleber (Corps Diplomatique) versehenen schwarzen Mercedes-Benz Stretchlimo zum Empfang am Schloß Bellevue in Berlin-Tiergarten vorfahren.

 Dem wartenden Empfangskomitee war in den ersten Sekunden seines Auftritts  - "Hallo, ich bin die Beatrix" - nicht aufgefallen, daß es sich nicht um das niederländische Staatsoberhaupt handelte.

Für die Security, bestehend auch aus Beamten des Bundesgrenzschutzes, war es der Supergau. Entsprechend verschnupft reagierte man und forderte Kerkeling - die Kameras liefen - in einer Mischung aus gespielter Höflichkeit und echtem Nachdruck unmißverständlich auf, das Areal zu verlassen.

Das ganze dauerte etwa drei Minuten und schrieb deutsche TV-Geschichte. Während manche deutsche Medien, darunter jene humorlosen Zuarbeiter der Springer-Presse, in diesem Auftritt einen Skandal sahen, der dem Ansehen Deutschlands in der Welt schade - what a Quatsch! -, nahm man es international und sogar im benachbarten Holland mit Humor. Kerkeling, damals 26 Jahre alt, hatte den grassierenden Staatsbesuche-Zirkus ad absurdum geführt.

Vorauszusehen war das nicht, als der gebürtige Recklinghäuser sechs Jahre zuvor seine Karriere in den Sendungen Kerkelings Kinderstunde und Känguru begann. Vor allem seine Figur Hannilein aus Känguru sorgte im Vorabendprogramm für Furore, saß da doch eine männliche Ausgabe von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf und frechdachste als Vorschulkind etwa: "(...) Melanie und ich ham um das Meerschweinchen gewettet. Melanie hat gewettet, daß du unser erstes Meerschweinchen im Sommer vom Balkon geschubst hass, weil das Pipi inne Blum gemacht hat."

Zu jener Zeit fiel lediglich die unter der Regie von Michael Leckebusch (1937-2000) vom TV-Sender Radio Bremen vierteljährlich ausgestrahlte Musik- und Comedy-Sendung Extratour positiv auf - in der Kerkeling auch auftrat -, vor allem auch durch ein kleines Mädchen, das im Bild saß und sagte: "Jetzt kommt ein Karton", worauf eine Stimme aus dem Off korrigierte: "Das heißt Cartoon." Das Mädchen wiederholte seinen Spruch stoisch und dann fiel ein Karton, auf dem Cartoon stand, von oben auf es hinab.

 Bevor Kerkeling überhaupt ins deutsche Fernsehen gelangte, hatte er sich eigenen Angaben zufolge bereits als Zwölfjähriger 1977 erfolglos bei Loriot (bürgerlich: Vicco von Bülow, *1923) für dessen Sketch Weihnachten bei Hoppenstedts beworben.

Wirklich abhalten von seinem Traum, ins Fernsehen zu kommen, konnte das den jungen Kerkeling, der stets "davon träumte" im Genre groß rauszukommen, nicht. Er machte einige Jahre später erst mal sein Abitur und blieb am Ball.

Als es auf den ersten Blick ernster wurde, war längst ernst. Zwar hat sich Kerkeling nur selten umfangreich darüber geäußert, ob er politischen oder gesellschaftskritischen Humor darbiete, so in einem Interview aus dem Jahr 2003 mit dem Online-Magazin Planet Interview, in dem er erzählt, wie er zu seinem ersten Preis für politisches Kabarett gelangt war (siehe Link unten), doch interessiere ihn politisches Kabarett nicht. Viele seiner Rollen und Sketche sprechen hingegen für sich.

Der ehemals deutsche Pippi Langstrumpf entwickelte sich im Format Total Normal zum Medienkritiker - zu einer Zeit, als Medienkritik allenfalls von aufgeklärten Linken geübt wurde. Grimme-Preis, Goldene Kamera und Bayerischer Fernsehpreis folgten.

Ein halbes Jahr nach seiner Verkleidungsnummer als Königin Beatrix stellte ihn der schrille Szenefilmemacher Holger Radtke, der laut Wikipedia auch Holger Bernhard Bruno Mischwitzky heiße, indes bekannt unter dem Namen Rosa von Praunheim ist, der Öffentlichkeit unautorisiert als homosexuell vor. Zwar steckte Deutschland seinerzeit noch in den Kinderschuhen hinsichtlich der Toleranz gegenüber Homosexuellen - schließlich war der Strafgesetzbuchsparagraph zu dieser Zeit noch nicht abgeschafft worden¹ -, doch war dieses Outing durch von Praunheim ein Rohrkrepierer.

Hape Kerkeling war stinksauer, versuchte es aber gelassen zu nehmen. "Sensiblere Naturen als ich hätten sich jetzt wahrscheinlich mit dem Fön in die Badewanne gelegt. Was soll's? Morgen werden sie eine andere Sau durchs Dorf treiben", wird er zitiert.

 Seinem Schaffensdrang tat diese gezielte Indiskretion keinen Abbruch. 1993 legte er als Regisseur, Produzent und Co-Drehbuchautor den Kinofilm Kein Pardon vor, eine bitterböse Persiflage auf den Sexismus alter TV-Männer in verantwortlicher Position, die alles Weibliche angraben, was nicht schnell genug die Flucht ergreifen kann oder sich in beruflichen Abhängigkeitsverhältnissen bei Sendern befindet.

Es ist auch ein Bubenstück über die Verachtung, die Showmaster ihrem Publikum gegenüber zu pflegen in der Lage sind, wenn es nicht zugegen ist. Zu jener Zeit war es sogar ein Unding, daß man über die TV-Backstage auch nur öffentlich sprach, wenn es sich nicht um Lobhudeleien handelte.

Den sexistischen, abgehalfterten Saubeutel in der Rolle des Showmasters Heinz Wäscher spielte damals Heinz Schenk (*1924), der den deutschen Couch-Potatoes seit Anfang 1966 als Moderator und Sänger der Äppelwoi-getränkten Unterhaltungssendung Zum Blauen Bock ein Begriff war und das Nationalgetränk der Hessen bundesweit bekannt machte.

Schenk hatte die Rolle so überzeugend verkörpert - "Witzischkeit kennt keine Grenzen, Witzischkeit kennt kein Pardon", so das Titellied zum Film -, daß sein Image darunter litt. Nicht wenige sahen in Schenk den Parade-Drecksack unter den Showmastern hinter den Kulissen. Und wer weiß, vielleicht ging es ja tatsächlich so profan zu.

Hape Kerkeling, seit Mitte der 1980er Jahe ansässig in Düsseldorf, erklimmt den Status einer eierlegenden Wollmilchsau des deutschen Fernsehens, denn er kann nicht nur Humor und Comedy - wobei er allerdings ohne Humor nicht kann. Ansprechende Unterhaltung abseits von Comedy-Formaten sind sein Ding auch. Und wie!

Man mußte sich Jahre später angesichts der krampfhaft auf Comedy machenden Künstler wie Mario Barth, Ingo Appelt oder Atze Schröder plötzlich fragen - vergleicht man sie mit Kerkeling -, was diese Burschen für ein Berufsverständnis haben? Vor allem aber, was für ein Publikum sich bei deren Darbietungen wohlfühlt?

Es folgten für Kerkeling Angebote zuhauf, sogar für der Deutschen Lieblingsunterhaltungssendung Wetten dass ...?, als sich deren stets skurril gekleideter Moderator Thomas Gottschalk gerierte, weiterzumachen. Kerkeling lehnte - offenbar in weiser Voraussicht ob künftiger, auch künstlerischer Einschränkungen - dankend ab. Weitere Filme folgten (Club Las Piranjas, 1995; Willi und die Windzors, 1996; Die Oma ist tot, 1997).

 Ebenso weitere Fernsehshows (Darüber lacht die Welt, 1998-2002) und jede Menge Sketche, ein Großteil davon in Verkleidung. Legendär ist auch sein Auftritt während des CDU-Parteitages 2000, als er als Kellner verkleidet der heutigen Bundeskanzlerin während ihrer Rede einen Eisbecher 'Copacabana' kredenzte, den die passionierte Stoikerin und Helmut-Kohl-Schülerin irritiert und dankend ablehnte. Sie hatte Kerkeling früh genug erkannt.

Dieser Moment war allerdings nur eine weitere Episode von Kerkelings teils hindernisrechem Parforce-Ritt durch die deutsche Medienlandschaft, der ihm aber - aus heutiger Sicht - nicht schadete.

Der Weltstar aus Recklinghausen avancierte zum Qutoenbringer und legte hernach mit der Moderation von Die 70er Show, in der er sich als Kenner der Musik dieser Zeit outete, eine weitere Duftnote seines Könnens. Logische Folge war die Ehrung mit dem Deutschen Fernsehpreis.

Zuvor aber hatte er sich, gerade kurz über Mitte 30, eine Auszeit genommen. Er schien ausgebrannt zu sein und trotz der gefühlten Dauerpräsenz im TV lief es nicht durchgehend gut bei ihm. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte er zu Beginn dieses Jahres, daß es bei ihm auch "berufliche Tiefphasen" gegeben habe. Witzischkeit war an ihre Grenzen gestoßen.

Der vielseitige Künstler, der kraft seiner Kreativität und seines Fleißes längst auch in die Fußstapfen des großen Diether Krebs' (1947-2000) paßte, pilgerte im Jahr 2001 über 600 Kilometer auf dem Jakobsweg durch Nordspanien ins galizische Santiago de Compostela zum Grab des Apostels Jakobus, um zu regenieren und zur Besinnung zu kommen. In gewisser Weise sei er auch wiedergeboren worden, schreibt er Jahre später in seinem Buch Ich bin dann mal weg, das mit mehr als zwei Millionen verkauften Exemplaren ein absoluter Bestseller wurde.

Kerkeling, immer ein Herz fürs Lokale, drehte seinen 6. Kinofilm Samba in Mettmann. Knapp 300.000 KinogängerInnen interessierten sich für die Provinzposse, in der drei Brasilianerinnen in die am Neandertal gelegene Kreisstadt - zu der die Städte Haan, Erkrath, Wülfrath, Ratingen, Hilden, Heiligenhaus, Monheim, Langenfeldt und Velbert gehören - einfallen und die Welt der Klischewskis und Pfeffers durcheinanderbringen.

 Als Bestsellerautor war er trotz des relativen Flopps des Films in aller Munde und auf den Spickzetteln von verantwortlichen Redakteuren für Fernsehformate.

Er moderierte für den TV-Sender RTL vor dem Hintergrund eines desolaten Abschneidens Deutschlands bei der PISA-Studie 2004 die Shows Der große Deutsch-Test und Der große Deutschlandtest und war Hauptakt der von Günter Jauchs Firma i&u produzierten Sendung Hape trifft!, in der er neben der Verkörperung der holländischen Eheberaterin Evje van Dampen auch in die fast 20 Jahre mit sich herumgetragene Figur Siggi Schwäble schlüpfte und erstmals als Horst Schlämmer auftrat. 

Daß man als erklärter nicht-politischer Kabarettist oder Humorist auch mal kräftig ins Klo greifen kann, zumal dann, wenn die politischen Antennen nicht ausgefahren sind, passierte ihm mit seiner - im Kern vernachlässigenswerten - Tanzshow (Let's Dance; 2006; 2007) mit der ehemaligen Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide Simonis.

Dadurch, daß Simonis ein klägliches Bild zu ihrer - letztlich gescheiterten - Wiederwahl zur Ministerpräsidentin abgab, geriet die Sendung in eine seltsame Melange aus Komik und Politikum, an der auch Kerkelings Assistenzmoderatorin Nazan Eckes nichts ändern konnte.

Kerkelings gutem Ruf als Entertainer, Komiker, Verwandlungskünstler und Quotenbringer konnte dies nichts anhaben. Er, der stets auch mit seinen Bühnenprogrammen Deutschland tourte, machte einfach weiter, dachte sich die Sendung Hallo Taxi aus, die bislang nur mäßig erfolgreich war, weil sie bei Zuschauern wie Fahrgästen höchst gemischte Gefühle auslöste, und ging ins Ton- bzw. Synchronstudio. Nebenbei entwickelte er die Figur Horst Schlämmer weiter und brachte vor zwei Jahren das Spiel Weisse Bescheid heraus.

Er nahm auch inzwischen zu Highlights des deutschen Schlagers mit skurrilem Anspruch herangewachsene Singles auf, zu denen es auch Videos gibt. Gisela ("Isch möchte nicht") und Schätzelein heißen die Dinger, und wer noch Zweifel daran hat, daß Humor ist, wenn man trotzdem guckt und hört, der schaue mit den Ohren.

 Er lieh Po, dem Panda aus Kung Fu Panda (2008), seine Stimme, schrieb das Drehbuch zu Ein Mann, ein Fjord (2008) und sprach es - sozusagen aus der Not heraus, denn kein TV-Sender wagte sich zunächst an eine Verfilmung - als Hörbuch. Kerkelings unwiderlegbare Popularität zeigte alsdann Wirkung. Das ZDF verfilmte Ein Mann, ein Fjord und sendete Ende Januar 2009.

So geht das zu in der deutschen Fernsehlandschaft. Quote sticht Inhalt. Diesesmal zu Gunsten des Wahl-Düsseldorfers, doch ist diese Strategie eine, die Kerkeling stets bemängelte. Weshalb die Zuschauer schlau machen, wenn man sie viel unkomplizierter verblöden kann?, muß man fragen, und Kerkeling wäre keiner, den man für eine solche Haltung gewinnen könnte.

Den Öffentlich-Rechtlichen sollte eine derartige Denke nicht mal im Ansatz in den Sinn kommen, werden sie doch durch Gebühren finanziert und haben einen bildungspolitischen Auftrag. Doch der variiert seit langem.

Wie sehr der kritische, stets humorvolle 'Devil in Disguise' seit mehr als zwei Jahrzehnten die deutsche Fernsehunterhaltung bereichert und wie sehr aus dem frechen Hannilein ein Kreativbolzen allererster Güte und Kategorie geworden ist, beweist seine inzwischen Kultstatus genießende Figur Horst Schlämmer, seineszeichens Reporter des nicht existenten Grevenbroicher Tageblatts.

Es ist bislang die ultimative Rolle des Ruhrgebietlers mit rheinischem und Berliner Wohnsitz. In Anlehnung an das Sprechlied Schachtelhalme des Mülheimer (Ruhr) Jazz-Barden, Filmemachers und genüßlichen Teilzeit-Legasthenikers mit mäßig komödiantischem Anspruch - Helge Schneider -, könnte man glatt behaupten: Schlämmer hier, Schlämmer da, Schlämmer in Amerika.

Zwar hat man von ihm - Kerkeling/Schlämmer - auch dort schon gehört, doch erstmal ist er seit einigen Wochen rigoros in heimischen Gefilden unterwegs, vorzugsweise, um für seinen neuen Film Isch kandidiere die Werbetrommel einzusetzen, dessen Vorstellung am vergangenen Montag in Berlin war. Am 20. August kommt der Film in die Kinos und am 22. ist Hape-Horst in Dortmund, wo er im Cinestar Kino-Komplex Autogramme geben wird. Dortmund, soviel ist bekannt, liegt ihm schon deswegen am Herzen, weil er hier Pate für die Aktion Courage - Schule ohne Rassismus an der Droste-Hülshoff-Realschule im Stadtteil Kirchlinde ist.

Geradezu wegweisend ist die konsequente und erstmals in Deutschland auch so durchgeführte Marketingstrategie für einen heimischen Film, wie sie für Isch kandidiere vollzogen wird, bewirbt ja nicht der Hauptdarsteller einer Figur den Film, sondern die Figur selbst. Das ist neu und verblüfft selbst professionelle Beobachter.

Und seit Kerkeling als Horst Schlämmer vor wenigen Wochen eine Pressekonferenz zum Film abgehalten hat, ist eine Metamorphose zwischen Darsteller und Figur zu besichtigen, die derart gelungen ist, daß - glaubt man Umfragen - fünf Prozent der Deutschen Horst Schlämmer und seine Partei HSP (Horst Schlämmer Partei) wählen würden, wäre es in echt. Jau! Das muß die politischen Angelas und Frank-Walters richtig schmerzen. Unbedingt.

 Mit Sprüchen wie "Was ihr nicht könnt, kann ich auch" (erweiterbar etwa auf: Was ihr nicht wißt, weiß ich auch nicht, auf jeden Fall aber besser), trifft er den bereits zu Zeiten des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker offengelegten Nerv von Politikverdrossenheit. Mit Statements wie "Ich hab Steiß", "Ich hab Rücken" oder "Ich hab Kreislauf" den von hunderttausenden von Rehabilitanden. 'Ich hab Kopf', 'Ich hab Magen-Darm', 'Ich hab Schulter' oder 'Ich hab Unterleib' - oder: Ich hab die Nase voll von Euch - ließe sich das Merchandising unendlich weiterführen.

Vor allem aber trifft Kerkeling mit dieser schnoddrigen, sich selbst oft nicht richtig ernstnehmenden, eher unattraktiven, erotisch nicht existenten Figur Horst Schlämmer auch etwas, was Politiker trotz hochbezahlter Berater überhaupt nicht auf dem Schirm zu haben scheinen - die Irrationalität, das Herz und die Seele des größten Teils der deutschen Bevölkerung. 

Und genau da wird es politisch, auch wenn Kerkeling thematisch nie politisch sein wollte, obwohl er es - siehe Beatrix - schon früh war. Er hat mit Horst Schlämmer beinahe spielerisch eine Figur erschaffen, die zwar im richtigen Leben nicht mal eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch für ein Volontariat bekommen würde, inhaltlich aber eine höchst politische ist. Wenn das gewollt war - Hut ab! Wenn das ganze eine Eigendynamik entwickelt hat, ohne es geplant zu haben - grandios! Film und Figur knüpfen letztlich da an, wo Kerkeling mit Kein Pardon aufgehört hatte.

Mann braucht sich wohl kaum Sorgen darüber zu machen, ob Kerkeling, der bis zum Tage mit 29 Preisen und Auszeichnungen geehrt wurde, aus der Schlämmer-Figur noch mal herauskommt. Er wird es, und es wird ihm gedankt und belohnt werden. Qualität hat sich schon immer durchgesetzt und bleibt von Dauer.

 Daß er aber jemals noch glaubhaft wird behaupten können, keine politischen Ansätze und Aussagen in seinem Œvre zu haben, darf bezweifelt werden. Wer den Adolf-Grimme-Preis und den Karl-Valentin-Orden verliehen bekommen hat, ist aus der unpolitischen Nummer raus. Und das ist gut so.

Mit der Figur des Horst Schlämmer, die die niederrheinsche Kleinstadt Grevenbroich im ganzen Land und über die nationalen Grenzen hinaus bekannt gemacht hat, hat Horst-Hape Kerkeling nicht nur der Notwendigkeit zum Blick aufs Lokale einen großen Dienst erwiesen, sondern besser als jedes Umfrageinstitut dazu in der Lage wäre auch gezeigt, was abgeht im Land, im Lokalen, bei den Menschen. Nur darauf kommt es an.

¹ Erst 1994 wurde dieser Paragraph aus dem Strafgesetzbuch ersatzlos gestrichen.

© Jonas Littfers

© GeoWis (2009-08-18)

Links

Interview mit Hape Kerkeling >>

Website Hape Kerkeling >>

Website von Tomas Rodriguez >>

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